Kindesmisshandlung – wie soll man konkret reagieren?

Lustige Spielsachen, ernstes Thema: Google-Doodle zum Weltkindertag 2014

Das gestrige Google Doodle galt dem heutigen Weltkindertag 2014.

Ich möchte das zum Anlass nehmen, über einen Vorfall aus meinem Leben zu schreiben, der sich Anfang des Jahres ereignete, und damit die Frage verknüpfen, wie eine angemessene Reaktion aussehen könnte, wenn man Zeuge von Kindesmisshandlung wird.

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Gewalt in der Erziehung – eine Frage der Definition

Die Situation in den USA – ein aktuelles Beispiel offenbart System

Anfang der Woche wurde bekannt, dass die US-amerikanische NFL nicht nur ein Problem mit Gewalt gegen Frauen hat, sondern auch mit Kindesmisshandlung. Meiner Meinung nach bringt es wenig, mit dem Finger auf einzelne Individuen zu zeigen, auch wenn der konkrete Fall, in dem ein Vierjähriger so hart mit einem Zweig auf die Innenschenkel und Genitalien gepeitscht wurde, dass auch Tage später noch blutige Striemen erkennbar waren, mich schockierte.

Schockierend empfand ich auch die Rechtfertigungen des Vaters und derer, die ihm zu Hilfe eilten – das berühmte Bibelwort „Spare the rod, spoil the child“ musste natürlich wieder herhalten, ebenso wie die Tatsache, dass es zur Kultur schwarzer Eltern gehöre, ihre Kinder zu züchtigen, und das sei zu respektieren.

Nachdem ich aber erfahren hatte, dass körperliche Züchtigung in den Vereinigten Staaten von Amerika bis heute in keinem Bundesstaat verboten ist, in manchen sogar nach wie vor sogar an Schulen erlaubt, ist dieser Umstand für mich der viel größere Skandal. (Dass der Staat gleichzeitig aus Sorge um die Psychohygiene von Kindern Kinderlektüre verbietet, die wir Europäer als harmlos oder pädagogisch wertvoll erachten, ist nur eine Paradoxie am Rande.)

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Aktuelle Gesetzeslage in Deutschland

Seit dem Jahr 2000 sind Eltern „körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen“ untersagt. Ich befürworte dies. Denn auch wenn dieses Verbot noch nicht einmal allen Eltern bewusst sein mag, eine derartige „Einmischung“ des Staates auch keinesfalls allen schmecken mag, und viele sich nach wie vor nicht strikt daran halten werden – solange der Gesetzgeber hier keine klaren Grenzen zieht, wird es immer Schlupflöcher für Rechtfertigungsversuche geben, die heutige Erkenntnisse über die menschliche Psyche, soziale Interaktion etc. völlig außer Acht lassen.

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Schockiertes Schweigen

Zurück zum eingangs erwähnten Vorfall. Er ereignete sich im März, als ich mit meinem Sohn ein paar Tage in Berlin war, um mich um meine Neffen zu kümmern.

Ich war gerade dabei, den Kindersitz des Fahrrads meiner Schwägerin startklar zu machen, das am Zaun vor dem Hauseingang angeschlossen war. Auf dem Bürgersteig direkt vor dem Haus hatte ein Kleinbus geparkt, in dem sich eine Frau mit zwei Mädchen (vermutlich eine Mutter mit ihren Töchtern) befand. Ein kurzer Blick verriet mir, dass die größere, etwa Zwölfjährige bereits angeschnallt auf dem Vordersitz saß. Die Mutter machte sich derweil am Gurt des Kindersitz der vielleicht Vier- bis Fünfjährigen zu schaffen.

Da ich etwas unter Zeitdruck stand und mit meinem eigenen Kram beschäftigt war, nahm ich zunächst keine weitere Notiz von den Dreien. Erst, als die Mutter laut wurde, sah ich wieder auf. Sie hatte sich über ihre kleine Tochter gebeugt, beschimpfte sie als „blöde Kuh“ — und boxte mit geballten Fäusten in die Rippen des Kindes. Einmal links, einmal rechts.

