Helmut Newton: Polaroids & Private Property

The women of the demi-monde and professionals were starting to look more and more like ladies and what we call “the ladies” were being dressed by the designer more and more in the fashion of whores and S+M submissives and dominatrixes. Looking at the paintings of Otto Dix and Schad it occurs to me this might make an interesting fashion article.

~Helmut Newton an Anna Wintour, 1997

Auf dieses Zitat stieß ich in der Helmut Newton gewidmeten Dauerausstellung Private Property. Der Fotograf hatte diese Gedanken in einem als vertraulich gekennzeichneten Fax an die Chefredakteurin der US-amerikanischen VOGUE geäußert. Ob und wie die eher britisch zugeknöpfte Wintour auf seinen Vorschlag reagierte, überliefert die Ausstellung nicht; zu gerne würde man es erfahren.

Angesichts des Siegeszugs der heutzutage beinahe omnipräsenten SM-Charakteristika in Haute Couture wie Street Style, die einflussreiche Popkünstlerinnen von Rihanna bis Lady Gaga für ihre Inszenierungen weiblicher Identität verwenden, schienen mir Newtons Beobachtungen so klug und frühzeitig konstatiert, dass ich mir das Fax an Ort und Stelle handschriftlich abkritzelte. Allerdings musste ich meine Meinung differenzieren, nachdem ich die derzeitige Sonderausstellung Polaroids angesehen hatte.

Den Besuch der Helmut-Newton-Stiftung im Berliner Museum für Fotografie hatte ich mir schon seit Ewigkeiten vorgenommen.

Aufwachsen mit Newton

Als Kind der 80er kam man an Helmut Newton kaum vorbei. In meinem Elternhaus begegnete er mir im STERN (wo man seinen Arbeiten aufgeschlossen gegenüber stand) wie in der EMMA (wo Alice Schwarzer bis heute seine sexistische, ja faschistoide Bildsprache anprangert). – Den STERN lese ich schon lange nicht mehr, die EMMA wieder – aber meine Bewunderung für Newton ist mit den Jahren eher gewachsen.

Das Landwehrcasino: Subversive Heroik im Foyer

Die Helmut-Newton-Stiftung hat ihr Quartier im ehemaligen Landwehrcasino hinter dem Bahnhof Zoo.

Foyer der Helmut-Newton-Stiftung mit den »Big Nudes«. Foto: © Zak mc, 2007.

Foyer der Helmut-Newton-Stiftung mit den »Big Nudes«. Foto: © Zak mc, 2007.

[Quelle: flickr.]

Schon das Foyer stimmt in buchstäblich großartiger Weise auf die Umwidmung des Gebäudes ein: wo früher überdimensionale, heroisierende Soldatenbilder hingen, sieht man nun Newtons weltberühmte Nackte der „Big Nudes“-Serie.  Das ist sowohl witzig, als auch ein subversiver Kommentar auf die eingangs erwähnten Vorwürfe Newton gegenüber.

Dauerausstellung Private Property

Die Daueraussstellung im Erdgeschoss ist Newtons Leben und Ouevre gewidmet. Zum Glück hat man dabei auf weihrauchgeschwängerte Hagiographie verzichtet und stattdessen durch den maßstabsgetreuen Nachbau seines monegassischen Arbeitszimmers sowie zahlreiche persönliche Gegenstände einen Weg gefunden, zwischen diesen Objekten das skurrile, bisweilen kindisch-verspielte, aber nie infantile Wesen Newtons aufscheinen zu lassen.

Korrespondenzen und Kondolenzen

Höchst vergnüglich zu lesen sind Newtons Korrespondenzen mit seinen Zeitgenossen, so zum Beispiel ein Fax an den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Newton war zu einem Staatsakt einen Tag zu spät erschienen, entschuldigte sich aber so witzig für seinen unfreiwilligen Fauxpas, dass man gerne glauben möchte, Schröder habe ihm verziehen.

Berührend hingegen die vielen Kondolenzbekundungen anlässlich Newtons Tod, die an die Frau an Newtons Seite, June Newton alias Alice Springs gerichtet waren und zeigen, wie sehr Newton geschätzt und wohl auch geliebt wurde. – Nachdem ich mir etwa eine halbe Stunde lang Ausschnitte aus einem Newton-Interview angesehen hatte, begann ich mir zu wünschen, diesem Mann wirklich begegnet zu sein, so humorvoll, aber auch geistreich wirkte er auf mich.

