Bürokratische Krümelkacke

Eigentlich hätte ich Lust, über ganz viele Dinge zu bloggen. Zum Beispiel über das vorvergangene Wochenende auf den Spuren von Uwe Tellkamps Der Turm, wozu mich eine Freundin eingeladen hatte.

Oder das vergangene Wochenende und meinen Besuch der Ausstellung Neue Sachlichkeit in Dresden, die mir fantastisch gefiel, so dass ich zwischen den Jahren nochmals hingehen möchte.

Oder über die Zeit mit meiner Mutter, die gestern nach sechs Wochen Besuch abgereist ist, so dass ich heute den ersten Tag alleine mit dem Bubele war.

Aber nein. Denn jetzt hat die Sprechstundenhilfe unserer Kinderärztin angerufen. Warum das Kind denn keine Versichertenkarte hätte. Sie war so fassungslos über diesen Umstand, dass sie kurz davor stand, uns Leistungsbetrug zu unterstellen. Auf meine Einwände, dass ich schlichtweg nicht wusste, dass ich für das Kind eine eigene Karte beantragen muss, ging sie gar nicht ein. (Warum da die Krankenkasse nicht auf einen zukommt?) Während ich mich noch blöd anmachen ließ, fiel bei mir endlich der Groschen und ich schnauzte zurück: dass ich an der Rezeption ganz klar Auskunft über die derzeitige Situation gegeben hatte und es ja vielleicht auch seitens der Praxis einen Hinweis hätte geben können, dass man das Kind noch eigens anmelden muss. Das ließ nun sie wieder nicht gelten, das sei ja nun überhaupt nicht ihre Aufgabe (vielleicht nicht formal, aber höflich fände ich das schon). O-Ton gefällig?

Sie:

Da muss man sich eben mal selber kümmern, wenn man Kinder hat.

Ich:

Wie soll ich mich um etwas kümmern, von dem ich gar nichts weiß?

Sie:

Als ich meine Kinder bekam, habe ich eben mal bei meiner Krankenkasse angerufen.

So ging das hin- und her.

Und zwar alles in einem Tonfall (also im Wortsinn), der gleichzeitig pseudo-freundlich und herablassend war. Außerdem verwendete sie mehrmals das Wörtchen „guddie“, um mich abzuwürgen. Das geht ja nun mal gar nicht. Während ich also den ganzen Tag bemüht war, alles fließen zu lassen, um dem Kind gegenüber keine Anspannug auszustrahlen, wurde es mir nun einfach zu oll. Manchmal ist es wichtig, die antrainierte, angelsächsische Telefonierhöflichkeit über Bord zu schmeißen und seine Verärgerung durchklingen zu lassen.

Wenn es nicht so bescheuert wäre, hätte es das Zeug zu einem Loriot-Sketch. Ich reagiere aber extrem dünnhäutig auf den Vorwurf, ich würde mich nicht um die Belange meines Kindes kümmern, zu einer Zeit, wo ich vom ersten Augenaufschlagen bis in die Träume hinein nichts anderes als dieses Kind im Sinn habe.

So much for the daily Krümelkacke. Hoffentlich finde ich noch die Zeit, über die eingangs erwähnten, schönen Dinge in meinem Leben zu schreiben.

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12 Kommentare zu Bürokratische Krümelkacke

  1. uzayda sagt:

    Eine Freundin von mir hat dieses Buch gelesen und fand es sehr hilfreich: Fuck It!: Loslassen – Entspannen – Glücklich sein. :) Die arme Frau hat wahrscheinlich nichts anderes, um sich Bestätigung zu holen… Außerdem ist doch schon alles klar, wenn sie „Guddie!“ sagt, das ist doch ne Lebenshaltung.

  2. Carola sagt:

    Ich bin mal gespannt was die Kinderärztin dazu sagen würde. Wenn sie weiß, wie Ihre Angestellten mit den Patienten reden kann sie ja was dagegen tun. Es ist mal wieder typisch, dass die alle denken, nur weil man ein Kind bekommen hat weiß man sofort über alles Bescheid usw..
    Ts….das steht bestimmt in einem der achtzig Ratgeber, welche im Vorfeld zu lesen sind.

    • Muyserin sagt:

      Vielleicht stand das wirklich irgendwo. Aber wir sollen ja die Geburt vergessen, dafür sorgen die Hormone. Fällt eben auch die eine oder andere Formalje hinten runter.

  3. Christiane sagt:

    Haa, wir hatten unsere Kinder recht früh angemeldet, und die Karten kamen trotzdem erst nach 8 Wochen! Aber wir hatten auch mal so einen Drachen, die sich furchtbar über einen Brief der Uniklinik aufregte, in dem stand, welche Untersuchungen vom Kinderarzt vor der OP durchzuführen sind. Alter Schwede… Wieso mault sie mich damit voll?? ;-)

  4. dekabrista sagt:

    Von Vorzimmerdrachen wüßte ich auch noch diese oder jene Anekdote; die Arzthelferinnen unseres Kinderarztes sind jedoch Engel: freundlich, geduldig, hilfsbereit (!) … Falls Du wechseln willst, sag Bescheid ;)
    Die Neue Sachlichkeit hatte ich mir auch schon mehrmals vorgenommen; allerdings ist immer irgendwas dazwischengekommen.

  5. Lydia sagt:

    Guddie? Wat is dat denn? Was ist das überhaupt für eine Sprache? Das bringt jetzt mein Selbstvertrauen als Philologin sehr ins Wanken …

    • Muyserin sagt:

      Liebe Lydia, „guddie“ ist in den hiesigen Breitengraden allgegenwärtig. Der Sachse hängt gerne ein -i als Suffix an, um seiner allgemeinen Nettigkeit Ausdruck zu verleihen. Was dem Ami sein „okey-dokey“ und dem Türken sein „Tamam“, ist dem Sachsen eben sein „guddie“. :)

      Siehe auch „Tschüssi“.

  6. Micha sagt:

    Lese ich jetzt erst! Ist ja zum Brüllen!
    Und *Guddie ist ne Lebenshaltung*! Satz des Monats!
    Ganz, ganz grauenhaft diese deutsche Schulmeisterei! Ich bin AUF JEDEN FALL dafür, in solchen Fällen alle antrainierte Höflichkeit einem Wahrhaftigkeitsanfall zu liebe fallen zu lassen!

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