Zwanzig Jahre Dresden – mein subjektiver Rückblick auf die Frage, „Was hat Dich in den Osten verschlagen?“

„Was willst Du denn da? Da gibt es doch nichts!?“. Das war, ungelogen, die Standardreaktion meiner Klassenkameraden, wann immer die Sprache auf meine künftige Studienplatzwahl kam. „Da“ – das war Ostdeutschland; in ihren Augen hätte es ebenso gut Sibirien sein können. Rückblickend glaube ich, unser gymnasialer Geschichts- und Geografieunterricht wäre ausbaufähig gewesen.

Am 3. Oktober 2014 jährte sich der Tag, an dem ich des Studiums wegen nach Dresden übersiedelte, zum 20. Mal. Mit ein paar zusammengewürfelten Kochutensilien bezog ich ein Wohnheims-Doppelzimmer im frisch sanierten Max-Kade-Haus in der Südvorstadt.

Wie oft bekam ich in jenen Jahren die Frage zu hören: „Was hat Dich in den Osten verschlagen?“. Ich begann, diese Formulierung zu hassen und die, welche sie gedankenlos gebrauchten, zu verachten. Bald sparte ich mir die Wahrheit (dass es eine bewusste Entscheidung für die Studienbedingungen vor Ort gewesen war) und antwortete stattdessen mit todernster Miene: „Genosse Stalins Arm reicht weit.“

The summer of 1994.

Mein erster Dresden-Besuch anno 1994: krank und mit Astronautennahrung.

„Da gibt es doch nichts!“? – Wie ein Foto meines ersten Dresden-Besuch anlässlich der Aufnahmeprüfung für das Fach Kunstgeschichte im vorausgegangenen Sommer zeigt, gab es zumindest bereits Fast Food. Noch während dieses Aufenthaltes entwickelte ich hohes Fieber und konnte die Stadt kaum in Augenschein nehmen.

So blieb gerade mal Zeit für die Frauenkirchenruine, von der aus ich und mein damaliger Freund uns in völliger Planlosigkeit zur Elbe durchfragen (!) mussten, sowie einen nächtlichen Spaziergang entlang des gegenüberliegenden Ufers. Halb peinlich berührt, halb staunend wurden wir Zeuge, wie ein Pärchen auf einer der Bänke entlang der Elbe im Mondschein kopulierte, und wahrscheinlich war es dieses Gefühl – „Boa ey, Großstadt!“ –, das meinen Entschluss, hierher auszuwandern, unterfütterte.

Außer dem obigen Foto existieren von der damaligen Erkundigungsreise zwei weitere Aufnahmen: An der Yenidze waren wir wohl zufällig vorbeigefahren, und ich hoffte, sie dereinst in alter Pracht bewundern zu können:

Auf dem nächsten Bild erkenne ich mich an einem Ort, den ich bis heute nicht sicher identifizieren kann. Irgendwo Nähe August-Bebel-Straße? (Ein Facebook-Follower wusste des Rätsels Lösung: „Das Straßenfoto zeigt im Hintergrund die Mauern des Heinz-Steyer-Stadions, also gleich bei der Yenidze.“ – Danke, Alexander!)

Meine Dresden-Kenntnisse sollten sich im ersten Jahr nicht sonderlich vertiefen, denn mein damaliger Freund, mit dem ich seit der 11. Klasse „ging“, studierte am Bodensee, und so lernte ich im ersten Studienjahr dank des neu eingeführten Schönes-Wochenende-Tickets vor allem die Bahnhöfe auf der Strecke Dresden – Konstanz kennen: Chemnitz, Reichenbach, Plauen. Die Ostdeutschen mochten von diesen Bahnhöfen in die Freiheit aufgebrochen sein; ein halbes Jahrzehnt nach der Wende schien die DDR an ebenjenen Bahnhöfen noch immer enttäuscht auf die Rückkehr ihrer Bürger zu warten. Geruch, Service, Angebot: Nirgendwo blieb in meiner Wahrnehmung das DDR-Feeling virulenter, als während meiner stundenlangen Zwangsaufenthalte in diesen Bahnhofshallen.

