Kuchentag

Vorbemerkung: Eigentlich wollte ich nur das Foto veröffentlichen, eine Art Momentaufnahme meines Tages. Doch der Ort, an dem es entstand, weckte Assoziationen und regte mich zu ein paar Überlegungen über unsere Zeit und den Umgang mit Altem an.

Später Vormittag in einem mir nicht sonderlich vertrauten Stadtteil. Ich habe nicht gefrühstückt; mir ist flau.

Die kleine Ladenzeile, welche die Gegend versorgt, liegt ein paar Fußminuten entfernt. In einer Seitenstraße mit Gründerzeit-Mietskasernen und Bauhaus-Wohnblöcken befindet sich – seit Generationen, sicherlich – eine kleine Bäckerei. In einem Regal hinter der Theke stehen fünf oder sechs Sorten Kaffee (kein Bio-, kein Fairtrade-), daneben eine kleine Selektion an Zigarettenschachteln und Feuerzeugen.

Die freundliche Verkäuferin bemerkt, dass die Auslage mich wenig anmacht, und verweist stolz darauf, dass heute „Kuchentag“ sei. Sie zeigt auf einen Rollwagen, über und über mit Holzbrettern gefüllt, auf denen sich allerlei Blechkuchen stapeln.

„Kuchentag. Jedes Stück Blechkuchen 0,60€. Es lohnt sich!“

„Kuchentag. Jedes Stück Blechkuchen 0,60€. Es lohnt sich!“

Was für ein Anblick! Die Bretter, denen man ihr Alter ansieht, erinnern mich an die Bäckereien meiner Kindheit. Leider haben hier wie dort Renovierungen der sechziger, siebziger, achtziger und vor allem neunziger Jahre diesen Bäckereien jegliche Individualität ausgetrieben. Die Lampen und Stühle des kleinen Cafés, welches den Verkaufsraum von einer Art Empore überblickt, stammen aus dem Baumarkt. Das „Ambiente“ – Geschirr, Bilder, Trockengestecke – ist bis zur Karikatur beliebig und ein Paradebeispiel für die Nuller-Jahre mit ihrem Pseudo-Design, das doch nur auf alberne Weise die Moderne imitiert.

Einzig eine die Tür zum Wirtschaftsbereich umlaufende Jugendstilzarge, die bei irgendeiner Umbaumaßnahme bedenkenlos in der Mitte halbiert wurde, lässt erahnen, wie es hier einst ausgesehen haben muss.

Für die Toilette verlasse ich den Gastraum; dahinter wirkt gleich alles schäbig und doch so viel schöner: ausgetretenes Linoleum, dick lackierte Treppengeländer, auf denen Geschirrtücher und Putzlappen trocknen. Hier ist, bis vielleicht auf ein paar neue Schichten Farbe, die Welt vor ca. 70, 80 Jahren zum Stillstand gekommen. Gut so.

Übrigens: auf Anhieb will mir keine einzige Bäckerei hier in Dresden einfallen, angesichts deren Inneneinrichtung mich nicht ein Gefühl der Traurigkeit befällt. Dahinter steht die Erkenntnis, dass das Gesicht einer Stadt, ihr Charakter, sich auch an Orten alltäglicher Verrichtungen manifestiert, und wie achtlos mit diesem Erbe verfahren wird.

PS Gegenbeispiele in den Kommentaren werden gerne vernommen.

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3 Kommentare zu Kuchentag

  1. Hendrik sagt:

    Ich lese aus Deinem Artikel den Wunsch nach dem Bäcker mit Stil, Geschmack (im doppelten Sinne), Individualität, Authentizität, Originalität und ja: ein nostalgischer Bäcker voller Kindheitserinnerungen wäre auch in Ordnung.
    Mit Letzterem möchte ich beginnen: Der Bäcker der letzten zwanzig Jahre wäre nicht mehr zeitgemäß und könnte nicht überleben. Um einen solchen (DDR-)Bäcker zu sehen, musst Du aus Dresden weit ins Land fahren und jenseits der meist besten Backqualität ein Ambiente besichtigen, was mich zwar nostalgisch an meine Kindheit erinnert. Zugleich erkennt das geübte Auge ebenfalls auf den ersten Blick das sterbende Handwerk auf dem Dorf, die fehlenden Investitionen=Stilbrüche sind zunächst der fehlenden Wirtschaftskraft geschuldet. Danach: Bäcker sind eben keine Inneneinrichter.

    Der Mindestlohn killt ab 2015 diese liebenswerten Relikte der Vergangenheit endgültig. (Ohne jetzt über den Mindestlohn diskutieren zu wollen.)

    Die anderen Bäcker haben versucht, sich mit geringen finanziellen Mitteln auf die neue Zeit und die neuen Kundenbedürfnisse einzurichten. Bäcker ersetzen heute Cafè, Zeitungskiosk, den Krämer um die Ecke und manchmal sogar die Kneipe/Dorfwirtschaft. Und der Kunde hat sich mit der Zeit auch verändert und die Stilbrüche gar nicht wahrgenommen. Dafür die Preisveränderungen. Die haben ihn zum Discounter getrieben. Was den Trend zum neuen Bäcker-Baumarkt-Design vielerorts verstärkt hat.

