„Sexistische Kackscheiße!“: Diskussion um Werbung der Staatsoperette Dresden

Mein ebenfalls in Dresden beheimateter Bloggerkollege Alexander Keuk setzt sich derzeit mit einem Anzeigenmotiv der Staatsoperette Dresden zum Cole-Porter-Musical Kiss me, Kate auseinander. Meine Meinung dazu hatte ich dort bereits gestern in einem längeren Kommentar dargelegt, den ich hier in leicht veränderter Form noch einmal wiedergeben möchte:

[…] Persönlich würde ich nicht so weit gehen [das Plakat als sexistisch zu bezeichnen] und kann [es] auch nicht als Aufreger empfinden. Schließlich bewirbt es ein Musical, das an der Operette gegeben wird, also mithin einem Genre und einem Spielort, die für leichte Kost stehen, welche wiederum oft genug ihren Humor aus der Frivolität bezieht.

Zweitens handelt es sich bei Kiss Me, Kate um eine Adaption von Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung. In Zeiten der political correctness wird sich sicher jemand finden, der den Gedanken, bei dem Stück werde eine Frau manipuliert und somit um ihre Selbstbestimmung gebracht, unerträglich findet. [Nachtrag: Was ich als anachronistisches und damit zumindest problematisches Urteil empfände.]

Drittens soll es, unter anderem in diesem Internet, Bevölkerungsgruppen geben, die Klapse auf den Hintern durchaus als Bereicherung ihres Liebesspiels und Lebensstils erachten. Aber man muss gar nicht so weit gehen, eine Lanze für sadomasochistische Praktiken zu brechen. Vielmehr muss die Frage gestattet sein, was sexistischer ist: dieses Plakat mit seiner harmlosen Andeutung [männlicher, physischer Dominanz], der überdies durch die übertriebene Mimik des Mannes ja sofort ironische Brechung widerfährt, oder die Tausenden Plakatmotive, in denen photogeshoppte, also im Übermaß sexualisierte Frauenkörper dazu eingesetzt werden, irgendwelche Produkte zu verkaufen, ohne dass sie mit der Frau in irgendeinem Bezug stünden.

Und zu guter Letzt: die Zeiten, in denen den Künsten nur erzieherische, weltverbessernde, idealisierende Funktionen zugestanden wurden, sind zum Glück vorbei. Wo, wenn nicht in der Operette, darf es derb, frivol und subversiv zugehen?

An dieser Stelle möchte ich das Foto nachreichen und auf einen weiteren Aspekt hinweisen, der mir erst heute früh bewusst wurde:

„Sexistische Kackscheiße!“: Protestaufkleber an einer Litfaßsäule am Bischofsplatz.

„Sexistische Kackscheiße!“: Protestaufkleber an einer Litfaßsäule am Bischofsplatz.

Das Foto stammt von heute früh; erst jetzt ist mir dabei die Dresden-Silhouette aufgefallen, und dass auch nur, weil ich auf Twitter darauf hingewiesen wurde (Danke dem Betreffenden, der lieber ungenannt bleiben möchte). – Dieses Detail finde ich im doppelten Sinne misslungen: erstens, weil für mich aus dem Musical beim besten Willen kein Dresden-Bezug herleiten lässt, und zweitens, weil zumindest ich mehrmals hinschauen musste, um dieses Detail zu entdecken. Plakate sollten aber eine klare, unmittelbar wirksame Bildsprache sprechen.

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28 Antworten auf „Sexistische Kackscheiße!“: Diskussion um Werbung der Staatsoperette Dresden

  1. anonymous sagt:

    besseres habt ihr nicht zutun?oh mann ihr kunstbanausen!

    • Muyserin sagt:

      Hallo Anonymous (ein besseres Pseudonym ist Dir nicht eingefallen?), auf Dein Totschlag-Argument habe ich eigentlich nur gewartet. Aber ich bin mal höflich und frage zurück: was wäre denn in Deinen Augen „Besseres“? Und vielleicht kannst Du mir bei der Gelegenheit noch erklären, warum man Kunstbanause ist, wenn man sich mit Plakaten, also einer eigenen Kunstform, auseinandersetzt? Gespannte Grüße!

  2. Bianca sagt:

    Hier mal das Originalfilmplaket auf das das Staatsoperettenplakat Bezug nimmt

  3. Bianca sagt:

    habe ich vergessen: das Motiv bezieht sich auf eine Szene im Shaekespeare-Stück: Der Widerpenstigen Zähmung!. Mal lesen.

    • KmK sagt:

      Hm, aber wie gesagt: In Shakespeares Stück “Der Widerspenstigen Zähmung” wird Petruchio Katharina gegenüber zu keinem Zeitpunkt handgreiflich (er “zähmt” sie ausschließlich mittels psychischer Gewalt und mit Essens- und Schlafentzug). Lilli und Fred spielen (als Schauspieler) die Szene, in der Petruchio und Katharina einander zum ersten Mal begegnen, und dabei kommt es zum Eklat, indem sie sich aufgrund privater Querelen zu Körperlichkeiten hinreißen lassen, die eben NICHT bei Shakespeare vorgesehen sind (dadurch entsteht gerade die Komik dieser Szene).