Ich war so fassungslos, dass ich von meinem Tun abließ und einfach nur dastand. In dem Moment, als ich mich aufrichtete, bemerkte mich die Mutter, kletterte über die Tochter in das Auto und warf von innen die Schiebetür zu.

Ich wollte nicht wegsehen, aber viel mehr, als hinzusehen, fiel mir immer noch nicht ein. So starrte ich denn eindringlich in Richtung der getönten Scheiben, die nichts darüber verrieten, was im Inneren des Wagens vor sich ging. Kein Laut drang nach draußen. Nur das große Mädchen sah mich traurig und unverwandt an. Sie schien nicht sonderlich überrascht von dem, was eben passiert war.

Ich rang sehr mit mir, aber ich musste auch den fünfjährigen Neffen vom Kindergarten abholen, wo man über mein Zuspätkommen wenig erfreut sein würde. Also ging ich kurz in den Garten hinter dem Haus, holte meinen Sohn – und da war der Bus auch schon weggefahren.

Als ich ihn am nächsten Tag wenige Meter entfernt stehen sah, zog ich daraus den Schluss, dass die Familie eventuell hier wohnte. Und dass es der Frau daher nicht egal sein konnte, „was die Nachbarn denken“ (sie wusste ja nicht, dass ich nur zu Besuch war).

Ein Brief zwischen Hilflosigkeit und Hilfsangebot

Zunächst versuchte ich, mich im Netz zu informieren, wie ich mich korrekt verhalten sollte. Eine kurze Suche im Internet war leider unergiebig, daher rief ich den Kinderschutzbund an. Dort riet man mir, die Mutter darauf hinzuweisen, dass ihr Verhalten falsch war und sie zu animieren, sich Hilfe zu besorgen. Was ich dann auch tat:

Reicht ein Brief an die Eltern, wenn man Zeuge von Gewalt gegen Kinder wurde?

Reicht ein Brief an die Eltern, wenn man Zeuge von Gewalt gegen Kinder wurde?

Den Brief klemmte ich zusammengefaltet hinter die Scheibenwischer der Frontscheibe.

Zunächst war ich erleichtert, diesmal einen aktiven Schritt unternommen zu haben. Denn es war ja nicht das erste Mal, dass ich Zeugin gewalttätiger und demütigender Erziehungsmethoden geworden war. Angesichts der Ohnmacht und anschließenden Wut, die ich damals auf mich selbst verspürte, hatte ich mir geschworen, mich in Zukunft anders zu verhalten. Und das hatte ich hiermit ja nun getan, oder?

Doch nach einer Weile beschlichen mich wieder Zweifel. Ich hatte versucht, es so zu formulieren, als verurteile ich die Mutter nicht. Aber konnte ich mir sicher sein, dass mein Brief ihrem Verhalten zukünftig Einhalt gebieten würden? Hatte ich letzten Endes die Kinder nicht doch der Willkür ihrer Mutter und damit ihrem Schicksal überlassen?

Es dämmerte mir, dass keine noch so wohl überlegten Worte mich jemals von dem Gefühl entbinden werden, auf der Stelle einschreiten zu wollen. Auch wenn das blindem Aktionismus ähneln mag. Auch wenn es letzten Endes nur meine Hilflosigkeit übertünchen soll. Und – auch wenn ich damit an eines der größten Tabus rühre, das in unserer Gesellschaft unter Eltern existiert.

Der Erziehungsstil anderer Eltern – ein Tabu

Ich spreche von dem ungeschriebenen und dennoch von den allermeisten Eltern befolgte Gesetz, keinesfalls die Erziehungsmethoden anderer Eltern zu kritisieren. Wer jemals in einem schwachen Moment die Nerven gegenüber seinem Kind verlor, sei es an der Supermarktkasse oder auf dem Spielplatz, wird in aller Regel missbilligende Blicke kassieren. Das war’s dann aber auch. Und in dem Moment, wo man selbst die Fassung verliert, selbst frustriert sein Kind anherrscht, ist man unendlich erleichtert, dass man sich später nur mit dem eigenen schlechten Gewissen herumschlagen muss und nicht auch noch mit der Kritik von Fremden.

