„Du … MUTTI!“

Am Freitagnachmittag führen mich meine Besorgungen die Königsbrücker Straße entlang. Unter einem Baum auf der Wiese neben der Post sehe ich einen angeleinten Hund. Das wäre an und für sich nicht bemerkenswert, doch beträgt die aktuelle Außentemperatur 33 Grad. Einen Wassernapf kann ich nicht entdecken. Na gut, es ist ja kein Problem, kurz in die Post hineinzugehen und in die Runde der dort Anstehenden zu fragen, ob der Hund jemandem gehört. Tut er aber nicht. Eine vor den Stufen zur Post sitzende Bettlerin schüttelt auf meine Frage, ob das ihr Hund sei, ebenfalls den Kopf. Nun bin ich etwas alarmiert. Vielleicht ist der oder die HalterIn kurz über die Straße geeilt, wo es eine Menge Läden gibt: Ernsting’s, Blumenladen, Lottoannahmestelle, Bäcker etc. Oder aber Frauchen/Herrchen hat sich in der Bibliothek festgelesen. Nicht gut.

Also gehe ich nochmals in die Postfiliale und mache die Angestellten hinter den Schaltern auf den Hund aufmerksam, verbunden mit der Bitte, binnen der nächsten Stunde die Polizei zu alarmieren, falls ihn bis dahin niemand abgeholt hat. Alle nehmen Anteil, finden meinen Vorschlag gut und erklären sich bereit.

Ich bin schon fast wieder zur Tür hinaus und verabschiede mich noch von den Postfrauen, die zum Gucken mitgekommen waren, als ein junger Typ mit T-Shirt, kurzen Hosen und Bart mich annölt, was ich mich einmischen würde, dem Hund ginge es gut. Noch denke ich, es handelt sich um ein Missverständnis und werbe um Verständnis für mein Verhalten: „Ja, aber bei diesen Temperaturen und ohne Wasser kann sich das doch schnell ändern.“ Für ihn kein plausibler Grund – warum Spießer wie ich sich immer einmischen müssten? Daraufhin ich, betont sachlich: „Der Einzige, der sich aktuell einmischt, bist Du. Und außerdem ist ja alles geklärt. Wir können jetzt also beide unserer Wege gehen.“ Irgendwas an dieser Antwort scheint ihm nicht zu gefallen; er kommt nun geradewegs auf mich zu und wirft mir (mit für mein Empfinden deutlich zu geringem Körperabstand) ein „Du … MUTTI!“ an den Kopf.

Bravo, Sherlock Holmes, eine Meisterleistung, mich mit Baby in der Trage als Mutter zu identifizieren! Doch angesichts dieser Macho-Verbalattacke und seinem mir-und-meinem-Kind-auf-die-Pelle-Rücken ist es nun auch mit meiner Selbstbeherrschung vorbei. Ich fühle, wie eine beinahe heilige Wut mich überkommt: „Ja, bin ich, und Deine Mutter fände es bestimmt ziemlich armselig, dass Du ‚Mutti‘ als Schimpfwort gebrauchst.“ Daraufhin entgleiten seine Züge; beinahe kreischend bringt er ein „Meine Mutter ist VERDAMMT STOLZ auf mich!“ zustande. Ich kann es mir nicht verkneifen: „Ach ja, worauf denn? Deine Fähigkeit zur Empathie oder Deine charmante Art?“.

Als sich dann eine Postangestellte solidarisch an meine Seite gesellt, macht der Typ sich daran, Leine zu ziehen – nicht ohne dass ich ihm mit dem Frust der ganzen letzten Monate hinterherrufe:

„Leute wie Du sind der Grund, dass unser Land zunehmend den Bach hinunter geht!“

Das einzig Gute an der Sache? Der Hund war inzwischen weg.

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