„Albert Kaffee“ – Dresdner Cafés gestern und heute

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ein Freund an mich mit einem Erbstück seiner Familie herantrat und mich um eine Schätzung desselben bat.

Unscheinbares Kännchen mit wahrscheinlich großer Geschichte.

Unscheinbares Kännchen mit wahrscheinlich großer Geschichte.

Nun hat mich mein Studium der Kunstgeschichte leider nicht dazu befähigt, an jeden kunsthandwerklichen Gegenstand ein Preisschild zu pappen. Wohl aber hat es mir immer wieder Lust auf die Geschichten hinter den Dingen gemacht, und auf eine ebensolche meine ich jetzt gestoßen zu sein.

Auf dem Boden des Kännchens ist ein Stempel eingeprägt:

Unterseite des Kännchens mit Stempel „AlbertKaffee“.

Unterseite des Kännchens mit Stempel „AlbertKaffee“.

Meine erste Assoziation waren die „Albrecht-Kaffee“-Dosen meiner Kindheit, die bei uns zu Hause, warum auch immer, im Dutzend gehortet wurden. Aber das war natürlich falsch.

Dann erzählte mein Freund mir einige biographische Details aus dem Leben seiner Mutter. Demnach stammte das Kännchen ursprünglich, so viel dürfte als gesichert gelten, aus Dresden. Zwar konnte ich keine Rösterei aufspüren, die hier unter dem Namen Albert-Kaffee geröstete Bohnen vertrieben hätte. Doch es gab tatsächlich ein Albert-Café, sogar verifizierbar in der Schreibweise „Albert-Kaffee“ (oder „Albert Kaffee“)! Den Beweis lieferte die Abbildung einer alten Ansichtskarte, die vorne drei Innensichten des Cafés zeigt sowie auf der Rückseite dessen Anschrift als „Dresden-N., Albertplatz 8 am Neustädter Schauspielhaus“ angibt. Dabei dürfte es sich um das Café des Dresdner Albert-Theaters gehandelt haben. Erbaut 1871-73 und benannt nach dem sächsischen König Albert, wurde es nach Kriegsschäden 1950 abgerissen. Eine weitere Postkarte zeigt ein „Café zum Albert-Theater von G. Graf“, gibt aber als Adresse „Dresden-N., Alaunstr. 1“.

Ob und wenn ja, aus welchem der beiden Cafés (die vielleicht zusammenhingen) das Kännchen stammt, konnte ich bis jetzt nicht klären, ohne mich eingehender mit der Historie der Dresdner Cafés beschäftigt zu haben.

Einerseits möchte ich also alle Dresdner Leser meines Blogs auffordern, nicht mit weiterführenden Informationen hinter dem Berg zu halten.

Andererseits darf ich diesen Artikel als Aufhänger nutzen, um auf meine Recherchen in Sachen zeitgenössischer Kaffeekultur zu verweisen, die ich im Frühjahr für das Augusto-Magazin unternommen hatte. Wer also nach charmanten, gemütlichen oder angesagten Orten zum Entspannen-und-die-beste-Freundin-treffen sucht, findet ab heute meine Tipps auf meinem Blog Zur Sprache, Schätzchen.

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16 Antworten auf „Albert Kaffee“ – Dresdner Cafés gestern und heute

  1. Andreas Them sagt:

    Ich habe vermutlich eine Abbildung von dem Häuserkomplex, indem sich das Albert-Cafe befand. Deckt sich auch mit dem Inserat Anfang 1920-er Jahre vis-a-vis, dem Alberttheater. Keinesfalls war es ein Cafe im Albertheater. Falls Interesse besteht, kann ich Ihnen diese Abbildung zusenden.

    • Muyserin sagt:

      Hallo, Herr Them, schön, dass Sie zu mir gefunden haben! :) Ich werde aus Ihrem Kommentar leider nicht ganz schlau: welches Inserat meinen Sie? Über die Zusendung der Abbildung würde ich mich sehr freuen. Beste Grüße!

  2. Peter Kocaré sagt:

    Herr Them hat recht.

    Das Albert Café befand sich am Albertplatz 8 gegenueber vom Albert Theater und direkt neben dem Artesischen Brunnen.

    Im Café fanden taeglich Kuenstler Konzerte (2-5 Musiker) statt. Neben Kaffee und Kuchen konnte man auch warme Speisen bekommen und vorzuegliche Weine sowie vor allem hollaendische Spirituosen. Beruehmt waren die Eisspezialitaeten des Eigentuemers. Im Sommer befand sich vor dem Café eine schoene kleine Terrasse. Viele Musiker kamen aus Holland, weil der Besitzer ein Hollaender war. Er war Eigentuemer ab 1922 bis zur Wirtschaftskrise. In den Kriegsjahren wurde das von der Steuer beschlagnahmte Café leider umgebaut in ein ordinaeres Trinklokal.