Aber vielleicht geht es ja doch anders. Warum fällt es uns als Gesellschaft so verdammt schwer, als Zeuge einer solchen Situation so zu reagieren, dass wir den Kindern und Eltern gleichermaßen gerecht werden? Wonach ich suche, ist ein Verhalten, mit dem ich ein Kind momentan aus einer solchen bedrohlichen Situation herausnehmen könnte, um gleichzeitig der Mutter, dem Vater oder den Eltern die Chance zu geben, innezuhalten und sich zu beruhigen. Aber die Scheu vor einer verbalen Watsche à la „Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten“ oder „Wie ich meine Kinder erziehe, geht niemanden etwas an“, sitzt offensichtlich so tief, dass sie die Angst übertrumpft, dass einem Kind Unrecht geschieht oder es leidet. Das ist doch nicht normal, oder? Und doch ist es in meiner Beobachtung die Norm.

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Was fehlt: ein offizieller Ratgeber

Eine Sache, die meiner Meinung nach helfen würde, Mut zu fassen, wäre ein Ratgeber, der nicht erst nach langem Googeln, sondern mittels weniger Stichworte an oberster Stelle erschiene. „Was tun bei Gewalt gegen Kinder“ – diese und ähnliche Wortkombinationen (ich habe einige ausprobiert und lange gesucht) verweisen leider fast ausschließlich auf Leitfäden für Ärzte, Pädagogen und andere Berufe, die Auffälligkeiten melden müssen. Als zufällig Involvierter kann man damit wenig anfangen, zumal diesen PDFs bisweilen seitenlange Vorworte irgendwelcher Honoratioren vorangestellt sind – sinnlos! Es könnte aber in einer Situation der Verunsicherung doch hilfreich sein, bestätigt zu bekommen, dass Gewalt gegen Kinder einen größeren Tabubruch darstellt, als Einmischung in fremde Familienangelegenheiten.

Was schonmal geht: ein neuer Merksatz als Einstieg

Wenn ich heute noch einmal in der selben Situation wäre, würde ich etwas sagen. „Hallo – brauchen Sie Hilfe?“, zum Beispiel. Es mag nicht der ausgefeilteste Spruch sein, aber er hätte der Frau gezeigt, dass ich keine passive Umstehende bin, sondern mich aktiv in ihre Situation involviere. Dass ich ihr Verhalten alarmierend genug finde, um sie anzusprechen. Und er hätte vielleicht den Moment durchbrochen und der Frau Gelegenheit gegeben, ihr Verhalten zu reflektieren.

Ich befürchte, dass es immer wieder Situationen geben wird, die mich so schockieren, dass ich nicht angemessen reagieren kann. „Hallo – brauchen Sie Hilfe?“ – diesen Satz will ich mir einbläuen, um ihn im Notfall parat zu haben.

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8 Kommentare zu Kindesmisshandlung – wie soll man konkret reagieren?

  1. La Perla sagt:

    Danke für diesen Beitrag!

  2. Robert sagt:

    Hallo,
    ich fand den Beitrag wirklich gut geschrieben! Die Situation gestaltet sich natürlich sehr heikel, da man trotz der Gesetze in Deutschland ja selbst bei offener Gewalt gegen Kinder die man bei Nachbarn beobachtet, nicht wirklich etwas unternehmen kann. Die Jugendämter interessiert es oft nicht oder stellen einen Familienbetreuer der im Endeffekt genauso wenig unternehmen kann. Die Idee mit dem Brief fand ich toll, besonders der Hinweis auf die Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Der letzte Satz sollte wahrscheinlich wirklich das erste sein, was man in so einer Situation sagen kann. Aber ich finde es auch wichtig, der Mutter eindeutig zu zeigen, was sie da eigentlich tut. Sie missbraucht ihre Macht als Mutter und zerstört nicht nur die Beziehung zu ihrer Tochter, sondern schädigt hier ein menschliches Individuum für ihr komplettes Leben. Wer so etwas tut, sollte sich wirklich fragen, warum er oder sie überhaupt Kinder hat.

