Leipzig zu Wasser und zu Lande

Am vergangenen Sonntag habe ich mir einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Es war der letzte Tag des zweiwöchigen Besuchs meines Herrn Papas, und ich wollte die schöne, gemeinsam verbrachte Zeit mit einer Überraschung ausklingen lassen.

Mit einer Mitfahrgelegenheit ging’s nach Leipzig, und zwar in den Stadtteil Plagwitz, den man wohl vor allem wegen der Baumwollspinnerei kennt, einem ehemaligen Industriekomplex, der heute Galerien und Kreativindustrie beherbergt. Wir aber ließen die Spinnerei (die sonntags auch schon mal „ziemlich tote Hose“ sein kann) links liegen und begaben uns stattdessen zur Anlegestelle der MS Weltfrieden. Diese befinde sich „am Leuchtturm“, hieß es. Eine kleine Fahne mit Leuchtturmmotiv auf der Erich-Zeigner-Straße liefert den einzigen Hinweis. Der Leuchtturm selbst entpuppt sich als winzige Hütte.

An der Anlegestelle am Leuchttrum kann man auch einfach so nett sitzen.

An der Anlegestelle am Leuchttrum kann man auch einfach so nett sitzen.

Das kleine Motorboot schippert auf der Weißen Elster und dem Karl-Heine-Kanal umher. So kann man ein wenig über die Geschichte von Plagwitz, seinem Aufblühen während der Industrialisierung, seinem Niedergang nach der Wende sowie seiner Wiederauferstehung als schickes Wohnquartier am Wasser erfahren.

Irgendjemand hatte mir vor zwei Jahren einmal von den Leipziger Industriekanälen vorgeschwärmt; seit damals hatte ich die Vorstellung, sie eines Tages mit dem Paddelboot zu erkunden. Da ich aber zur Zeit eher als Boje denn als wendige Kanutin durchgehe, fiel meine Wahl letztlich auf die gemächliche MS Weltfrieden.

Als wir kurz vor 11 an der Anlegestelle eintreffen, sieht es so aus, als hätten diverse Großfamilien das Boot bereits gekapert. Ich ärgere mich ein wenig, hatte ich am Vortag doch eigens unter der auf der Homepage angegebenen Nummer angerufen und einen Reservierungswunsch hinterlassen, was ich dem Kapitän auch mitteile. Er ist aber offensichtlich kein Mann vieler Worte und sagt dazu erst einmal gar nichts, behält uns aber im Blick und sorgt schließlich doch noch dafür, dass wir drei Restplätze ergattern können.

Wir legen ab. Der Motor ist kaum zu vernehmen, das Tempo beschaulich, was beides perfekt zum spätsommerlich-frühherbstlichen Kaiserwetter passt. Zunächst geht es die Weiße Elster entlang, vorbei an einem Seniorenheim sowie einer Reihe schicker Wohnungen in alten und neuen Gemäuern (wie z. B. den sogenannten Sweetwater-Stadthäusern). Auch die „normalen“ Häuser und Wohnungen sind um ihren Blick auf die Wasserlandschaft zu beneiden. Mit schönem Schwung passt sich die ehemalige Wollgarnfabrik Tittel & Krüger (heute als Veneziaquartier vermarktet) dem Flusslauf an. Und so geht es immer weiter, unter Brücken hindurch, vorbei an skurrilen Restaurants (griechische Taverne im Phönizierschiff?) und der einen oder anderen historischen Villa (wie der Karl Heines oder auch Max Klingers). Dann machen wir kehrt und biegen rechts in den Karl-Heine-Kanal ein. Das ursprüngliche Gebäude der Talkshow Riverboat, eine haushohe Persilwerbung aus den 20er Jahren, das Stelzenhaus und die schöne Atmosphäre machen den Reiz der kurzen Strecke aus.

*

Nach Beendigung der Rundfahrt waren wir hungrig und fuhren in die Innenstadt. Eigentlich wollte ich die Luise ausprobieren, aber dort gab es um diese Zeit nur Brunch. Gegenüber, beim Pilot, gefiel es uns aber auch gut. Draußen auf dem Bürgersteig stehen schlamm- und himbeerfarbene Stahlrohrmöbel. Innen leicht vergilbter 50er-Jahre-Charme, mit leichten Einsprengseln der Jetztzeit. Das Essen ist gut! An meinem Salat begeistert mich die im Ganzen hauchdünn filetierte Fenchelknolle, die etwas Außerirdischententakelhaftes hat.

*

Auf dem Platz vor der Thomaskirche, unter einen paar schattigen Bäumen, streckten sich die beiden Männer zu einem Mittagsschlaf auf den Bänken nieder, während ich mit großem Vergnügen Auszüge aus Alice Schwarzers Autobiographie in der jüngsten EMMA las. Nach einer halben Stunde Dösen, Lesen und Goths gucken waren wir alle ausgeruht genug für die nächsten Programmpunkte.

*

Meinem Vater empfahl ich die Max-Beckmann-Ausstellung im Bildermuseum, während Johannes und ich die derzeitige Ausstellung im zeitgeschichtlichen Forum besichtigten: „Bilder im Kopf. Ikonen der Zeitgeschichte“. Gefiel uns sehr gut! (Vielleicht finde ich noch Gelegenheit, meine Gedanken dazu festzuhalten.)

*

Nach einer Kaffeepause im Bildermuseum beschlossen wir, alle weiteren Pläne sein zu lassen (ich bin zur Zeit zwar halb so alt wie mein Vater, aber auch nur halb so fit). Zum Glück fanden mit der neuen Mitfahrgelegenheit-App in Nullkommanix eine Rückfahrt und ließen den Tag im Dresdner Devil’s Kitchen bei Burgern und Tortillas enden.

Informationen

  • Die Website von Architektouren Leipzig hält ein interessantes Porträt mit Bilder und Fakten zu Plagwitz bereit.
  • Auf den Wasserwegen Leipzigs bieten auch andere Gesellschaften Rundfahrten an, z. B. Herold-Boote oder der Bootsverleih Klingerweg. Die Fahrten sind etwas teurer, dafür gibt es an Bord Verpflegungsmöglichkeiten. Wir empfanden allerdings das tuckernde Motorengeräusch im Vergleich mit der MS Weltfrieden als zu laut. Ganz lautlos geht es mit der venezianischen Gondel (ob die Gondolieri singen, konnten wir nicht in Erfahrung bringen).

Comments

comments

Dieser Beitrag wurde unter Andernorts, Cool cooler Kultur, Dies & Das, Klein-Paris, Le Weekend abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Füge den Permalink den Lesezeichen hinzu.

3 Antworten auf Leipzig zu Wasser und zu Lande

  1. Muyserin sagt:

    Passenderweise veröffentlichte die F.A.Z unter dem Titel „Leipziger Einerlei“ gestern den zweiten Teil einer Serie zur Gentrifizierung deutscher Städte, der sich nach Frankfurt nun Leipzig widmete und dabei auch besonders auf Plagwitz einging. Online ist er leider nur hinter einer Bezahlschranke zu lesen. Artikel ist verlinkt!

  2. thg sagt:

    Plagwitz ist wirklich wunderschön. Ein paar Freunde von mir wohnen dort und somit komme ich immer mal wieder in den Luxus einer Übernachtungsgelegenheit dort. Und ich glaube wenn ich dort wohnen würde, würde ich mich sogar dazu hinreißen lassen, mit ihnen am Kanal entlangzujoggen. Wobei… naja, ich will mal lieber nichts versprechen, was ich nicht halten kann ;-)

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>