Carlo Goldonis Campiello in der Theaterruine St. Pauli

Mein Sonntag begann und endete in der St. Pauli-Ruine. Wobei, ist sie das denn überhaupt noch, jetzt, wo sie so ein augenscheinlich gelungenes, neues Dach erhalten hat?

Jedenfalls bin ich sicher nicht die Einzige, die sich freut, dass die Gottesdienste wieder öfter in der Kirche statt nebenan im Gemeindehaus stattfinden: die Messen sind immer gut besucht. Es ist eine Gemeinde, die die Menschen des Hechtviertels wiederspiegelt: Junggebliebene Alte und viele, viele Junge mit noch mehr ganz Jungen. Wenn dann auch noch, wie letzten Sonntag, der Gottesdienst vom fast schon menschlichen Klang eines Cellospiels untermalt wird, bin ich dort sehr gerne Gast.

Und wie viele Kirchen gibt es schon, die im Sakralraum mit einer perfekt ausgestatteten Bar aufwarten können? Ist das ein cleverer Schachzug, um all die Sünder gleich an Ort und Stelle abzufangen? Sure as hell works for this Mary Magdalene here …

Nein, es hat natürlich mit dem Betrieb des Theaterruine St. Pauli e. V. zu tun, der sich hier seit 1999 um die Kultur im Viertel verdient macht. Und so hatte ich am Sonntag Abend auch wieder einmal das Vergnügen, in der Kirche menschlichem, allzu menschlichem Treiben (manchmal auch im Wortsinn) beizuwohnen.

Carlo Goldonis Campiello entstand 1756 (dem Jahr, welches dank Yadegar Asisis detailreicher Panorama-Inszenierung den Dresdnern recht präsent sein dürfte), und man darf wohl mit Fug und Recht annehmen, dass Goldoni mit dem Stück seiner Heimatstadt Venedig und ihren Bewohnern ein Denkmal gesetzt hat. Doch halt, wir reden hier nicht von den mächtigen Dogen und ihren prächtigen Palästen, sondern vom gemeinen Volk und dessen Kiez, dem Campiello. Klingt, als ob das wunderbar ins Hechtviertel passt – und die Inszenierung arbeitet diese Aspekte mit viel Spielfreude heraus.

Szene aus Goldonis Campiello: Daniela Wittig als Lucietta und Judith Sarah Hellmann als Catte.

Szene aus Goldonis Campiello: Daniela Wittig als Lucietta und Judith Sarah Hellmann als Catte.

Das Bühnenbild ist ebenso schlicht wie raffiniert: da hängen überdimensionierte Buxen und Schürzen an einer Wäscheleine, die sich von Empore zu Empore quer durch den Chor spannt. Auch bei den Kostümen wurde mit einfachen Mitteln der jeweilige Charakter der Figur unterstrichen: Während die jugendliche Liebhaberin ihre Beine verführerisch mit großmaschigen Netzstrümpfen betont, symbolisieren baumelnde Knöpfe die Nippel an den wogenden und ausgemergelten Brüste der beiden keifenden Alten.

Es geht ums Verkuppeln und um Kohle. Zaster und Sex. Laster und Liebe. Wenn allerdings die Derbheiten, mit denen man sich mal liebevoll stichelnd, mal lauthals keifend quer über den Platz? die Straße? den Kanal? hinweg belegt, allzu garstig werden, versucht die höhere Tochter Gasparina mit einer Deklamation der Sterbeszene aus Shakespeares Romeo und Julia für ein wenig Würde zu sorgen – was angesichts ihrer überkandidelten Art (herrlich etepetete: Yvonne Dominik) nur noch mehr Spott nach sich zieht.

Am Ende sind alle keinen Deut reicher, aber doch einen Schritt weiter auf der Suche nach dem Glück.

Vor ein paar Jahren machte eine Dresdner Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Die Weber Schlagzeilen, als Regisseur Volker Lösch das Stück um Aussagen der heutigen Zeit erweitern ließ, mit denen weder die Erben des Autors noch einige Prominente, die sich dadurch verunglimpft fühlten, einverstanden waren und eine einstweilige Verfügung erzwangen.

Wohl in derselben Tradition eines modernen Updates steht der Regieeinfall, das gesamte Ensemble einen Protestsong rappen zu lassen. Dramaturgisch zwar nicht unbedingt der große Wurf, war es dennoch eine witzige Idee, den Figuren von damals die ganz heutige Frage nach der Freude, nach der Teilhabe am schönen Leben in den Mund zu legen. Goldoni hätte der rappende Rappel seiner Protagonisten sicher gefallen.

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