    Woher ich das weiss: der Besitzer war mein Vater … Wir wohnten im gleichen Gebaeude wie das Café, von dem ich natuerlich jeden cm kenne, da ich in Dresden aufgewachsen bin (seit 1924, meinem Geburtsjahr). Beim Bombenangriff wurde unser Haus voellig zerstoert und so konnte ich nur das nackte Leben retten. Daher sind wir 1945 wieder in die hollaendische Heimat zurueckgekehrt.

    Ich verfuege noch ueber eine ganze Menge Dokumentation ueber unser Café, da wir unseren Verwandte in Holland seinerzeit Unterlagen schickten.

    Was das Kaffeekaennchen betrifft, dies sieht dem bei uns gebrauchten sehr aehnlich, vielleicht war es beim frueheren Eigentuemer in Gebrauch, Das unsrige bestand aus Hotelsilber und war ein beliebtes Objekt fuer Diebe, die unsre Konzerte besuchten.

    Ich verbleibe fuer heute mit freundlichen Gruessen, Ihr 88 jaehriger Hollaender, der seine schoenen Jahre im alten Dresden nie vergessen wird.

    • Muyserin sagt:

      Sehr geehrter Herr Kocaré, welche Freude, dass Sie auf mein Blog gefunden haben und uns an Ihren Erinnerungen teilhaben lassen. Ihre Informationen sind für Neustadt-Historiker sicher von Interesse.

      Sind Sie denn nach dem Krieg wieder in Dresden gewesen?

      Vielen Dank für Ihre Zeilen.
      Ich grüße Sie mit den besten Wünschen,
      Kathrin Muysers.

  3. Andreas Them sagt:

    Danke für die neue Nachricht. Es ist immer wieder schön, wenn bei Recherchen zur alten Dresdner Kaffeehauskultur sich noch Zeitzeugen melden, die diese Zeit miterlebt haben. Jeder von uns trägt in seinen Erinnerungen ein kleines Museum und es ist immer wieder auf Neues spannend, wenn sie ausgetauscht werden und vor dem Vergessen bewahrt werden. Ich kann nur ihre Antwort bestätigen, dass diese Erlebnisse für Stadthistoriker sehr interessant sind. Das Berufsschulzentrum für Gastgewerbe Dresden baut bereits ein solches kleines Museum mit vielen Zeitdokumenten auf. Ich möchte dem Zeitzeugen gern ein Freiexemplar des Buches „Kaffeehausgeschichten aus dem alten Dresden“ zukommen lassen. Im Kapitel über das „Cafer Berger“ auf der Wilsdruffer Straße beschreibt ebenfalls ihre Erinnerungen an den Kaffeehausbetrieb ihrer Eltern. Es wäre schön, wenn Kontakte geschaffen werden, um auch der Geschichte vom „Albert-Cafe“ einen würdigen Rahmen zu geben.

    • Muyserin sagt:

      Das ist ein sehr nettes Angebot, Herr Them! Ich werde mit Ihrer Zustimmung Herrn Kocaré Ihre E-Mail-Adresse zukommen lassen, dann kann er sich bei Interesse melden und Ihnen seine Anschrift mitteilen.

      Der Aufbau des Museums klingt interessant; halten Sie uns bitte auf dem Laufenden!

  4. Andreas Them sagt:

    Sie haben die Zustimmung zur Weiterleitung der Kontaktadresse. Wenn Interesse besteht, führe Ich Sie gern einmal durch unser kleines Gaststättenmuseum. Sie werden überrascht sein, wieviel Zeitdokumente zusammengekommen sind und stetig aufgearbeitet werden.

  5. Peter Kocaré sagt:

    Ueber Eure Reaktionen habe ich mich sehr gefreut. Wer von Ihnen Freude haben sollte an Fotos vom Albert-Café vor und nach dem Bombenangriff und dem schoenen Gebaeude, in dem es sich befand, sollte sich bitte melden. Ich bin nicht so ein Talentierter im Versenden via Internet, wuerde es also vorziehen, Fotokopien per Post zuzusenden, sollte dann allerdings eine Postanschrift von Ihnen erhalten.

    Nicht dass es so wichtig ist, aber mein Geburtsjahr war natuerlich 1923 und nicht 1924. Ich war mit meiner Frau mehrere Male nach dem Krieg kurz wieder in Dresden, um alte Erinnerungen aufzufrischen. Auch befanden sich im wieder aufgebautem Hinterhaus noch Familienmitglieder, die ebenfalls im großen Vorderhaus ausgebombt waren, aber in Dresden bleiben wollten. Sie sind inzwischen aber gestorben. Ich koennte ein dickes Buch [schreiben] ueber die Geschichte meiner Familie, das Café in Dresden und die Gruende, warum mein Grossvater in Den Haag beschloss, seinen Kindern das Haus am Albertplatz mit Café zu vermachen, aber das duerfte Euer Interesse natuerlich sprengen.