    Ein kleiner Schwenk zu einer anderen Branche sei mir gestattet: Pfunds Molkerei. Was für ein Glücksfall ohne Gleichen. Vom Krieg unbeschadet, zwanzig Jahre geschlossen im Dornröschenschlaf, dann die passenden Partner mit der notwendigen Kohle und dem Blick für das Schöne. Heute Touristenattraktion und gefühlte Cash-Molkerei. Das hält man als Bäcker auf „normalen“ Weg nicht durch, ohne fünfmal tot zu sein.

    Nun, ich könnte hier noch stundenlang über Geschichte und Psychologie und Entwicklungen philosophieren. Deine Frage war ja die nach den Gegenbeispielen.

    Drei möchte ich bringen:

    1. Das Cafe Toscana am Schillerplatz. Hier habe ich die Russisch-Stunden geschwänzt, wenn eine Leistungskontrolle anstand. Damals sah das Bäckerei-Cafè der Bürgerlichen in der Dresdner DDR noch anders aus. Heute fühle ich mich an Dallmeyer in München erinnert und gehe nicht mehr hin. Fehlende bzw. selbst übergestülpte Authentizität. Angepasst an die Erwartungen einer bestimmten Zielgruppe.
    2. Bäckerei Ulrich auf der Schandauer Straße (z.Z. in der Baustellen-Wüste). Ein Ansatz der Verbindung von Moderne und Tradition. Gläserne Bäckerei vs. Altdeutsche Brötchen. Für Letzteres stehen die Leute samstags in der Schlange bis auf die Straße. Cafe-Ambiente auch eher durchschnittlich. Ab 10 Uhr nur noch Restbrötchen, was mich samstags verzweifelt oft zu Konkurrenz treibt.
    3. Bäckerei unbekannten Namens auf der Wittenberger Str. Nach einstündiger, vergeblicher Recherche im Netz die Suche nach dem Namen aufgegeben. Früher war ich Stammkäufer, heute fahre ich hin und wieder Umwege, um dort vorbeizukommen. Zeichnet sich auch eher über Brot- und Brötchen-Innovationen als über Ambiente aus. Ambiente ist die dominante, öko-angehauchte, sehr spezielle Chefin und eine Achziger-Jahre-Kasse mit pseudo-modernen Dreh-„Ich-tipp-Dich direkt-ein“-Wendedisplay auf der Kasse.

    Abschließend: ACHTSAM bezahlt Dir keiner. Überleben musst Du trotzdem. Gerade im Osten. Mahlzeit.

    Bäckereien werden grundsätzlich künftig ein kulturelles Luxus-Gut. Umso wichtiger ist Differenzierung und Kult-Status. Die Bäckerei der Zukunft (es schmerzt mich, das zu sagen), ist leider der heimische Backofen.

  2. stefanolix sagt:

    Ich kenne alle drei Bäckereien, die Hendrik erwähnt hat. Die dritte (gesuchte) müsste die Bäckerei Barthel auf der Wormser Straße / Ecke Tittmannstraße sein. Sie leisten sich den Luxus, wie früher in der DDR sonntags und montags zu schließen. Die Wittenberger Straße ist die parallele Querstraße, es war also schon fast genau gezielt. Mit der Chefin der Bäckerei habe ich auch meine speziellen Geschichten erlebt. Auf die Kasse habe ich zwar nicht geachtet, aber wir haben schon Gespräche über Gebäck, Mikrowellen (dagegen!) und andere Dinge gehabt. Ich finde sie nicht dominant – sie unterdrückt ja keine anderen Meinungen, aber sie hat wohl sehr feste Haltungen. Und oft beeindruckend leuchtende Augen.

    Ähnlich ist es ja mit der Bäckerei Ullrich, wo man bei genauerem Hinhören auch einen tiefen Stolz auf Handwerk, Rohstoffe und Regionales heraushört – allerdings nichts über Glaube, Ökologie und auch kein Gramm Esoterik. Solange Ullrich so gut am Markt vertreten ist, ist mir um die Zukunft meines Frühstücks nicht bange. Ein großes Plus: Sie fixen schon die Kinder mit (a) dem Zuschauen und (b) den Milchmäusen an. Somit lernen die Kinder, was gutes Gebäck ist. Ein Café gibt es zwar, aber de facto ist es kein Café im eigentlichen Sinne.

    Auch wenn die Bäckerei »Wippler« etwas größer ist, würde ich sie gemessen an der Qualität der Brötchen und des Kuchens mit unter die Besten einordnen. Die ausgebaute Scheune in Pillnitz kann man gut zum Frühstücken nutzen, am Körnerplatz gibt es an nahezu 365 Tagen im Jahr sehr gutes Gebäck. Das »Toscana« hat zwei Zielgruppen, zu denen wir ja alle nicht gehören: ältere Damen im Kaffeekränzchen und reiche Touristen. Aber der Stollen ist nach wie vor sehr gut – und den Kuchen mag ich gern zum Mitnehmen.

    Ich backe ja auch selbst, komme aber über Hefekuchen, italienische Hefebrote und ein bißchen Blätterteig nicht hinaus. Die Brötchen zu Hause zu backen wäre viel zu teuer und viel zu aufwendig. Deshalb will ich mit meiner Nachfrage dafür sorgen, dass es in meiner engeren und weiteren Umgebung noch lange gute Bäcker gibt.

  3. Kurz: Danke für Eure Reaktionen. Ich möchte mich dazu mit etwas mehr Zeit, als sie mir momentan zur Verfügung steht, ausführlich äußern.

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