Wahlwerbung mit Kollateralschäden

Am Vorabend der Wahl stach mir heute ein Auswuchs des Wahkampfs ins Auge, der im Ergebnis nur als Pyrrhussieg bezeichnet werden kann. Denn diese Wahlwerbung hatte einfach alles – wenn man darunter Kollateralschäden für alle Beteiligten versteht: Publikationsorgan, Porträtierte und Sponsor.

Screenshot: „Das CANALETTO Gespräch“ – ein „AnzeigenSpezial“ in den DNN vom 30.8.2014.

Screenshot: „Das CANALETTO Gespräch“ – ein „AnzeigenSpezial“ in den DNN vom 30.8.2014.

  • Algerian – Check!
  • Deppenleerzeichen – Check!
  • Kamelhöcker – Check!
  • Godzilla – Check!

Meiner Meinung nach

  • schädigen anbiedernde Rechtschreibfehler wie fehlende Bindestriche („CANALETTO Gespräch“) und Binnenmajuskeln („AnzeigenSpezial“) das Image einer seriösen Tageszeitung
  • gereicht die Art und Weise, wie Frau Jähnigen ohne Sinn für Proportionen hinter die Stadtsilhouette montiert wurde, jedem B-Movie zur Ehre
  • sind leise Zweifel angebracht, ob die Schriftart Algerian – diese aus der Steinzeit des Desktop-Publishing stammende und nach Comic Sans wahrscheinlich meist geschmähte Schriftart – angemessen visualisiert, wie das Restaurant Canaletto im Westin Bellevue sich selbst beschreibt: nämlich „kreativ | innovativ | modern“ .
PS Die sich über Dresden zusammenbrauenden Gewitterwolken sind meine Schwärzung, denn obwohl ich hier die Dresdner Neuesten Nachrichten kritisiere, zähle ich gleichzeitig zu den Abonnenten, respektiere schöpferische Inhalte und wünsche dem Blatt und seinen Mitarbeitern in schwieriger Zeit alles Gute.
Auch Frau Jähnigen stehe ich neutral gegenüber – ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich ad-hominem-Argumente generell und insbesondere solche, die Frauenkörper in einem negativen Licht darstellen, ablehne. Meine Kritik gilt also nicht Frau Jähnigens Statur, sondern der Montage.
Und zu guter Letzt: ich war noch nie im Canaletto essen und stehe dem Restaurant ebenfalls unparteiisch gegenüber.
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38 Kommentare zu Wahlwerbung mit Kollateralschäden

  1. stefanolix sagt:

    Der Hinweis »AnzeigenSpezial« ist ja sehr klein gedruckt. Man könnte fast vom Kleinstgedruckten sprechen. Folglich musste man den Schriftzug »Das Canaletto Gespräch« extra gräßlich gestalten, um auf den werblichen Charakter hinzuweisen ;-)

  2. Leider verliert der Text durch die vielen Neutralisierungen. Dss ist schade. Kritik an schlechter Arbeit, zumal von Profis, bedeutet keinen Arbeitsplatzverlust. Und nur weil es dem Blatt schlecht geht, ist sie nicht vor Kritik geschützt. Vielmehr gilt es hier zu fragen, wie professionelle Mediengestalter so einen Mist zusammen bauen können. Leider fragst du das nu rzhalbherzig. Deshalb, ich lese deine Texte gerne, würde mich aber über mehr Mut zum Standpunkt freuen und weniger Distanzierung

    • Ich respektiere Deine Kritik, aber im Leben ist nicht alles schwarzweiß. Man kennt einander im kleinen Dresden. Die Arbeitsplatzsorgen der DNNler kann ich aus erster Hand erfahren, und mit dem Thema Arbeitslosigkeit im eigenen Haushalt gesellt sich zur Kritik auch Empathie. Aber, ich mag das Zeitunglesen. Darum wünsche ich mir eine Zeitung, die einen guten Job macht. Und darum habe ich auch was geschrieben.

  3. Frank sagt:

    Auch ein ziemlich bemerkenswerter Rechtschreibfehler in Wahlwerbung der Grünen (wurde dann aber schnell entfernt):
    https://fbcdn-sphotos-e-a.akamaihd.net/hphotos-ak-xfa1/t31.0-8/10348839_10203484365044496_7762676991288002714_o.jpg

  4. Ich habe den Beitrag in den DNN auch wahrgenommen, ihn aber nicht als Werbung sondern als Inhalt interpretiert, ohne ihn zu lesen. Dass es sich hier um eine Anzeige handelt, ist mir erst durch Deinen Artikel aufgefallen.

