Ein Augenblick Liebe? Gebt mir La Boum!

So selten, wie ich seit Jahren ins Kino gehe (die guten Serien im bösen Fernsehen sind schuld), wäre Ein Augenblick Liebe (Une rencontre, FR 2014) niemals auf meiner „Falls ich es doch mal wieder ins Kino schaffen sollte“-Liste gelandet. Aber wie gesagt, es war Freitag, ich durch, und ich hatte ein Date mit meinem Mann. Unter diesen Voraussetzungen entschieden wir uns für das Naheliegende: einen Dreier mit einer Frau, auf die wir uns einigen konnten – Sophie Marceau.
(Vor Jahren hätte mich die Schöne fast meinen damaligen Job bei einem beliebten Blättchen gekostet, das inzwischen seinen gastritischen Beschwerden erlegen ist – aber zum Glück für Mme Marceau bin ich nicht nachtragend.)

Der erste Gedanke angesichts ihres Erscheinens auf der Leinwand: die Zeit ist nicht spurlos an der 48-jährigen Aktrice vorüber gegangen. Die Pausbäckchen des La-Boum-Teenies sind feinsten Fältchen um die Augen gewichen. Who cares? Mein Mann brachte es mit der Einschätzung „Man schaut sie einfach gerne an!“ auf den Punkt. Und wer diese Feststellung für oberflächlich hält, sollte jetzt nicht weiterlesen, den ich nehme diese Aussage gleich als abschließendes Gesamturteil über diese „RomCom-made-in-France“ vorweg.

Selbiges kann man übrigens nicht von François Cluzet behaupten. Zumindest nicht, nachdem einem die fast schon groteske Ähnlichkeit zu Dustin Hoffmann auffällt, der ja schließlich auch nicht von ungefähr nie als Romantic Lead gecastet wurde. Egal – wenn Jean Paul Belmondo und Gerard Dépardieu jemals etwas bewiesen haben, dann, dass man kein schöner Mann sein muss, damit einem die Frauen zu Füßen liegen. (Wenn allerdings je einer das Gegenteil bewiesen hat: bitte hier entlang …)

Es begegnen sich also Elsa (Marceau), erfolgreiche, alleinerziehende Schriftstellerin, und Pierre (Cluzet), verheirateter Familienvater und ebenso erfolgreicher Staatsanwalt. Der beste Freund stellt sie einander vor, der Rest ist die übliche Boy-Meets-Girl-Narrative, auf der alle großen heteronormativen Liebesgeschichten beruhen. Muss ich jetzt nicht wirklich aufdröseln, oder?

Mit der kleinen Einschränkung, dass Elsas Prinzipien eine Affäre mit einem verheirateten Mann ausschließen und Pierre Heldentum so definiert: [kleiner SPOILER]: „Man wird heutzutage nicht zum Held, wenn man seine Frau verlässt, sondern wenn man bei ihr bleibt.“

Das ist zwar alles hübsch politisch korrekt, trägt auf Dauer aber keinen Spielfilm, egal wie sehr der nur prickeln will wie einst Schöfferhofer „in mein Bauchnabel“.

Die daraus entstehenden realen und vermeintlichen Dilemmata sind stilistisch durchaus witzig in Szene gesetzt, indem die Filmästhetik Symbole und Phänomene aus der Welt der Social Media imitiert. Anfänglich ist das Spiel mit verschiedenen Ebenen – real oder imaginiert – durchaus spannend. So kann es schon mal sein, dass es kurz vor der fleischlichen Erfüllung zum Buffering kommt. Auf Dauer aber laufen sich diese visuellen Mätzchen tot.

Den deutschen Titel „Ein Augenblick Liebe“ finde ich übrigens nicht gelungen, weil er die Geschichte mit einer Eindeutigkeit versieht, die diese gar nicht besitzt. Bezeichnenderweise enthält sich der Originaltitel „Une Rencontre“ jeglicher Einordnung, was die Natur dieser Begegnung anbelangt. Wenn man sie denn mit einem Etikett versehen muss, warum dann nicht „Lust“ statt „Liebe“? Was das Ehepaar Solal verbindet, darf sich meinetwegen Liebe nennen: es ist gewachsen in langen Jahren, gefestigt durch gemeinsame Kinder, und gestärkt durch die Seite an Seite gemeisterten Schwierigkeiten des Alltags.

Die Frage, die mich seither nicht mehr loslässt (und deretwegen ich mir überhaupt die Zeit nehme, dieses ästhetisch ansprechend gemachte, aber harmlose Filmchen zu rezensieren): warum wird hier nicht über das geredet, worum es wirklich geht?

Nennt es Hormone, nennt es Chemie, nennt es Fleischlichkeit – letztlich sehen wir zwei Figuren zu, die die Lust gepackt hat, und die diese zugunsten patriarchalisch-hegemonialer Normen [SPOILER] brav negieren.

Damit will ich nicht sagen, dass es ein besserer Film geworden wäre, wenn Elsa und Pierre sich als rücksichtslose Arschlöcher erwiesen hätten, denen Treue und Fürsorge scheißegal ist. Nein. (Es wäre vielleicht ein brauchbarer Softporno dabei ‚rumgekommen.)

Ich kenne die anderen Film der Regisseurin Lisa Azuelos (die übrigens die Ehefrau Pierres durchaus sympathisch mimt) nicht. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie eigentlich genau jenen Film drehen wollte, den ich gerne gesehen hätte: eine ehrliche, erwachsene, mehrdeutige Erkundung des Themas, wie es um die Lust (und meinetwegen auch die Liebe) der Generation Anfang 50 steht. Und ich frage mich, wer hier alles dazwischen gefunkt hat, dass am Ende dieses belanglose, nicht einmal 90-minütige Lifestyle-Video dabei herauskam. Die Hauptdarsteller mögen körperlich nicht gar so knackig daher kommen; die Handlung ist glatter (um nicht zu sagen: infantiler) als La Boum. Denn Die Fete besaß wenigstens die Ehrlichkeit zu sagen, hier geht’s ums Fummeln.

Was ich aus dem Film mitnehmen werde? Den Satz „Lacan meets Loriot“, den ich auf jeden Fall mal in einer Rezension unterbringen muss.

Und den sehr sommerlichen, funky Soundtrack, der Perlen wie Wax Tailors trippy Remix des Klassikers „Que Sera“ sowie das fantastische, Disco-inspirierte „Crave You“ von Flight Facilities feat. Giselle enthält. Auch Minnie Ripertons „Inside my Love“, das schon bei Jackie Brown funktionierte, darf mit ihrem Pfeifregister für Extase sorgen.

Nun ja. We’ll always have Paris.

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