  4. stefanolix sagt:

    Ich finde Deine Deutung des Plakats sachkundig und ausgewogen — wie immer, wenn es um solche Themen geht ;-)

    Es gibt in der Öffentlichkeit jeden Tag wirklich genug sexistischen Mist zu sehen, aber dieses harmlose Plakat gehört nun wirklich nicht dazu.

    Woher kommt dieser Vandalismus? Es gibt bestimmte Leute mit einem ungewöhnlich hohen Anspruch an das Verhalten ihrer Mitmenschen. Arbeitshypothese: Die Bevormundung anderer Menschen im Kultur-, Geschäfts- und Privatleben scheint für diverse Leute zum Geschäfts- oder Beschäftigungsmodell zu werden. Ich bin sehr vorsichtig mit der Wendung »immer mehr«, aber hier scheint sie fast zu passen.

    • Muyserin sagt:

      Tja, ich mache mir schon auch Gedanken über die Motivation hinter dem Sticker. Es ist ja nicht einfach spontan mit dem Filzstift oder der Spraydose drübergeschrieben, sondern da wurde ein Papier mit Signalwirkung gewählt, und die Schreibweise von „Scheiße“ als „Scheisze“ verrät auch einen medial nicht unbeleckten Menschen, oder?

      Wenn es wirklich als ernsthafter Protest gedacht war, bringt dieser Mensch wohl sein eigenes emotionales Gepäck mit, das es ihm unmöglich macht, die humorvollen, ironisierenden Signale des Plakats wahrzunehmen.

      Ich könnte mir denken, dass ein Opfer von Gewalt schon anders auf so eine Darstellung reagiert.

  5. KmK sagt:

    Also, zu dem Argument mit den Traumatisierten: Ich glaube, ganz ehrlich, dass sich nirgendwo auf der Welt auch nur éine Frau im Frauenhaus befindet, weil ihr Mann ihr einen Klaps aufn Hintern gegeben hat, während sie entspannt lächelnd über seinem Schoß gelegen ist…

    Auf der Basis wäre außerdem jede auch nur irgendwie morbide Form von Humor angreifbar, denn wie oft dienen noch viel härtere Gewalt, der Tod usw. als Basis für Witz? Schade wär’s um Songs wie “Mack the Knife”, oder um Monty Python usw. usf., wenn man sich immer überlegen müsste, ob es nicht irgendwo auf der Welt Traumatisierte geben mag, die sich unangenehm berührt fühlen könnten…

    Aber wie schon im anderen Blog geschrieben – durch den Gesichtsausdruck der beiden gehört das ganze Plakat mMn nicht in die Gewalt-Schublade… Ohne Zweifel könnte man auch so eine Szene beklemmend darstellen, das ist hier aber nicht der Fall.

    Aber vielleicht sind die Leute, die hier ihre Kritik so “subtil” zum Ausdruck gebracht haben, von Alice Schwarzer inspiriert, die ja zB aus feministischen Gründen auch jede Form von SM ablehnt. Ich schätze Alice Schwarzer sehr, finde aber, dass sie doch bei ein paar Themen ziemlich daneben liegt, und das ist eins davon.

    • Muyserin sagt:

      Liebe KmK, Danke für Deinen Kommentar. Natürlich wollte ich auf keinen Fall andeuten, dass Frauen im Frauenhaus nicht wesentlich Schlimmeres passiert sei, als ein Klaps. Erst neulich las ich in der chrismon einen erschütternden Bericht über häusliche Gewalt, der jegliche Bagatellisierung des Themas verbietet. Aber es ist tatsächlich nicht unser Thema, solange wir über das Plakat sprechen.

      Deine Wert- und Einschätzung von Alice Schwarzers Verdiensten und Irrtümern teile ich. Schön! Da freu ich mich umso mehr auf ein Treffen bei KmK! :)

      PS Hast Du verfolgt, wie oft die Schlagzeile „Kiss me, Kate“ anlässlich der Hochzeit des britischen Kronprinzenpaars benutzt wurde :)

  6. KmK sagt:

    Jaja, ich google ja täglich nach Neuigkeiten zu “Kiss Me, Kate” und da haben sich diese Schlagzeilen im letzten Jahr als recht störend erwiesen. :-D

    Ich muss übrigens diese Diskussion noch auf meinem Blog verlinken, fällt mir gerade ein.