    So muss ich mich nun fragen, ob dann ggf. der Artikel am Freitag auf Seite 3 Werbung für die NPD oder am Ende doch ein journalistischer Beitrag sein sollte? So ein prominent platzierter Beitrag über eine Partei kurz vorm Untergang 2 Tage vor der Wahl kann man eigentlich nur als Unterstützungsversuch interpretieren ;-(.

    Bei den DNN verschwimmen immer mehr die Grenzen zwischen Werbung und Journalismus. Richtig bitter war die unverblümte Werbung auf den Webseiten für die Totgeburt DE-Mail, die sich sowohl in Schriftart und Funktionalität (man konnte sogar kommentieren!) nicht von normalen Artikeln unterschied. Lediglich ein hellgraues ‚Anzeige‘ war mit etwas Suchen zu entdecken.

    So langsam wird hier wirklich um Abo-Kündigungen gebettelt. Hier scheint der Eigentümer aus Niedersachsen auf Kosten der Seriosität die Zeitung zum Negativen umzugestalten. Darauf kann ich verzichten und viele andere wohl auch. Schade eigentlich, da das abendliche Lesen der Zeitung doch recht angenehm ist. Aber leider nicht mit diesem Preis/Leistungsverhältnis.

    • Danke für den Kommentar.

      Was den NPD-Artikel betrifft, muss ich die DNN in Schutz nehmen. Ja, ich weiß, Du hast Deine Bemerkung mittels des Smileys relativiert, aber gerade hier finde ich gut, dass die DNN so kurz vor der Wahl die ganze Misere der NPD nochmals ausführlich beleuchtet. Das war sicher kein sympathiegeschwängerter Spendenaufruf!

      Bei meiner Tageszeitung ist mir das Preis-Leistungsverhältnis wurscht. Wenn sie gut gemacht ist, darf sie auch was kosten.

      • Kleiner Nachtrag zum Preis/Leistungsverhältnis:
        Ich habe keine Probleme für guten Journalismus zu bezahlen. Für mein Abo-Entgelt erwarte ich aber eine gewisse Gegenleistung, die aus mehr bestehen sollte, als nur Agenturmeldungen und Werbung auf Papier in meinen Briefkasten zu befördern. Dazu gehört es, Artikel inhaltlich sauber zu recherchieren und die (sicher notwendigen benötigten) Anzeigen als solche eindeutig kenntlich zu machen. Besonders letzteres vermisse ich in den Monaten seit dem letzten Facelifting der Zeitung, zumal der Preis pro Ausgabe in den letzten Jahren auch deutlich über Inflationsniveau gestiegen ist. Wenn man mir nun versucht, Werbung als Inhalt unterzujubeln, dies auf konkrete Nachfrage, auch noch abstreitet und banalisiert, dann ist das Ziel eindeutig verfehlt.

        Als Interessent an aktuellen Nachrichten kann ich mir nun überlegen, wie ich mein Budget an die Journalisten verteile. Die Zeiten, in denen ich auf ein oder zwei Lokalzeitungen angewiesen war, sind vorbei. Somit muss die Bindung an eine Redaktion für mich einen Mehrwert gegenüber der täglich neuen Entscheidung, welche Zeitung/Webseite ich denn heute lesen möchte, bieten. Man hat nicht mehr nur eine Informationsquelle, auch wenn das Geschäftsmodell der Zeitungen noch darauf beruht. Ich möchte mich aus mehreren Quellen informieren, auch schon, um mal ein paar neue Sichtweise auf Bekanntes zu erhalten. Dafür bin ich dann natürlich auch bereit zu bezahlen. Die Zeiten der Bindung an eine Zeitung dürften vorbei sein. Warum gibt es z.B. von keiner (mir bekannte) deutschen Tageszeitung die Möglichkeit, eine einzelne Ausgabe in einem brauchbaren (!) Format elektronisch zu kaufen? Wenn mir im Moment ein Artikel interessant erscheint habe ich nur die Möglichkeit mir am Kiosk die aktuelle Ausgabe zu kaufen (die von gestern ist ja schon weg), ich kann ein Abo abschließen oder ich lasse es bleiben. Nichts davon ist wirklich attraktiv.

