„So geht sächsisch“? Notizen zur Bestattung von Khaled Idris Bahray

Ein Satz in einem Zeitungsartikel zur Bestattung des getöteten Asylbewerbers Khaled Idris Bahray stimmt mich sehr nachdenklich:

„Der 20-Jährige hatte in Dresden gewohnt, dort sei aber keine islamische Bestattung im Tuch möglich […]“

Daher fand die Beisetzung vergangenen Samstag in Berlin statt. Aus irgendeinem Grund fällt mir ein (fälschlicherweise Mahatma Gandhi zugeschriebenes) Sprichwort ein:

„The greatness of a nation and its moral progress can be judged by the way its animals are treated.“

Ich finde, Ähnliches lässt sich über unseren Umgang mit Toten sagen, der viel über den Wert verrät, welchen wir ihnen als Lebende beimaßen.

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Leserbrief an die Sächsische Zeitung vom Wochenende zum Thema Aufnahme von Flüchtlingen:

„[…] Die Straßen sehen aus wie Sau. […] Bevor man so etwas plant, sollte man wohl eher mal die wirklich wichtigen Sachen angehen.“

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Warum ist eine Bestattung nach islamischem Ritus innerhalb Deutschlands mal möglich, mal nicht? Verstößt das nicht gegen den Grundsatz, dass niemand aufgrund seines Glaubens benachteiligt werden darf? Vielleicht nicht de iure, sicher aber de facto. Die Probleme im Umgang mit Fremden ziehen sich über deren Tod hinaus.

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Die zunächst mysteriösen Todesumstände des Asylbewerbers scheinen ja mit der Festnahme seines Mitbewohners geklärt, auch wenn z. B. ein taz-Artikel weiterhin reißerisch titelt: „Verdacht gegen Verdacht“.

Mein Trauer für diesen Fremden bleibt von der neuen Faktenlage unberührt. Selbst wenn sich in Khaleds Blut „laut Obduktionsbericht ‚große Mengen‘ Drogenrückstände“  fanden, glaube ich nicht, dass sein Leben hier eine einzige große Party war. Nochmal die taz:

„‚Die sitzen wochenlang in der Wohnung und schlafen den ganzen Tag, ohne Kontakt zur Außenwelt.‘“ Etwa 200 Asylbewerber leben in Prohlis, 1,5 Betreuerstellen gibt es für sie, einer ist derzeit krank. Die Flüchtlinge, oft sehr jung, teils traumatisiert, sind sich selbst überlassen.“

Khaled hatte eine Mutter, die ihn zur Welt brachte, Hoffnungen für  ihn hatte, ihn durchs Leben gehen und glücklich werden sehen wollte.

Ein paar Seiten weiter seine Todesanzeige:

„Er suchte eine Zukunft und ein Leben in Freiheit.“

Der schlichte Satz berührt mich sehr. Das ist die Tragödie. Darum geht es für mich  im Kern, ungeachtet aller Umstände. Daher trauere ich mit Khaleds Familie, ungeachtet aller Umstände.

Die Unterzeichnenden sind AWO, Ausländerrat, Caritas und Flüchtlingsrat. In meinen Augen eine, wenn auch kleine, so doch wichtige Geste. In Dresden wird kein Grab an Khaled Idris Bahray erinnern.

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6 Kommentare zu „So geht sächsisch“? Notizen zur Bestattung von Khaled Idris Bahray

  1. Hmm, so reißerisch finde ich den taz-Artikel gar nicht, Kathrin … „Verdacht gegen Verdacht“ bezog sich eher auf die Stimmung, bevor man der Mitbewohner sein Geständnis ablegte …
    Ja, traurig ist es … andererseits ist es eben wie’s ist … so’n bisschen der worst-worst case irgendwie, doch so ist das eben manchmal.

    • Die Überschrift „Verdacht gegen Verdacht“ steht über einem Artikel, der auch die Ereignisse beschreibt, nachdem der Mitbewohner sein Geständnis ablegte:

      „DNA-Analysen an einem Messer haben Übereinstimmungen mit Proben von Bahrays Zimmergenossen Hassan S. ergeben, teilt die Staatsanwaltschaft mit. Der 26 Jahre alte Mitbewohner wurde am Morgen um 7 Uhr zum Verhör ins Polizeipräsidium gebracht. Am frühen Nachmittag gesteht er die Tat.“

      Das empfinde ich schon als reißerisch.

      Worauf gründet sich Deine Meinung, der Titel bezöge sich „eher auf die Stimmung, bevor der Mitbewohner sein Geständnis ablegte“? Wo im Text machst Du das fest?

      „Es ist, wie es ist“ lasse ich mir gefallen, weil man für Khaled nichts mehr tun kann. Nicht aber als „da kann man nichts machen, so sind sie halt, die [bitte Vorurteil der Wahl einsetzen].“ Man muss den Flüchtlingen hier andere Perspektiven aufzeigen und ihnen eine bessere Betreuung zukommen lassen. In so einer stupid-tristen Situation würden wir vielleicht ebenfalls zu Drogen greifen.

  2. Jane sagt:

    Hm. Das verstehe ich jetzt irgendwie nicht. Wieso ist in Dresden keine Bestattung nach islamischem Ritus möglich? Es gibt eine islamische Gemeinde, es gibt einen islamischen Begräbnisbereich. Vor knapp drei Jahren wurde er feierlich und mit viel TamTam auf dem Heidefriedhof eingeweiht. Es wurde an alles gedacht: Die Gräber sind gen Mekka ausgerichtet, ein Brunnen für das traditionelle Waschung steht zur Verfügung. http://www.dnn-online.de/dresden/web/dresden-nachrichten/detail/-/specific/Symbol-der-Akzeptanz-Grabfeld-fuer-muslimische-Gemeinde-auf-dem-Dresdner-Heidefriedhof-uebergeben-1589220877

    Und nun soll es an der Sargpflicht scheitern? Unter einem Ort, an dem Muslime nun „korrekt bestattet werden“ können, wie es damals zur Einweihung hieß, verstehe ich etwas anderes. Vielleicht liegt es auch daran, dass das Begräbnisfeld so wenig genutzt wird. Da hat man den Muslimen mal wieder einen Bären aufgebunden. Es würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn man ihnen verschwiegen hätte, dass die Sargpflicht trotzdem weiter besteht – und somit doch nicht korrekt islamisch beerdigt werden kann.

  3. Jane sagt:

    Schon auf meiner Liste, Peter. Zumal ich den Beitrag damals zur Eröffnung selbst gemacht hatte. Nun scheint das Ganze ja aber völlig sinnlos gewesen zu sein, wenn sich da nun eigentlich doch kein Muslim gern beerdigen lässt.

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