Kirchentagsnotizen II: Käßmann und Müller über Sexualität in Christentum und Islam

Ja, ich besitze die Dreistigkeit, jetzt noch etwas zum Kirchentag beizusteuern. Der Grund ist, Dresden wurde vom SPIEGEL mit einem eine Seite langen Artikel der Reihe „Orsttermin“ bedacht, den ich letzte Woche las und der seither in mir rumort hat.

Als ich nun heute auf einen interessanten Gastbeitrag des Bloggerkollegen Stefanolix im Politforum Zettels Raum stieß, schien mir der Artikel einfach erwähnenswert, auch, weil er sich mit einem Thema beschäftigt, das mir mit meiner Biographie nun nicht gänzlich gleich ist.

Ich gebe also meinen dortigen Kommentar hier in leicht veränderter Form wieder. Leider scheint der SPIEGEL-Artikel, auf den er sich bezieht, nicht online zu sein.

Der Titel lautet „Liebliche Hirschkuh“ (S. 59, SPIEGEL 24/2011). Untertitel: „In Dresden wird über den Umgang mit der Sexualität im Christentum und im Islam diskutiert.“

Was ich dann dort las, war entweder sehr clever oder sehr naiv, ich kann mich da nicht festlegen, da mir linguistische Vergleichsproben des Autors Markus Feldenkirchen fehlen.

Kostprobe gefällig? Nehmen wir doch gleich das Fazit:

„Christentum und Islam sind sich eigentlich sehr nahe, das ahnt man, als Margot Käßmann und Rabeya Müller nach eineinhalb Stunden auseinandergehen.“

Ich erinnere mich, der SPIEGEL, das war in meiner Jugend eine Publikation, bei deren Lektüre ich nur ahnen konnte, wie viel ich nicht wusste und weiß.

Aber angesichts solcher Sätze fällt mir nur noch ein „Piep, piep, wir haben uns ja alle lieb!“ ein.

Ich plädiere jederzeit für Respekt fremden Religionen gegenüber, zumal wenn sie ähnliche Wurzeln und Gedankengut aufweisen wie die meine. Aber in anderthalb Stunden alle Differenzen zwischen „Islam“ und „Christentum“ fortgeredet haben zu wollen, scheint mir eine sträflich dumme Vereinfachung.

(Nachtrag: pointiert ausgedrückt, macht es schon einen Unterschied, ob elfjährige Mädchen im Namen des Islam beschnitten werden dürfen, oder ob Neunjährige Jungen und Mädchen im Namen des Christentums angehalten werden, vor der Erstkommunion anhand eines „Beichtspiegel“ genannten Punkteplans ihr Gewissen hinsichtlich „Unkeuschheit“ (d. h. Selbstbefriedigung) zu ergründen.)

– Gänsefüßchen um die Begriffe übrigens deswegen, weil gerade bei einem solchen Thema wie der Sexualität, das sehr wenig mit der reinen Lehre an sich (also den jeweiligen Schriften wie Bibel oder Koran) und ganz viel mit den Auslegungspraktiken in den jeweiligen Ländern und Kulturen zu tun hat, ja wohl kaum von einem, d. h. homogenen Islam bzw. Christentum die Rede sein kann.

Peinlich berührt bin ich auch, weil ich mich (zugegebenermaßen sehr dunkel) an ein kunsthistorisches Seminar über die Kultur Andalusiens erinnere, in dem ich etwas vom Niveau der interreligiösen Dialoge erahnen konnte, welche die Gelehrten der drei mosaischen Religionen vor vielen hundert Jahren in Al-Andalus miteinander führten.

Einen Schlusssatz wie

„Die Praxis ist kompliziert, die Theorie doch so einfach: Hirschkuh und Saatfeld“

suchte man in den Diskursen jener Zeit (zum Glück) wohl vergebens.

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8 Kommentare zu Kirchentagsnotizen II: Käßmann und Müller über Sexualität in Christentum und Islam

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    • Muyserin sagt:

      Immer wieder erstaunlich, mit welcher Fresse manche Leute fremden Content unter ihrem eigenen Namen auf Blogs feilbieten, die nicht mal ansatzweise presserechtlichen Mindeststandards genügen. Carsten Göldner, denk‘ Dir gefälligst selber was Schlaues aus!

  2. Ich habe weder die o.g. Veranstaltung beim Kirchentag erlebt noch irgendeinen Artikel im SPIEGEL gelesen, doch es sei an dieser Stelle auch an Goethes „West-östlichen Divan“ erinnert.
    Zudem hat schon Friedrich II. hatte vermutlich ein etwas anderes Verhältnis zum Islam als viele Menschen heute – kenne mich allerdings da nicht so 100pro aus, die Historiker scheinen das mal so, mal so zu sehen.

    Und letztlich sollte man wohl auch das reale Leben in christlich und muslimisch geprägten Staaten nicht ganz vergessen Ums mal etwas zu überspitzen, weder sind „im Westen“ alle Menschen wirklich sexuell emanzipiert, noch sind „im Osten“ alle bei der Hochzeit noch jungfräulich. Über diverse Rückständig(lich)keiten könnte man sicher auf beiden Seiten ganze Romanreihen schreiben :)

    • Muyserin sagt:

      Danke für Deine Ergänzungen.

      Der Unterschied zum Diwan ist halt leider der, dass Goethe im 18. Jahrhundert lebte und wir im 21., und sich der Erkenntnisstand auf solchen Diskussionen immer noch derart an der Oberfläche bewegt.

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