  3. Annekatrin sagt:

    Ein wichtiges Thema und eine Frage, die mich auch schon lange beschäftigt. Das Dilemma wird sich nie ganz lösen lassen, der Weg, sich selbst nicht als besser hinzustellen und statt Empörung und Verurteilung erstmal Hilfe anzubieten, ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Ein Aspekt, den ich gern ergänzen möchte: bei misshandelten Kindern sitzt die Überzeugung, selbst schuld zu sein, sehr tief. Es ist darum essentiell wichtig, dass diese Kinder erleben, dass andere Erwachsene nicht dulden, was ihnen da passiert, sondern die Stimme erheben. Die große Kunst besteht eben darin, es so zu tun, dass der Erwachsene die Möglichkeit, bekommt, sein Gesicht zu wahren (alles andere führt auch womöglich nur zu noch größerer Aggression).

  4. Mariesche sagt:

    Puh, was für eine schwere, beschissene Situation (für alle). Ich fürchte, dass Ansprechen hier wirklich der einzig richtige Weg ist. Vielleicht sitzt diese Mutter abends erschöpft und alleine auf dem Sofa, fühlt sich schuldig, hilflos, als Versagerin. Ein Brief, der sie ja auch erst später erreicht, hilft ihr da vielleicht nicht weiter, sondern verstärkt ihre schlechten Gefühle – obwohl er wirklich sehr verständnisvoll und toll geschrieben ist! Ein konkretes Hilfsangebot ist da sicherlich der bessere Weg. Und dennoch habe ich das dumpfe Gefühl, dass leider weder ein unmittelbares Ansprechen noch ein späterer Brief hilft. Wenn man die Mutter in solchen Fällen direkt anspricht, wird die Hilfe, so meine Befürchtung, in 95% der Fälle nicht angenommen werden. Sie fühlt sich unfähig und in einer solchen Situation (gestresst, mit den Nerven am Ende, und zusätzlichen Selbstzweifeln, dem Wissen, dass man hier gerade vollkommen falsch reagiert) erfordert es sehr viel Kraft innezuhalten, das „Scheitern“ einzugestehen und Hilfe anzunehmen. Und wenn man später einen Brief bekommt? Fühlt man sich auch nicht besser, sondern glaubt, dass man schlechter ist als andere. Ach man, das ist ja furchtbar deprimierend! Aber wichtig, dass Du es ansprichst. Und – wenn in 95% der Fälle die Hilfe nicht angenommen wird, sind vielleicht 5% der Mütter dankbar. Wobei dass so klingt, als würdest Du täglich 50 dieser Situationen erleben, was – Gott sei dank? – nicht so ist.

  5. Christiane sagt:

    Ein sehr gelungener Artikel.
    Und doch zeigt er, wie hilflos man oft ist. Unser alter Kindergarten lag in einem sog. Problemviertel der Stadt, und ohne dass ich Vorurteile hatte, war schnell klar, dass hier ein anderer Umgangston herrscht, sowohl unter den Kindern, als auch oftmals zwischen Eltern und Kindern. Nicht umsonst sprach eine Erzieherin bei unserem Abschied im Sommer von „Sozialarbeit mit geregelten Arbeitszeiten“. Aber hier fängt es doch oftmals schon an: beim respektvollen Umgangston, auch gegenüber den Kindern.
    Auf der anderen Seite wurde ich auf der Straße auch schon schräg angesehen, als ich hinter meinem Kind auf dem Laufrad brüllte, sie möge SOFORT stehen bleiben. Ich habe wirklich gebrüllt. Denn sie war damals quasi taub und radelte unbekümmert auf die Straße zu… Danach durfte sie nur noch dicht neben mir fahren, bis die endlich Paukenröhrchen hatte.
    Aber auch bei uns ist körperliche Gewalt absolut tabu. Nichtsdestotrotz wüsste ich nicht, wie ich mich verhalten sollte, würde mir ein Fall auffallen… :-(

  6. Inzwischen bin ich durch eine Plakataktion auf das Opfer-Telefon des Weißen Rings gestoßen: 116006.

  7. Pingback: Gegen Gewalt an Kindern: Opfer-Telefon des Weißen – Journal ohne IsmusJournal ohne Ismus

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