Fließbandlektüre: Donna Leons Das Mädchen seiner Träume

Es gab eine Zeit, da ich Donna Leons Romane um Commissario Brunetti verschlang. Zu perfekt, zu traumschön gelang ihr die Heraufbeschwörung eines idealtypischen Venedigs. Zwar ereignete sich regelmäßig der eine oder andere Mord, doch diese Schrecknisse wurden immer durch die heile Welt am Küchentisch der Familie Brunetti (treu sorgender Vater, schöne und kluge Ehefrau, zwei wohlerzogene Teenager) aufgehoben.

Den jüngsten Fall Brunettis, Das Mädchen seiner Träume, las ich vergangene Weihnachten, weil der Roman sich bei irgendjemandem in der Familie unter dem Gabentisch fand. Viel Zeit konnte ich mir mit der Lektüre also nicht lassen, schließlich ist man nur ein paar Tage zusammen, in denen zudem ständig gekocht, gegessen und gespielt wird. Zum Glück scheint die Autorin von ihren Lesern auch gar keine eingehende Lektüre zu erwarten.

Noch immer gibt es die wunderbaren Frechheiten der Signora Elettra gegenüber dem ebenso aufgeblasenen wie inkompetenten Vice-Questore Patta, etwa wenn sie ihm, der zu einer wichtig klingenden EU-Schulung im Ausland weilt, mithilfe digitaler Finessen suggeriert, sie mühe sich im Büro ab, während sie in Wahrheit gerade einen Wellness-Urlaub genießt. Und noch immer kocht Paola, Commissario Brunettis Frau, Gerichte, die bei bloßem Lesen den Speichelfluss anregen.

Trotzdem blieb bei mir insgesamt der Eindruck, als ob dieser 17. Kriminalfall etwas lieblos, ja, langatmig erzählt war. Die beinahe wahnsinnige Spannung früherer Fälle wollte sich bei mir jedenfalls nicht einstellen. Dabei ist das Verbrechen ein durchaus abscheuliches: ein minderjähriges Roma-Mädchen ist tot, Spuren deuten auf sexuellen Missbrauch. Aber die Szenen im Lager der Roma sind doch sehr holzschnittartig geraten: es sind durchweg rohe Gestalten mit rauen Sitten und kriminellen Erwerbstätigkeiten; eine Gemeinschaft, in der der Einzelne nicht viel Wert zu sein scheint.

Donna Leons Liebe zu Händel ist bekannt; vielleicht ist sie, die auch als Dozentin an einer Universität Literatur lehrt, einfach zu bürgerlich, um ihr fremde Milieus so zu schildern, dass daraus keine holzschnittartiges Schwarz-Weiß erwächst, kein bourgeois herablassendes Entsetzen oder Mitleid.

Mein Donna-Leon-Fieber ist abgeklungen … es sei denn, es geht um’s Essen. Dafür kann ich mich nach wie vor begeistern, wie man ab heute nebenan nachlesen kann.

Dieser Beitrag wurde unter B(a)uchladen, Soma & Aroma abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.