Meine Neugierde auf Dresden wurde eigentlich erst in einem Proseminar geweckt, für welches das Institut für Kunstgeschichte Angestellte des Amt für Kultur und Denkmalschutz als Dozenten einlud. Es ist peinlich, wie lange ich da bereits in Dresden gelebt hatte, ohne auch nur eine ungefähre Vorstellung von der Stadt zu besitzen. Noch heute kann es geschehen, dass ich Plätze wieder entdecke, die ich vor fast zwei Jahrzehnten im Rahmen dieser Lehrveranstaltung kennengelernt und prompt wieder vergessen hatte.

Nun wohne ich also zwanzig Jahre hier, habe nacheinander die Südvorstadt und Strehlen, die Prager Straße, Karstadt, den Weißen Hirsch, das Preußische Viertel, IKEA Chemnitz, die Äußere Neustadt, das Hechtviertel, IKEA Dresden, Pieschen und zuletzt die Innere Neustadt kennengelernt. (Wie man sich in Striesen zurechtfinden soll, ist mir bis heute verborgen geblieben.)

Bin ich eine Dresdnerin? Natürlich bin ich hier gemeldet. Mein Sohn ist Dresdner. Mein Mann ist nicht hierzulande geboren, aber in dieser Stadt, unter den Fittichen des Kreuzchores, aufgewachsen. Ich wohne hier. Mein Leben spielt sich hier ab. Ein Rest Fremdheit ist geblieben. Ich mache daraus keinen Hehl. Ich finde, das ist gut so. Fremdsein heißt immer auch, die Dinge mit anderen Augen betrachten zu können.

Trotzdem und gerade deswegen hoffe ich, dass dieses kleine, zuletzt seltener gepflegte Journal den einen oder anderen Beitrag bereit hält, der meine Wertschätzung, meine Begeisterung und auch meine Liebe für diese Stadt, für ihre Menschen, Orte und Eigenarten zum Ausdruck bringt.

Ach ja: wenn alles gut geht, werde ich „’Rei’g’schmeckte“ im nächsten Frühjahr der Stadt Dresden einen weiteren gebürtigen Dresdner unterjubeln. Ätsch und freu!

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10 Kommentare zu Zwanzig Jahre Dresden – mein subjektiver Rückblick auf die Frage, „Was hat Dich in den Osten verschlagen?“

  1. excellensa sagt:

    Wie sich die Reaktionen gleichen. 10 Monate später zog ich der Arbeit zuliebe nach Chemnitz und die meistgestellte Frage war: Chemnitz, das ist hinter Dresden, nicht? Was willst Du denn da?
    Und ja, die Wertschätzung ist sichtbar. Und herzlichen Glückwunsch zur letzten Nachricht!

  2. Steffen sagt:

    Herzlichen Glückwunsch auch von mir zum Letzgeschriebenen. Ich für meinen Teil bin froh jetzt nur noch zur Hälfte in Dresden zu sein.

  3. Liebe Kathrin, bin erneut sehr angetan von deinem Text. Sehr schön. Auch wenn ich eine ganz andere Geschichte mit dieser Stadt habe. Mir gefällt der Stil deiner Erzählungen sehr. LG Martin

    • Lieber Martin, Deine Lob ist sehr großzügig, ich danke Dir! Auch Deine Sicht auf Dresden würde mich interessieren, und auch, ob es Dir jetzt in S. besser geht, und ob das daran liegt, dass Du wieder unter „Deinesgleichen“ lebst?