Sonderausstellung Polaroids

Polaroids: vom Hilfsmittel zum Kunstwerk an sich

Im Obergeschoss findet zur Zeit die Sonderausstellung Polaroids statt. Eine Texttafel zu Beginn der Ausstellung erklärt in einer auch für fotografische Laien anschaulichen Weise, dass sich die Polaroids im Werk Newtons von einem bloßen Mittel zum Zweck, einem Schritt auf dem Weg zum perfekten Abzug, zu eigenständigen Kunstwerken mit dokumentarischem und künstlerischem Wert entwickelten – in etwa vergleichbar den Zeichnungen oder Aquarellen alter Meister.

Wer Polaroids nur als orangestichige Momentaufnahmen aus der eigenen Kindheit erinnert, liegt daneben. Newton beherrschte das Medium bald virtuos und  fing darauf träumerische Szenen in Schwarzweiß (wie jene vom Chateau d’Annecy) ebenso ein wie knallbunte Modefotos aus der Disco-Ära.

Über die technische Seite hinaus bieten die von Newton seit den 1970ern genutzten Polaroids Einblicke in die verschiedenen Phasen seines Schaffens, aus denen sich für mich in der rückblickenden Anschauung durchaus gewisse Zäsuren bzw. Entwicklungen herauskristallisieren ließen.

Schaffensperioden in Newtons Werk

In meinen Augen schuf Newton die aufregendesten und unverwechselbarsten Werke in den 70ern und 80ern, als er das glamouröse Lebensgefühl des Jet-Sets aus Musikern, Schauspielern und Models einfing. Dabei gehen seine Bilder immer über bloße Porträts hinaus; im Grunde genommen sind es ebenso sehr Inszenierungen wie die von Hofmalern früherer Jahrhunderte.

Helmut Newtons Inszenierungen

Dies beweisen auch die zahlreichen Requisiten in der Private Property-Ausstellung, auf die Newton wiederholt zurückgriff. Namen wie Christian Louboutin, Jimmy Choo und Manolo Blahnik mögen Fashionistas seit Sex and the City mühelos über die Zunge gehen; Newton begriff den Appeal der Kreationen dieser Schuhkünstler offenbar sehr früh und besaß von jedem von ihnen Frauenschuhe für seine Shootings.

Der male gaze

In der Ausstellung überwogen Frauenporträts; Frauen waren sicher Newtons lebenslanges Thema. Wenn er Männer porträtiert, sind es androgyne Wesen wie David Bowie oder anonyme Dandies. Letztere dienen in den Bildern oft als Staffage. Aus feministischer Sicht wird dies als Zementierung des sogenannten male gaze, d. h. des ännlichen Blicks bewertet, der den Mann als betrachtendes Subjekt und die Frau als betrachtetes Objekt etabliert. Ob das allein als Sexismus ausgelegt werden darf? Immerhin beschreiben Newtons Inszenierungen damit auch ein allgegenwärtiges Machtgefälle innerhalb etlicher Kulturen und Gesellschaften: Frauen sind schön und jung, Männer sind reich und alt (eine Grundkonstante, die Newton an seinem Wohnort Monaco oft genug beobachtet haben dürfte und die mit der Hochzeit zwischen Fürst Albert und Charlene Wittstock soeben ihre jüngste Fortschreibung erfuhr).

SM-Paraphernalia im Werk Newtons

Was mich in der Ausstellung wirklich überrascht hat, war Newtons häufiger Einsatz von Requisiten, die heute landläufig mit der SM-Kultur konnotiert sind: neben ungewöhnlichem Schuhwerk auch Augenbinden, Peitschen, Pferdesättel, Halsbänder und Leinen. Auch die Inszenierungen bilden Situationen ab, die heute zum Standardrepertoire von SM-Szenen gehören: Dienstmädchen auf Leitern, Frauen, die sich einem Mann präsentieren. Auch mit der aus Japan stammenden, Shibari genannten Kunst erotischer Fesselung beschäftigte Newton sich. Dies allerdings als frauenfeindlich zu interpretieren (wie von der feministischen Kritik häufig genug geschehen), verkennt völlig die historischen Wurzeln und kulturellen Implikationen dieser Praxis (sehr verkürzt gesagt, kann das Shibari in einer so restriktiven Gesellschaft wie der japanischen Frauen auch ein spielerisches Freisein von ebendiesen Konventionen bieten).

