Virtueller Kaminsims: HAP Grieshaber, »Baby I«

HAP Grieshaber, »Baby I«, 1954, Farbholzschnitt, Städt. Kunstmus. Spendhaus Reutlingen. © VG Bild-Kunst.

HAP Grieshaber, »Baby I«, 1954, Farbholzschnitt, Städt. Kunstmus. Spendhaus Reutlingen. © VG Bild-Kunst.

Mich erreichte mal wieder eine schöne Postkarte, Absender: meine Eltern. Sie hatten einen Ausflug nach Reutlingen ins Spendhaus gemacht, wo das Städtische Kunstmuseum eine Ausstellung über einen meiner Lieblingskünstler, HAP Grieshaber, zeigt.

Auf den ersten Blick dachte ich ja, es handelt sich um einen Picasso.

Dann verwirrte mich das Motiv: ein Mondgesicht mit betont aufgerissenen Augen und Mund, dazu die auffällig auseinander gereckten Arme. Ein Baby? Dazu würde auch der Bildtitel passen. Was aber hatte es mit diesem rot akzentuierten Farbfeld zwischen den Schenkeln auf sich, was war dessen Bedeutung?

Da die Ausstellung sich explizit biographischen Anlässen in Grieshabers Schaffen widmet, las ich, was in seiner Vita im Entstehungsjahr 1954 passierte. Zwischen 1951 und 1955 schuf HAP Grieshaber viele großformatige Holzschnitte, die von seiner Heirat mit der Malerin Riccarda Gohr, der Adoption der Tochter Christiane und, jetzt kommt’s, der Geburt der Tochter Ricca im Jahr 1954 beeinflusst waren. Daher denke ich, dass es sich um ein Geburtsbild handelt.

Besonders gefällt mir, dass mit dem oben erwähnten Babyhaften, das ich anfänglich darin sah, das Bild den ganzen Kosmos des Mutter-Werdens, vom sicher profunden Erlebnis einer Geburt, bis zur Sorge für ein bedürftiges Baby, in sich birgt.

Informationen

  • HAP Grieshaber „Das Biographische bleibt für mich Anlaß und mehr…“
  • Ausstellungsdauer: 16. April bis 6. November 2011
  • Öffnungszeiten:
    Dienstag bis Samstag 11 Uhr bis 17 Uhr
    Donnerstag 11 Uhr bis 19 Uhr
    Sonn- und Feiertag 11 Uhr bis 18 Uhr
    Montags und Karfreitag geschlossen!

 

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10 Kommentare zu Virtueller Kaminsims: HAP Grieshaber, »Baby I«

  1. stefanolix sagt:

    Schau Dir mal diese Version an: http://www.kunstportal-bw.de/stgagrieshaber2b.html
    Entweder ist die Postkarte »verdruckt« oder das Bild aus Karlsruhe ist falsch reproduziert.

    • Muyserin sagt:

      Ich würde eher meiner Version misstrauen, da ich sie ja nur auf den Scanner gelegt und mit dem Doof-Knopf von Picasa bearbeitet habe. :)

    • Eyachfreund sagt:

      Erstens hat Grieshaber auf seiner Presse alles manuell gedruckt. Da wird nach jedem Abzug der Druckstock wieder von Hand frisch eingewalzt. Dadurch gleicht kein Exemplar einer Auflage genau dem anderen. Da gibt es kleine Farbunterschiede (und auch Passerverschiebungen, wenn der Druck von mehr als einem Stock genommen wird). Das ist aber genau das, was einem Künstlerdruck im Vergleich zum Offsetdruck die Aura eines Originals verleiht.
      Zweitens weiß man, dass keine Reproduktion ein Original farbgetreu wiedergeben kann, es sei denn, bei einem sehr aufwändigen Reproduktionsverfahren, was sich aber bei einer Kunstpostkarte oder Katalogabbildung nicht rechnet.
      Drittens – wie schon gesagt – der Scanner, oder die Bildbearbeitung, die alles nochmals verändern kann.
      Deshalb geht man ja auch ins Museum, obwohl man die Bilder schon von vielen Reproduktionen her kennt.

  2. Eyachfreund sagt:

    Grieshaber hat nach der Geburt der Tochter Ricca acht verschiedene Holzschnitte der „Baby“-Serie angefertigt. Ich werde dir „Baby II“ und „Baby III“ als Reproduktionen zusammen mit den museumspädagogischen Erläuterungen zuschicken. Dabei ist auch ein Ölbild von Riccarda Gregor-Grieshaber mit „Baby im Stubenwagen“ zum Vergleich.

  3. OstTimoR sagt:

    Am 2. Weihnachtstag habe ich – auch inspiriert durch deine Beiträge hier – das Spendhaus in meiner Heimatstadt besucht. Ich kann mich nicht erinnern, jemals in diesem schönen alten Fachwerkhaus gewesen zu sein, welches von den „Neu-„Bauten VHS und der Stadtbibliothek flankiert wird und die Grenze der ehemaligen Reichsstadt bildet.