        Fazit: Ein Produkt muss für mich attraktiv genug sein, damit ich es mir kaufe. Aus Mitleid mit den Angestellten bin ich selten bereit, Geld auszugeben. Ich bin inzwischen so ziemlich der Meinung, dass die Leistung, die die DNN abliefern, den geforderten Preis nicht mehr rechtfertigt. Das trifft aber auf alle Zeitungen zu. Noch siegt die Bequemlichkeit, die Kündigung zu tippen. Mal sehen wie lange noch …

        • Hast du den Krautreportern eine Chance gegeben?

          • Jein. Ich glaube, dass die durchaus etwas präsentieren können, was ich dann kaufen würde. Ich bin aber nicht bereit €60 auf gut Glück zu investieren, ohne nur einen Hauch einer Ahnung zu haben, was ich dafür bekommen. Außerdem steht da auch wieder eine Bindung an eine Redaktion mit Abo dahinter. Ich werde das Projekt weiter verfolgen. Wenn es dann auch mal eine Ausgabe gibt, werde ich sicher ein Probeexemplar kaufen.

            Wie schon geschrieben, würde ich auch gerne mal einen einzelnen Artikel oder eine Ausgabe einer Zeitung kaufen. Ersteres geht zu selten (aber u.a. z.B. bei der taz und das nutze ich auch) und letzteres ist mir bisher nur als PDF unter gekommen (keine Ahnung wo das war, habe mir dann aber eine Papierausgabe besorgt, da Kaufprozess zu kompliziert). PDF ist schon am Rechner nicht sinnvoll lesbar. Am Handy aber überhaupt nicht mehr.

            Wegen des sinnfeien PDF-Formats hatte ich sogar die DNN mal angeschrieben. Antwort (sinngemäß): das ist vom Marketing so gewollt und eigentlich auch allen klar, dass das Mist ist :)

        • Nachtrag: Ich habe gerade erfahren, dass die Rhein-Zeitung (www.rhein-zeitung.de/) mit Zahlungsmodellen experimentiert: 2 Artikel pro Tag kostenlos. Dann hat man die Option entweder 90ct für 24h oder €6,90 für einen Monat über Handy oder Paypal zu zahlen. Jahresabo geht auch. So wie es aussieht geht das sogar ohne Anmeldung. Wie die dann die Nutzererkennung machen, habe ich nicht ausprobiert. Vermutlich über IP-Adresse und Browser-Kennung.

          Es entwickelt sich somit etwas :-). Das klingt auf jeden Fall schon brauchbar und fair.

  5. Ich stimme dir zu, Kathrin,wenn’s um’s WIE geht, kenne jedoch das WAS des Artikels nicht … doch freilich: das Auge liest mit.
    Da ich für die DNN keine Werbung machen muss, kann ich auch meine Meinung zum fehlenden Bindestrich zwischen „CANALETTO“ und „Gespräch“ schreiben … da würde sich die Frage stellen, welche Schriftart man verwenden will – die von „CANALETTO“ oder die von „Gespräch“ … und da beides dumm aussieht, lässt man ihn eben weg – im Sinne der künstlerischen Freiheit würde ich da Milde walten lassen.

    So, jetzt schaue ich mal was Kamelhöcker sind und was Godzilla bedeutet – „sorry“, der Laie in mir :)

  6. Dirk Muysers sagt:

    Nach Algerian, ein Paar andere Horror-Typefaces:
    1. Brush Script
    “Brush Script is a useful tool for identifying morons. It is the typeface equivalent of the backwards worn baseball cap.”
    2. Curls
    The only time you should ever print something in Curlz is if you’re making invitations for a 6-year-old girl’s birthday party—and even then, you owe it to that little girl to use a more creative font.
    3. Vivaldi
    If you want your print media to look like someone’s wedding invitation, use Vivaldi.

  7. stefanolix sagt:

    Nach dem Urlaub habe ich den Stapel DNN abgearbeitet und mir noch mal diese Anzeige angeschaut. Auf dem freigestellten Foto der Politikerin ist mir die sehr unvorteilhafte Kleidung aufgefallen. So »Jeans in Jeans« kann man sich eigentlich in einer Wahlanzeige nicht präsentieren. Und der rote Schal gehört sowieso zu roten Parteien bzw. zu roten Politikern oder Politikerinnen. Ich kenne ja nicht die Entstehungsgeschichte der Anzeige. Aber eine Stilberaterin wurde dabei ganz sicher nicht zu Rate gezogen.

