Tag des offenen Denkmals 2013: ehemalige Göhle-Werke in Pieschen

Dies ist der zweite Teil meiner Notizen zum Tag des offenen Denkmals 2013; hier findet man den ersten und dritten.

Ehemalige Göhle-Werke

Das zweite „offene“ Denkmal, welches ich besichtigte, war mir vor allem aufgrund seiner befremdlichen  Fassadengestaltung aufgefallen: in Ermangelung eines besseren Wortes hatte ich die klobigen Fensterüberdachungen „Schlupflider“ getauft.

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Im Nachhinein kommen mir meine Erklärungsversuche lachhaft vor, hatte ich darin doch einen Ausdruck expressionistischer Formensprache vermutet und sogar anthroposophische Einflüsse für möglich gehalten. Die Wahrheit hätte nicht weiter davon entfernt sein können: Die Fensterelemente sind sogenannte Abprallverdachungen des als Hochbunker ausgebauten Gebäudekomplexes.

Die Göhle-Werke

Denn bei den 1938 erbauten Göhle-Werken handelt es sich mitnichten um eine Stätte irgendwie gearteter höherer geistiger Weihen, sondern um einen faschistischen Rüstungsbetrieb, in dem jüdische Zwangsarbeiter für die Zeiss Ikon AG Munition herstellten, unter ihnen Kinder. Einen Eintrag aus Viktor Klemperers Tagebüchern kann ich ob des darin dokumentierten Zynismus und der Grausamkeit nicht vergessen:

„[…] Bei Zeiss-Ikon gibt es einen ‚Kindergarten‘ in der Judenabteilung. Arbeiten, die von ganz jungen Augen mit der Lupe gemacht werden müssen. Dort arbeiten Mädchen von 15 und 16 Jahren. […] Man ließ diese Kinder in der letzten Woche derart in Tag- und Nachtschicht arbeiten, daß auf 48 Stunden 24 Arbeitsstunden kamen. […]“

Das Zitat begegnete mir in der sehenswerten Ausstellung Dresden-Pieschen 1933-1945 des Kulturbüro Sachsen e. V. Danach konnte ich die Atmosphäre in dem verlassenen Gebäude nur noch als bedrückend empfinden, auch wenn es zum Teil großartige Architektur beherbergt:

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Das Projekt Zentralwerk, das unter der Ägide des Kulturvereins friedrichstadtZentral e. V. eine Neunutzung anstrebt, liest sich vielversprechend. Aber ich weiß nicht, ob ich mich an so einem Ort jemals wieder wohlfühlen könnte.

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Im Innern roch es nach DDR und sah auch danach aus.

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Ein Raum strahlte ganz besonders den Stillstand der Zeit aus: er war aufgrund der Sonneneinstrahlung gleißend hell, aufgeheizt und hatte staubtrockene Luft:

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Nicht alles war deprimierend, manches hatte auch Kultcharakter, wie z. B. diese Nasszellen, die komplett aus wunderschönen, türkisen Glausbausteinen gemauert waren. Vielleicht gibt es für dieses Material dereinst nochmals Verwendung?

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Auch frühe Botschafter der Nachwendezeit konnte man noch antreffen:

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Als ich endlich wieder nach draußen gefunden hatte, konnte ich nicht anders, als mich am Anblick des wunderschön ausladenden Baumes im Hof, unter dem Kinder spielten und junge Eltern mit Babys ein Bild der Hoffnung und der Menschlichkeit abgaben, zu erfreuen.

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4 Kommentare zu Tag des offenen Denkmals 2013: ehemalige Göhle-Werke in Pieschen

  1. Pingback: Tag des offenen Denkmals 2013: Villa, Großenhainer Straße | Journal ohne Ismus

  2. Ich war vor Kurzem auch da. Die Leute vom Zentralwerk machen da jetzt regelmäßig Führungen, um ihre Idee weiterzutragen. Bis Dezember müssen da noch 200.000 € zusammen kommen, sonst gibt es in den ehemaligen Göhle-Werken kein Zentralwerk. Und ich bin davon überzeugt, dass es ein Ort wird, wo man gern sein wird. Um die Geschichte des Ortes nicht einfach zu übertünschen, soll es ein Artists in Residenz Projekt geben, die mit dem Ort und seiner Vergangenheit arbeiten werden. Und optisch sah ich da vor allem viele Möglichkeiten was zu gestalten. Meien Fotos: https://plus.google.com/u/0/103622270596734867583/posts/FK2vWCsx9Vt

  3. pitz sagt:

    Ah, toll, Du warst in den Göhle-Werken! Dort wollte ich schon immer mal hin, konnte aber neulich leider nicht. Danke für die Fotos, nun habe ich doch einen ganz guten Eindruck bekommen.

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