Filmtipp: Robert Thalheims Film Eltern (2013)

„Kriemhild.
Hast du’s vergessen, oder weißt du nicht,
Was doch in Liedern schon gesungen wird,
Daß er an einem Fleck verwundbar ist?

Hagen.
Das hatt‘ ich ganz vergessen, es ist wahr,
Allein ich weiß, er sprach uns selbst davon.
Es war von irgendeinem Blatt die Rede,
Doch frag ich mich umsonst, in welchem Sinn.

Kriemhild.
Von einem Lindenblatt.

Hagen.                                 Jawohl! Doch sprich:
Wie hat ein Lindenblatt ihm schaden können?
Das ist ein Rätsel, wie kein zweites mehr.

Kriemhild.
Ein rascher Windstoß warf’s auf ihn herab,
Als er sich salbte mit dem Blut des Drachen,
Und wo es sitzenblieb, da ist er schwach.“

Christian Friedrich Hebbel, Die Nibelungen, zitiert nach Projekt Gutenberg

Am Dienstag Abend war ich seit sehr langer Zeit mal wieder gemeinsam mit meinem Mann im Kino, nämlich der Schauburg. Unsere Babysitterin mochte sich vom Verdienst dieses Abends wahrscheinlich ein Studium an einer Eliteuni finanziert haben – der Film, Robert Thalheims Eltern, war sein und unser Geld wert. Gute Darsteller, plausibles Drehbuch, hinlänglich aus eigener Erfahrung bekannte Konflikte zwischen Selbstaufgabe und -verwirklichung, landläufig als „Familienleben“ bekannt. Ich musste abwechselnd mit den Figuren lachen und weinen.

Zwei Szenen, die mir besonders gut gefielen, weil darauf verzichtet wurde, sie bis zum Ende zu erzählen: Christine (schön schnippisch, wie es wohl das angeborene Recht so schöner Frauen ist: Christiane Paul) am Ende einer Schicht im Krankenhaus im vertrauten Gespräch mit einem Kollegen. Zieht sie sich um, oder zieht sie sich an, weil sie sich vorher ausgezogen hatte – für ihn?  Zwar kann man sich im weiteren Verlauf seinen Reim auf die Situation machen, doch war es angenehm, dass der Film von Anfang an darauf verzichtet, diese Frau mit einem eindeutigen Etikett zu versehen.

Und dann, gespiegelt, die Situation, als Konrad (wunderbar lebendig: Charly Hübner) mit einer Kollegin die Straße entlang schlendert, und man nicht weiß, soll man die Situation nun durch die Augen Christines gefiltert beurteilen? Der Film verrät es uns nicht, weil er seine Figuren nicht verrät.

Eigentlich erzählt der Film nichts, was nicht jede Mutter, jeder Vater, jedes Kind so oder so ähnlich erleben dürfte. Warum es sich dennoch unbedingt lohnt, ihn anzusehen, kann ich gar nicht eindeutig begründen. Vielleicht, weil man lernt, was Eltern mit Siegfried, dem Drachentöter, gemein haben.

Gerne möchte ich übrigens Clara Lagos‘, und ganz besonders Paraschiva Dragus‘, beginnende Karrieren weiter verfolgen. Die erst Zwölfjährige hat mich mehr als einmal an Isabelle Huppert erinnert.

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