Dekonstruktion des makellosen Körpers

Meiner Meinung nach geht Newtons Interesse am weiblichen Körper weit über eine glatte, schöne Oberfläche (die zu erzeugen er zweifellos beherrschte wie kaum ein Anderer) hinaus. Das beginnt mit Seilen, die das Fleisch der Frauenkörper verformen, und setzt sich in seinem Gebrauch von Brustimplantaten oder aber Beinschienen und anderen Prothesen fort. Das ist wohl kaum „schön“ im landläufigen Sinne, wenngleich gerade aus dem Kontrast zwischen Makellosigkeit und Versehrtheit ein interessanter, bisweilen erotischer Reiz erwächst. Ohnehin: was dem einen Silikonbrüste, sind dem anderen Deformationen des Körpers (wie z. B. amputierte Gliedmaßen) – zum Fetisch kann beides werden.

Nacktheit, Erotik, Pornografie

Aber, die Frage drängt sich an dieser Stelle geradezu auf, macht das Newtons Bilder pornographisch? Der oft zitierte Satz, wonach Schönheit im Auge des Betrachters liegt, gilt eben auch für Pornografie: wat den einen sin Uhl is, is den annern sin Nachtigall. Newtons Bilder mögen Zubehör und Situationen abbilden, die auch aus der Pornografie bekannt sind, aber um als Pornografie zu gelten, sind seine Werke zu vielschichtig und mehrdeutig. Im übrigen fand sich in der gesamten Ausstellung keine einzige Aufnahme, die man als obszön empfinden hätte können (wenn man Obszönität primär als Zurschaustellen von Geschlechtsorganen oder sexuellen Handlungen definiert). Die Grenzen zwischen Pornografie und Erotik mögen fließender denn je verlaufen, aber Newton der Pornografie zu bezichtigen, ist einfach unzutreffend.

In dem bereits erwähnten Dokumentarfilm äußerte sich Newton denn auch zu den Vorwürfen, mit seinen Bildern habe die Pornographie in der VOGUE Einzug gehalten. Anlaß waren Aufnahmen, in denen eine Frau mit einem Schäferhund abgebildet war. Damit konfrontiert, dass in den Bildern sexuelle Handlungen zwischen Tier und Mensch anklängen, meinte Newton durchaus glaubwürdig: „What a terrible idea!“. Zurecht mokierte er sich über jene Moralapostel, die mit einer solchen Kritik viel mehr über ihre eigene Fantasie aussagten, als über seine Bilder.

Sind Newtons Bilder faschistoid?

Auch der Vorwurf, Newtons Bilder seien faschistoid, indem sie einem Übermenschen-Ideal huldigen, sind angesichts solcher Techniken haltlos. Ein weiteres Argument gegen diesen Vorwurf ist der mal offenkundige, mal hintergründige Humor in Newtons Bildern (ich denke hier z. B. an das Porträt Eva Herzigovas mit einer Aufblaspuppe). Dass totalitäre Ideologien die subversive Kraft des Humors fürchten wie der Teufel das Weihwasser, ist hinlänglich bekannt …

Vielmehr war Newton dafür verantwortlich, dass z. B. in der Modefotografie ein frischer Wind einzog. Nach den fröhlichen Modestrecken der Sechziger Jahre, die unschuldige Kindfrauen wie Twiggy oder Mia Farrow in lustigen Posen abbildete, gelang es Newton, mittels der beschriebenen, unerwarteten Dislozierungen für frischen Wind in den Modemagazinen zu sorgen.

Dass er dabei bis zuletzt dem Zeitgeist auf der Spur oder gar voraus war, beweist für mich eine tatsächlich in der VOGUE abgedruckte Aufnahme eines Brathähnchens, das Stöckelschuhe trägt. Besser kann man den Fetischcharakter, den Fleisch in unserer Gesellschaft genießt, nicht bebildern.

Fazit

Wie man an diesem langen Blogeintrag sieht, empfand ich den Besuch der Helmut-Newton-Stiftung als äußerst inspirierend. Ich habe mehr über einen Künstler erfahren, der heutzutage im kollektiven Bildgedächtnis allgegenwärtig ist, und dabei Seiten an ihm wahrgenommen, die mir zuvor verborgen blieben. Ich bin auf überraschende Themen innerhalb seines Œuvres gestoßen, die mir zuvor so nicht bewußt waren. Und ich entdeckte, bei aller Lust an der Provokation, eine Nuanciertheit, die ich zuvor nicht vermutet hatte.

Offene Frage

Eine Frage, über die ich gerne mehr herausfinden würde, ist die von der Henne und dem Ei. Hat Helmut Newton die Bildsprache der SM-Kultur nachhaltig beeinflusst, oder griff er auf deren Praktiken zurück, verstand es aber, sie für den Mainstream aufzubereiten?


Anmerkung: dieser Artikel wurde versehentlich in einem noch fragmentarischen Stadium veröffentlicht. Dies ist die vollständige Version.


Muyserin Andernorts: Berlin

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