Von Mörike zu Inception: das Kreisel-Motiv

Christopher Nolans Inception ist einer jener Filme, die man (zumindest beim ersten Mal) nur im Kino sehen sollte, weil alles andere als große Leinwand, kräftige Lautsprecher und umgebendes Dunkel Frevel an dieser Filmkunst bedeuten würde. Irgendwo las ich, das Kino sei für Filme wie diesen erfunden worden, und gleichzeitig erfinde dieser Film das Kino neu.

Andere mögen sich an den wie schwerelosen Perspektivenwechseln berauschen, die an The Matrix erinnerten. – Mich begeisterte schon der japanisch anmutende Raum zu Beginn des Films, ein Gesamtkunstwerk.

In derselben Szene trägt Marion Cotillard eine auf den Leib geschneiderte Robe, dass man die Garbo auferstanden wähnt. Ellen Page hingegen strahlte permanent einen solch lässigen Chic aus, dass ich mir wiederholt einbläute, im kommenden Herbst auch ja nur noch altmodische, zu Dreiecken gefaltete Halstücher zu tragen. Und Leo? DiCaprio zementiert seinen Ruf als bester Hollywood-Schauspieler seiner Generation.

Ansonsten sei verraten: es geht um den Akt des Träumens und um die Frage, woher wir wissen, dass wir träumen, dass wir in unseren Träumen nicht in Wahrheit ein paralleles, alternatives Leben führen.

Schönen, zentralen Gebrauch macht der Film von einem alten Spielzeug und literarischen Motiv: dem Kreisel. Merkwürdigerweise hatte ich just am Tag des Kinobesuchs Folgendes gelesen:

Die alten Griechen und Römer hatten magische Kreisel, Rollen und Räder meist aus Erz, deren sich Frauen und Mädchen zum Liebeszauber bedienten, indem sie dieselben unter seltsamen Bannsprüchen herumdrehten. […] Nach einem Epigramm der griechischen Anthologie hatten vornehme Thessalierinnen dergleichen aus Edelstein und Gold, mit Fäden purpurner Wolle umwickelt, welcher besonders eine geheime Kraft inwohnen sollte.

„Worterklärungen und anderes. Vom Dichter selbst zusammengestellt“,
in: Eduard Mörike, Die Historie von der schönen Lau (1853)

Aber vielleicht habe ich es auch nur geträumt …

Nachtrag

Letzten Sommer waren Johannes und ich in der Nähe Stuttgarts zu Besuch; den Film sahen wir in einem OV-Kino. Nach einem Ausflug zum Blautopf fand ich in der Hausbibliothek unserer Gastgeber das Bändchen über die schöne Lau. Der Artikel datiert aus jener Zeit. Vermutlich wollte ich noch weiter daran herumdoktern, bis er schließlich aus Zeitmangel oder Unlust „auf Halde“ landete. Nachdem ich las, dass bei den Filmnächten auch Inception laufen würde, habe ich ihn wieder hervor gekramt und beschlossen, ihn jetzt einfach so stehen zu lassen.
Dieser Beitrag wurde unter (Heim-)Kino abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.