    Aber noch taeglich denke ich an all die Erlebnisse in den 22 Dresdner Jahren, und vom Angriff habe ich noch immer ein Trauma behalten, denn ich befand mich bis fünf Minuten vor dem Angriff im 5. Stock mit Fieber und Diptherie im Bett und konnte nur in letzter Minute im Schlafanzug und Filzpantoffeln sowie ueberworfenem Mantel aus dem brennenden Haus entfliehen, durch den Keller und das Café, wo die große, versenkbare Fensterscheibe, die im Sommer Frischluft ins Café bringen sollte, durch eine Luftmine mit einem Riesenkrach zersplittert war, aber das Ausweichen ermoeglichte. Im Nebenhaus hatte man weniger Glueck, und [dort] gingen die Sprengbomben bis hinein in den Keller … Der 13. Februar ist fuer mich noch immer eine furchtbare Erinnerung, die aber alles vorherige Schoene nicht ganz vergessen laesst.

    In Holland habe ich mir auf die Dauer eine gute neue Existenz aufbauen koennen, mit Frau und Kind.

  6. Andreas Them sagt:

    Die Freude ist auch meinerseits. Dank gilt erst einmal Frau Muysers, die diese Plattform errichtet hat. Auch ich bin im Internet nicht so bewandert. Das Schulmuseum vom Berufsschulzentrum für Gastgewerbe Dresden hat großes Interesse an Fotokopien zu Ihren gesammelten Materialien. Wenn Sie als Suchbegriff im Internet die Bezeichnung eingeben, werden sie im Internetauftritt unter der Rubrik Höhepunkte jene Seiten finden, wie intensiv sich mit der Gastgewerbsgeschichte beschäftigt wird. Und überhaupt Ihre Kindheitsgeschichte auf dem Albertplatz ist interessant. Wir haben zum Beispiele ein Fotoalbum eines Bewohners des Hauses Antonstraße 2 aus den 1920er Jahren. Fotografien aus dem Fenster zeigen das Alberttheater. Wir sind uns nicht sicher, ob es das Vorgängergebäude vom Hochhaus war, oder zum Gebäudekomplex gehört, wo das „Albert-Kaffee“ war. Ihre Erinnerungen sind für Dresdner Stadtforscher sehr wertvoll.

  7. Muyserin sagt:

    Ich habe Ihnen beiden geschrieben, so dass Sie sich Ihre Adressen austauschen können. Es ist schön, dass es zu einem Austausch kommen könnte.

  8. Pingback: Sehnsuchtsort » Blog Archive » 16. Klappe

  9. Brigitte Uhlig sagt:

    Mich interessiert der Beitrag von Herrn Kocaré ganz persönlich. Ich bin Jahrgang 1943 und habe genau gegenüber des Albert-Theaters auf der Bautzner Straße gewohnt und kenne die Gegend auch ganz genau – wo man eben als Kind umher kraucht. Als Schulkind habe ich dann die Sprengung der Reste des Theaters mit erlebt.
    Ich bin unheimlich mit meiner Heimat verwurzelt und sauge alles, was ich bekommen kann, in mich hinein.
    Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen
    Brigitte Uhlig

    • Muyserin sagt:

      Sehr geehrte Frau Uhlig,

      es freut mich, dass Sie hier Ihre eigenen Erinnerungen um die Herrn Kocarés ergänzen konnten.

      Freundliche Grüße
      Kathrin Muysers.

  10. Andreas Them sagt:

    Zugegeben, der Austausch von Rechercheergebnissen im Internet fällt mir noch sehr schwer. Um so interssanter die letzte Eintragung von Frau Brigitte Uhlig. Sie schrieb sie am 21, Januar 2012, als ich meinen kleinen Artikel zum Albertcafe am Albertplatz veröffentlichte. Natürlich gibt es noch weitaus mehr zu erzählen. Und sicherlich kann das Frau Uhlig, welche gegenüber dem Alberttheater gewohnt hat, welches Anfang des Jahres 1937 den Namen Theater des Volkes trug. Ich besitze nur zahlreiches Fotomaterial aus jener Zeit. Jene bedürfen aber eine Erklärung von Zeitgrnossen. Wenn Interesse besteht, würde ich mich gerne mit Frau Uhlig unterhalten.
    Mit freundlichen Grüßen
    Andreas Them

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