  4. Cora sagt:

    Liebe Kathrin, genauso hab ich dich in deinem ersten Jahrzent hier empfunden. Du reibst dich an der Stadt, begeisterst dich so wie ein Einheimischer wie ich es kaum hinbekomme, bist alleine hier und bleibst, klapperst mit deinen Pumps gestresst durch den Hecht. Du lebst hier, genau in diesem Sinn. Es gab einige Momente, wo ich dachte: „Jetzt zieht sie weg.“ Aber dann gibt es wieder hundert Dinge, mit denen du verwachsen bist. Schön, dass du noch da bist. Long time no see! Da ist es Zeit, deine 20 zu feiern. Herzlichen Glückwunsch zum baldigen Neudresdner. Liebe Grüße und lass uns busy Moms endlich mal daten. LG, Cora

    • Liebe Cora, wie ich mich freue, von Dir zu lesen! Allerdings muss ich in ein paar Punkten ergänzen: ich bin ja nicht mehr alleine hier, sondern bald sogar zu viert. Pumps? Pah! Ich trage wirklich nur noch ganz, ganz selten, und zwar, wenn mich ein Taxi von Tür zu Tür fährt und ich garantiert nur sitzen und hübsch aussehen muss, Absatzschuhe. Die hat mir eine Arthrose vergällt. Nur gestresst bin ich nach wie vor, aber ich versuche, es weniger und weniger so weit kommen zu lassen, und wenn es sich mal nicht vermeiden lässt, fällt es mir inziwschen leichter, mir zu sagen: „Dann ist es halt so.“ Wegen eines Dates schreibe ich Dir eine E-Mail. Liebe Grüße!

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  6. Ja, so ist das mit neuen Gegenden. Als ich nach meinem Studium nach Dresden zog, kannte ich mich hier ziemlich komplett nicht aus. Dabei habe ich mein ganzes Leben bereits in Sachsen verbracht und war auch mehrmals touristisch hier unterwegs. Hilft halt nichts.

    Mit einmal alle 3-4 Jahre durch die Altstadt fahren und 1-2 Museen besuchen lernt man eine Stadt offensichtlich nicht kennen.
    Die erste Zeit in Dresden habe ich es dann auch nur geschafft von Arbeit zum Laden, nach Hause zu laufen und mich gerade mal 1-2x in die Neustadt oder in die Einkaufstempel der Altstadt verirrt.
    Wirklich gesehen habe ich die Stadt dann erst durch Hobbies. Erst Geocaching und jetzt ausgedehnte Fahrradtouren erzwangen quasi dass man auch mal durch die „uninteressanten“ Straßen läuft/fährt.

    (Aus genau dem Grund haben wir auch die letzten Urlaube jeweils Paris/Marseille/Porto/Lissabon fast komplett nur erlaufen und nach ca. 50km Fußweg durch eine Stadt hat man deutlich bessere Vorstellungen von dem Gebiet)

    Inzwischen bin auch ich schon wieder 6-7 Jahre hier und würde mich als Dresdner bezeichnen. Ich glaube ich könnte von jeder beliebigen Stelle der Stadt problemlos nach hause finden, aber natürlich kenne ich nicht alles. Das würde ich nicht mal von der <10K-Einwohner-Stadt behaupten aus der ich komme und in der ich die ersten 20 Jahre meines Lebens verbrachte. Kann man eine Stadt überhaupt vollständig kennen?

    • Danke für Deinen Kommentar, bitte entschuldige die späte Rückmeldung.

      Gut zwanzig Jahre nach meinem Wegzug kenne ich mich nicht mal mehr in meinem 3000-Seelen-„Heimat“städtchen aus. zumindest nicht in den Neubaugebieten. In der 25000-Einwohner-Stadt Rottweil, wo ich ein Gymnasium besuchte, gleich gar nicht. Weder war ich dort schon überall, noch reichen die immer seltener werdenden Besuche von wenigen tagen Dauer für eine Erkundung.

      Geocaching mache ich nicht, aber Fahrradfahren durch Dresden finde ich auch immer wieder lohnenswert. Man entdeckt immer wieder hübsche Ecken.

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