    Zur Zeit ist in dem Museum für den Holzschnitt der Moderne unter anderem die Ausstellung „Grieshaber und Reutlingen“ zu sehen, die für mich als alten Reutlinger recht interessant war, beispielsweise die Motive von der prächtigen, das Stadtbild prägenden Marienkirche, in der ich konfirmiert wurde.

    Amüsant fand ich, dass Helmut Andreas Paul (HAP), die Reutlinger, die seinen Lebensstil teils mit Argwohn betrachteten, von seinem Gütle (kleines Gartengrundstück) an der Achalm (Hausberg der Stadt) aus, als „Wilhelmstraßenkrämer“ (Wilhelmstraße: Hauptgeschäftsstraße, heute Fußgängerzone in der Altstadt) bezeichnete und dies auch künstlerisch verarbeitete.

    Bei der Nachbearbeitung stellte ich fest, dass es auch eine Verbindung in die ehemalige DDR und sogar nach Dresden gibt:
    1966 erscheint hier Grieshabers „Totentanz von Basel“ und wenige Jahre vor seinem Tod (1981), stellt er 1978 sein Werk in den hiesigen Staatlichen Kunstsammlungen aus.

    Außerdem (und das könnte auch Miss Mao interessieren), schlägt eine derzeitige Ausstellung mit dem Thema „Druckgrafik aus dem Jahre 1912“) unter anderem eine Brücke zu der gleichnamigen Dresdner Künstlergruppe.
    Auch für mich persönlich, die ich die sporadischen Heimfahrten oft als Rückkehr in eine andere Welt empfinde, ist das eine Art Brückenschlag.

    [Hinweis: Letzter Zustellversuch ;-) ]

    • Hallo, OstTimoR (immer wieder genial, dieses Pseudonym, vor allem, wenn man Dich kennt – ich muss jedes Mal grinsen!), vielen Dank für Deinen langen Kommentar und Deine Geduld beim Posten desselben (man muss wissen, OstTimoR war irgendwie in die Fänge meines SPAM-Detektors geraten, der seine Beute nicht so leicht wieder frei geben wollte).

      Ich freue mich sehr, dass mein Geschreibsel Dich zu einem Besuch im Spendhaus animieren konnte. Leider muss ich gestehen, mich nicht erinnern zu können, jemals dort gewesen zu sein (auch wenn meine Eltern schon viele Ausstellungen dort besucht haben). Stattdessen war ich schon öfter in der Städtischen Galerie Albstadt, die ebenfalls mit guten Ausstellungen, z. B. über Otto Dix, aufwartet.

      HAP Grieshabers Auseinandersetzung mit Reutlingen erinnert mich an eine andere schwäbische Künstlerin, die die Bürger ihrer Heimatstadt Biberach an der Riß durchaus zwiespältig porträtierte, also einerseits liebevoll, aber auch entlarvend: Romane Holderried-Kaesdorf.

      Deine Beobachtung über das Rückkehr-in-eine-andere-Welt-Gefühl teile ich. Magst Du mal etwas konkreter werden? Mich würde doch interessieren, was genau Du dann empfindest oder erlebst.

  4. OstTimoR sagt:

    Wenn ich auf Heimaturlaub in Reutlingen bin…
    …fühle ich mich manchmal (wieder) klein und unsicher (das letzte Mal nicht so sehr).
    …kommt mir das Schwäbisch oft befremdlich vor.
    …fühle ich mich mehr als Gast, als zu Hause, obwohl ich meist gut umsorgt und behandelt werde.
    …kann ich mir schlecht vorstellen, dorthin zurückzukehren, obwohl ich mich eventuell der Frage stellen muss, wenn meine Eltern Betreuung benötigen.
    …denke ich, die Stadt ist mir zu klein, obwohl es eine kleine Großstadt mit über 110.000 Einwohnern ist (Stuttgart käme eher in Betracht).

    • Wenn ich auf Heimaturlaub in Rottweil bin …
      … fühle ich mich selbstbewusst und weltgewandt (habe es ja schließlich in eine „große Stadt“ geschafft) ;)
      … kommt mir das Schwäbisch wunderschön vor.
      … fühle ich mich mehr als Köchin, denn als Gast … ;) (gell, Papa?)
      … könnte ich mir schon vorstellen, dorthin zurückzuziehen, aber keinesfalls zurück in die Kleinstadt am Rand der Alb, in der ich aufwuchs!
      … empfinde ich die Stadt trotz ihrer überschaubaren Ausdehnung als erstaunlich lebendigen Mikrokosmos … liegt aber auch am Umfeld meiner Eltern, glaube ich.

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