Antoine de Saint-Exupéry, „Gebet um die Wunder des Alltags“

Im Internet ist es weit verbreitet, und doch begegnete Antoine de Saint-Exupérys „Gebet um die Wunder des Alltags“ mir diese Woche zum ersten Mal. Es berührt mich wirklich, weil es viele Probleme benennt, die mir sowohl für unsere Zeit als auch mein eigenes Leben symptomatisch scheinen: Zeitmangel durch Reizüberflutung und Verzettelung; Neid auf das, was man in der Konsumgesellschaft als Lebensstandard suggeriert bekommt, anstatt Dankbarkeit für das, was das eigene Leben ausmacht; und viel zu wenig Zeit für liebe Menschen.

Gebet um die Wunder des Alltags*

Ich bitte dich nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um Kraft für den Alltag.

Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.

Mach mich findig und erfinderisch, um im Täglichen vielerlei und allerlei rechtzeitig meine Erkenntnisse und Erfahrungen zu notieren, von denen ich betroffen bin.

Mach mich griffsicher in der richtigen Zeiteinteilung. Schenke mir das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist. Ich bitte dich um Kraft für Zucht und Maß, dass ich nicht durch das Leben rutsche, sondern den Tagesablauf vernünftig einteile, auf Lichtblicke und Höhepunkte achte.

Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen. Schenke mir die nüchterne Erkenntnis, dass Schwierigkeiten, Niederlagen, Misserfolge, Rückschläge eine selbstverständliche Zugabe zum Leben sind, durch die wir wachsen und reifen.

Schicke mir im rechten Augenblick jemand, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen. Ich möchte dich und die anderen immer aussprechen lassen. Die Wahrheit sagt man nicht sich selbst, sie wird einem gesagt.

Ich weiß, dass sich viele Probleme dadurch lösen, dass man nichts tut. Gib, dass ich warten kann.

Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, dass ich diesem schönsten, schwierigsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin.

Verleih mir die nötige Phantasie, im rechten Augenblick ein Päckchen Güte, mit oder ohne Worte, an der richtigen Stelle abzugeben.

Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen.

Gib mir nicht, was ich wünsche, sondern was ich brauche.

Lehre mich dir Kunst der kleinen Schritte!

~Antoine de Saint-Exupéry

[*Leider konnte ich noch nicht herausfinden, aus welchem Jahr das Gebet stammt und wo es publiziert wurde. Für entsprechende Hinweise in den Kommentaren bin ich dankbar.]

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17 Antworten auf Antoine de Saint-Exupéry, „Gebet um die Wunder des Alltags“

  1. stefanolix sagt:

    Ich bin auf »Die Stadt in der Wüste« als Quelle des Gebets gestoßen.

    • Ja, ich hatte auch schon den Verdacht, konnte es aber nicht verifizieren. Danke für die Recherche.

      Merkwürdig, dass der Trackback zu Deiner Reaktion auf meinen Artikel hier noch nicht erschienen ist. Es hat mich gefreut und ich denke über Deine Worte nach. Werde versuchen, noch zu antworten.

  2. Micha sagt:

    Schön! Kannte ich ebenfalls nicht!
    Danke fürs Weitertragen!

  3. Martin sagt:

    Ja, sehr schöner Text.

    Zum Beispiel braucht man nun den Quittengeruch im Haus. Könnte wieder welche abgeben – und sie sind besonders schön dieses Jahr.

    Gruß Martin

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