    • Ich teile Deine Ansicht nicht. Was „man“ bzw. Frau kann oder nicht, unterliegt subjektiven und sich stetig wandelnden Kriterien. Daher ist die Aussage, man könne sich im Kontext einer Wahlanzeige so nicht präsentieren, für mich überkommen. Denken wir doch mal an Joschka Fischers Turnschuhe zurück, dieses Paradebeispiel für die widerstreitenden Kräfte zwischen Dekorum und Individualität in der Politik.

      Mich hat nicht gestört, was Frau Jähnigen trug, selbst wenn mir das Outfit subjektiv nicht gefiel. Gut, der rote Schal mag hinsichtlich seiner Symbolwirkung nicht die smarteste Wahl gewesen sein, aber eigentlich finde ich es erfrischend, wenn Politikerinnen den Mut besitzen, sich nicht zu jedem Termin wie das Klischeebild einer Politikerin zu kleiden (siehe auch –> Palin, Sarah).

      • stefanolix sagt:

        Joschka Fischers Turnschuhe waren an jenem Tag eine Provokation. Er ist später in feinstem Zwirn und mit richtig teuren Schuhen aufgetreten. Ich glaube nicht, dass Frau Jähnigen mit ihrer Jeans-Kombination provozieren wollte ;-)

        Ich bin nicht der Meinung, dass sich Frau Jähnigen auf den Fotos verstellen soll oder dass man sie per Photoshop verfremden sollte. Wenn ich mich über sie und ihr Bild äußere, dann mit jeglichem Respekt vor der Person.

        Wenn der Beitrag in der Zeitung eine (werbende) Anzeige werden soll, dann wird das Foto nicht beim Interview gemacht. Dann wird normalerweise ein professionell gemachtes Foto eingesetzt. Ich habe Frau Jähnigen von anderen Fotos oder auch von Auftritten im Wahlkampf nicht so in Erinnerung. Sie trägt m. W. eine eher alternative Kleidung, bei der man sich als Laie vorstellen kann, dass sie im Eine-Welt-Laden oder in alternativen Boutiquen zusammengestellt wird. Demgegenüber sehe ich in dieser Jeans-Kleidung keine gute Lösung für eine Anzeige.

        PS: Wenn ich bei Google nach ihr suche und auf die Kategorie »Bilder« gehe, sehe ich ad hoc auch keines mit Jeans ;-)

  8. Elb-Trockenschwimmerin sagt:

    Danke für die Worte.
    Andererseits verstehe ich die Kritik an einem realen und sicherlich der durch Frau Jähnigen selbsterwählter Garderobe und ihrem naturalistischen Frauenkörper-Abbild nicht (die Foto-Montage ist dagegen wirklich „grottig“).
    Werden Frauen verfremdend retuschiert, regt sich das Geweibel auch wieder auf…
    Bezeichnend, dass vor allem eine Frau diese Kritik äußert.
    Pardon:
    aber, sich ohne (selbstinfragestellende) Eitekeit auf Sachargumente zu konzentrieren ist wohl doch eine Frauen-Crux.

    • Worauf beziehen sich die Worte „ Kritik an einem realen und sicherlich der durch Frau Jähnigen selbsterwählter Garderobe und ihrem naturalistischen Frauenkörper-Abbild“? Auf meinen Text? Wo ich nichts dergleichen kritisiert habe?

      „Bezeichnend, dass vor allem eine Frau diese Kritik äußert“ – Hallo? Haben Sie meinen Artikel wirklich gelesen? Ich tue dies an keiner Stelle und distanziere mich am Ende des Artikels sogar ausdrücklich gegen diesen Vorwurf.

      (Es ist mir übrigens zu doof, es als bezeichnend zu bezeichnen, dass mir als Erstes eine Frau die Worte im Mund verdreht.)

      Oder beziehen Sie sich auf Stefanolix‘ Kommentar, der die Kleidung kritisiert? Dann würde ich in Zukunft darum bitten, zur besseren Nachvollziehbarkeit der Argumentation direkt auf Kommentare zu antworten. Danke.

    • stefanolix sagt:

      Wie ich schon in der anderen Antwort sagte: Ich kenne von der Kommunalpolitikerin E. Jähnigen einfach einen anderen Stil. Und in der Bildersuche bei Google sehe ich mich bestätigt. Eine wie auch immer geartete abwertende ad-personam-Kritik liegt mir fern.

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