  7. Torsten sagt:

    Dieser und ähnliche Aufkleber wurden ja in der Gegend (Bogenviertel/Hechtpieschen) an alle möglichen Plakate von der Schwarzbier-Werbung, über Konzertankündigungen, bis zum Erotikmesse-Plakat geklebt. Die Auswahl der Plakate und Motive ist beliebig. Das scheint mir für die Verwendung des Begriffes “Sexismus” symptomatisch: Wer etwas als ersteR mit “Sexismus” labelt, hat gewonnen (sexistisches Blog hier, übrigens).
    Für mich bringen die Aufkleber eine Symbiose zwischen einem streng ritualisiertem Handlungssystem einerseits und persönlicher Sinnsuche andererseits zum Ausdruck. Ohne dass ich jetzt sagen könnte, welche von diesen beiden Seiten jetzt der Aufkleber oder das Plakat ist: der Aufkleber würde ohne die Werbung ins Leere laufen und die Werbung erhält durch die Aufkleber zusätzliche Aufmerksamkeit Daher: Wem’s hilft, bitte weiterkleben! Und plakatieren!

    • Muyserin sagt:

      Das war mir gar nicht aufgefallen. Die Bier- und Konzertplakate, waren die in irgendeiner Weise aufreizend? Oder klebte das auch an völlig unverfänglichen Plakaten?

      Was verstehst Du in diesem Konetxt unter “streng ritualisiertes Handlungssystem”?

      • Torsten sagt:

        Aus meiner Sicht war keines der Plakate aufreizend. Wobei in diesem Kontext das Wort aufreizend schon für sich spricht. Oder besser: gegen sich, gelten einfache Reiz-Wirkungstheorien in der Medienwirkungsforschung doch heute als relativ outdated. Aber wie obiges Bild zeigt, gibt es nicht nur im Iran Institutionen, die, wenn es um Körper und Sexualität geht, gerne Deutungshilfe leisten.

        Anyway: mit dem streng ritualisierten Handlungssystem meine ich, dass sowohl Marketing und Werbung als auch Adbusting- und Protestgruppen bestimmte Vorgaben/Dogmen/Riten nutzen, um vermeintliche Erfolge zu erzielen. Das fängt bei der Schriftgröße- und wahl auf Plakaten an, geht über die Art und Weise, wie nach außen und innen kommuniziert wird (z.B. Duzen, Siezen, Anonymität, Sitzordnungen, etc.) und hört bei der Vermeidung bestimmter Tabus nicht auf. Diesen ritualisierten Systemen wollte ich individuelle Deutungs- und Handlungsmuster gegenüberstellen, die sich natürlich aus den größeren Systemen speisen, diese aber auch unterlaufen können.

        All in all gings mir, glaube ich, darum zu sagen, dass die Aufkleber durchaus im politischen Kontext eines Events wie der eh geklebt worden sein könnten, andererseits nicht nur Ausdruck einer vermeintlichen politischen Szene oder Bewegung sind, sondern auch auf EinzeltäterInnen mit ihrem je eigenen Zugang zur Welt und individuellen Motiven zurückgeführt werden könnten.

  8. Muyserin sagt:

    Heute lag ein Flyer im Briefkasten, Slogan: „Sexistische Kackscheiße“. Da sind wir wohl alle voll auf das Viral Marketing der Emanzipatorischen Tage reingefallen, die vom 27-29. April in Dresden stattfinden.

  9. HP sagt:

    Auf http://eh.blogsport.de/schutzkonzept/ steht: “Wir wollen, dass alle Menschen sich wohl fühlen und frei entfalten können, ohne dabei jedoch die Grenzen Anderer zu verletzen.” Jemand mit so einem hohen ethischen Anspruch verschandelt doch nicht die Plakate anderer?! Oder doch?

  10. Pingback: Dresden Neustadt: Alles neu macht der Mai?

  11. Torsten sagt:

    @ stefanolix: Emanzipator!

    • stefanolix sagt:

      Na toll: Jetzt gehen mir solche Wortspiele wie EmanzipatorInnen, EmanzInnen, Emanzipatorische und Emanzipierende nicht mehr aus dem Sinn ;-)

      • Muyserin sagt:

        Aber ist es nicht so, dass ein emanzipatorisch agierender Mann nicht schon wieder seine patriarchale Hegemonialstellung missbraucht? ;)

        Emanzipatriotische Grüße!

  12. Eyachfreund sagt:

    “Dieses Detail finde ich im doppelten Sinne misslungen: erstens, weil für mich aus dem Musical beim besten Willen kein Dresden-Bezug herleiten lässt, und zweitens, weil zumindest ich mehrmals hinschauen musste, um dieses Detail zu entdecken. Plakate sollten aber eine klare, unmittelbar wirksame Bildsprache sprechen.”
    Jetzt mach mal halblang, das ist doch ein Werbeplakat der Staatsoperette Dresden, warum soll da kein Dresden-Verweis erlaubt sein. Ich finde es sogar ganz gut gemacht, wie sich die Silhouette Dresdens hier diskret einpasst und sich so der Hauptaussage unterordnet. Ausgesprochen gut gelöst!

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