Straßenbahnszene: Gewalt gegen ein Kind. Die Eltern: doitsch.

Gestern Nachmittag auf dem Weg zu einem Termin: ich sitze ziemlich weit hinten in der mäßig gefüllten Straßenbahn, entgegen der Fahrtrichtung. Im Blick habe ich dabei ein junges Elternpaar mit Kind, die im „Rondell“ am Ende des Waggons Platz genommen haben. Von den Klamotten und der Aufmachung her würde ich sie im rechten Spektrum ansiedeln; der Gesichtsausdruck des etwa 5-jährigen Sohnes lässt mich eine leichte geistige Behinderung vermuten. Vati hat sich zur Entspannung schon mal eine Pulle Bier aufgemacht. Mutti ist nicht ganz so relaxed: mit den Worten „Setz Dich hin!“ versetzt sie ihrem Bübchen ohne Vorwarnung mit voller Wucht einen Schlag auf den Kopf. Das Kind ist fassungslos, zieht sich mit schützend über den Kopf gelegten Armen auf den Platz gegenüber den Eltern zurück und verharrt wie erstarrt in dieser Haltung. Die Mutter sieht derweil ihren Begleiter verliebt an, sie küssen sich.

Die ganze Szene macht mich so fassungslos – wie gesagt, die Bahn ist nicht gerade leer, das Kind hat sich nicht schlecht benommen (was ebenfalls keine Schläge rechtfertigen würde), und ich möchte wirklich nicht wissen, welche „Erziehungsmaßnahmen“ sich zu Hause, im Schutz von vier Wänden abspielen.

Ich überlege, wie ich reagieren könnte. Mir fällt ein:

„Ihr solltet Euch schämen!“ – Ich verwerfe es, zu moralinsauer …

„Euer Kind wird besser auf Euch hören, wenn es nicht in Angst vor Euch lebt.“ – Lichtjahre von deren Auffassung entfernt …

„Eine deutsche Mutter schlägt ihr Kind nicht!“ – Subversiv, aber es ist mir zuwider, solche Worte in den Mund zu nehmen.

Während ich fieberhaft nach den richtigen Worten suche, überkommt mich die alte Ohnmacht.

Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, als ich als einzige Gymnasiastin den selben Schulbus benutzen musste wie eine Gruppe Hauptschüler, die zu allem Übel auch noch von meinen beiden Eltern unterrichtet wurden. Eine lose-lose-Situation. Wir sprachen einfach nicht die selbe Sprache.

Und das ist es auch, was mich als Erwachsene immer wieder lähmt. Ich nehme es mit jedem auf, von dem ich instinktiv weiß, dass er meine Sozialisation, meinen Wertekanon teilt.

Aber bei besoffenen Girlies in der Bahn, die mit ihrer Handybeschallung ihre Umgebung nerven; bei halbstarken Jüngelchen, deren Vokabular in einem fort Frauen auf ihre Geschlechtsorgane reduziert, und eben bei diesem Elternpaar fühle ich mich machtlos.

Im konkreten Fall habe ich bereits gesehen, dass körperliche Gewalt zu ihrem Vokabular gehört. Mein Babybauch ist deutlich sichtbar und macht mich zu einem easy target; ein Schlag oder Tritt in meinen Bauch stellt für mich eine reale Bedrohung dar, noch ehe sie überhaupt ausgesprochen wurde.

Am Hauptbahnhof Nord erwacht das Bübchen aus seiner Lethargie. Freudig aufgeregt ruft es: „Schau mal, ein Lokomotivhaus!“ Daraufhin beugt sich der Vater zu ihm (ich kann die Bierfahne förmlich riechen) und sagt: „Das eine kann ich Dir sagen, Bürschchen, wenn Du Dich jetzt nicht benimmst, lassen wir Dich hier!“ Das Bübchen, immer noch ganz außer sich wegen der Züge, reagiert nicht sofort. Darauf der Vater, Millimeter vom Gesicht des Kindes entfernt: „Haben wir uns verstanden, Sportsfreund?“

Meine Kehle ist wie zugeschnürt, ich kämpfe mit den Tränen, und ich bin wütend auf mich selbst. Die nächste Haltestelle ist mein Stopp.

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3 Kommentare zu Straßenbahnszene: Gewalt gegen ein Kind. Die Eltern: doitsch.

  1. thg sagt:

    Aber du bist doch nicht allein in der Straßenbahn. Da müssen doch noch andere dabei gewesen sein, die diese Situation beobachtet haben? Ich gebe zu, ich kann auch nicht sagen, was ich in so einem Moment getan hätte. Zumal das doch nur Wasser auf den heißen Stein ist, denn ich will nicht wissen, was bei denen daheim abgeht. Da wird ein in der Straßenbahn gegebenes Widerwort auch leider nichts dran ändern.
    Von solchen Leuten würde ich mir ja sehr gern Namen und Adresse geben und dann mal dem Jugendamt einen Hinweis zukommen lassen.

    Manchmal wünsche ich mir ja ganz gern eine Art „Elternführerschein“ für einige (Mit einer Lehrerin an einer Erziehungshilfe-Schule als Schwester bekomme ich ja durchaus auch einige erschreckende Eindrücke vermittelt…).

    • Muyserin sagt:

      Im hinteren Wagenteil, wo ich saß, war außer mir und der Familie tatsächlich niemand, der das Geschehen hätte beobachten können.

      Die Idee mit dem Elternführerschein ging mir natürlich auch schon durch den Kopf. Aber letzten Endes denke ich, dass ist nur der hilflose Versuch, durch noch mehr Bürokratie regulieren zu wollen, was eine Gesellschaft eigentlich aus sich selbst heraus leisten sollte.

  2. Pingback: Kindesmisshandlung – wie soll man konkret reagieren? – Journal ohne IsmusJournal ohne Ismus

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