Und da liegt dann das Blog

Blog.

Das Wort erinnert mich an eine Kurzgeschichte des Science-Fiction-Schriftstellers Philip K. Dick (einem visionären Erzähler, dem das Kino Blade Runner verdankt, diese trostloseste und zugleich schönste aller Dystopien, in der es immer regnet und Origami eine tragende Rolle spielt). Der deutsche Titel dieser Geschichte lautet: „Und da liegt dann das Wobb.“

Und das charakterisiert in etwa mein Verhältnis zu dem Wort „Blog“. Es klingt, als habe man sich daran verschluckt und es sogleich wieder hochgeröchelt wie einen Batzen Phlegma. Milliarden von Menschen lassen ihr Herzblut in ihre Katzen-, Koch- und Tech-Blogs einfließen, und doch hat sich für diese gewaltige, weltumspannende Liebesmühe ein so unsinnliches Wort etabliert. Und da steht es dann, „Blog“.

Ich schreibe gerne, und ich schreibe viel. Menschen, die nicht wissen, was ein Blog ist (es gibt sie noch – vermutlich bei Manufactum), erkläre ich es gerne so: Ich schreibe nicht täglich, aber von Tag zu Tag. Nisi serenas. Ist mein Blog also ein Tagebuch? Nun, Pferde fand ich schon immer doof, und für Boygroup-Hypes bin ich zu alt. Tagebuch geht also nicht. Bliebe noch das hochwohlgeborene Diarium. Das klingt furchtbar klug und auch ein wenig naturwissenschaftlich, als wäre ich ein Kräutlein in Gottes Herbarium, oder ein Marmorsplitter in Michelangelos Lapidarium. Damit kommen wir der Sache schon näher, zumindest, was die Bedeutung eines Blogs betrifft. – An schlechten Tagen klingt Diarium allerdings wie Diarrhoe, und wer liest schon gerne Schreibdurchfall?

Da nenne ich es doch lieber Journal. So ein wohlklingendes Wort: Wie es flüsternd anhebt, wie ein kleiner Geysir. Wie es dann mit dem dunkelsten der Vokale aus der Tiefe hervorzurufen scheint, und schließlich in einem erleichterten, verstehenden „aaa“ ausläuft, das ein kecker Zungenschlag beendet. Das beschreibt sehr anschaulich mein Schreiberlebnis. Zunächst brodelt da etwas in mir, ein inneres Zischeln, von dem ich noch gar nicht weiß, was es will. Noch ehe mir bewusst wird, was ich schreiben werde, höre ich die Wörter rufen: Echos, Schatten meines Bewusstseins wie in Platons Höhlengleichnis. Das Schreiben selbst, ebendieser Moment, jetzt, ist ein Glückszustand, ein Schweben und Fließen. Alles fügt sich; meine Finger tippen Sätze, noch ehe ich die Worte zu Ende gedacht habe. Und an guten Tagen schaffe ich es gar, das alles mit der nötigen Unbekümmertheit zu tun, sprezzatura, trallala, Journal.

Es geht also um jene Tage, die mein Leben ausmachen. Die, die ich festhalten möchte, für mich, für Ethnologen ferner, noch unentdeckter Galaxien, die uns dereinst besuchen werden (natürlich in friedlicher Absicht). Und für meine Eltern, die sich um ihr Kind bisweilen sorgen, weil es so ungern zum Telefon greift.

Muyserin.