Wochenendliches Wohlbefinden bei Weißweinen und Weißwurst

Dieses Wochenende war dicht gepackt mit Kultur und Sinneseindrücken. Es begann am Samstag Vormittag bei einer festlichen, durchaus ungewöhnlich gedeckten Tafel:

Noch etwas Tütensuppe gefällig? Tischdekoration In der Weinbildungsanstalt.

Noch etwas Tütensuppe gefällig? Tischdekoration In der Weinbildungsanstalt.

Ein Schnitz Grapefruit, ein paar Blätter Basilikum, etwas Currypulver: Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als sei die Gastgeberin von uns überfallen worden und dadurch gezwungen gewesen, sämtliche Reste zu kredenzen, die ihre Küche noch hergab: so verhielt es sich ganz und gar nicht. Vielmehr handelte es sich bei den vielen merkwürdig gefüllten Gläsern um eine Tischdekoration mit pädagogischem Nutzen. Drei Stunden lang drückte ich nämlich die Schulbank in der Dresdner Weinbildungsanstalt [PDF]. Das Sensorik-Seminar mit unserer „Lehrerin“ Roswitha Nitzsche war so unterhaltsam, informativ und überraschend, dass ich mir jetzt nicht nur einbilde, einen Cabernet Sauvignon aus dem Loire-Tal von einem aus Neuseeland unterscheiden zu können, sondern auch für den nächsten Besuch in der Parfümerie ein paar Tricks und Kniffe parat habe, um kühlen Kopf und eine freie Nase zu bewahren (kleiner Tipp: Kaffeepulver bringt gar nichts).*

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Danach lud ich mich bei einer Freundin zum Kaffee ein, die vor ein paar Monaten entbunden hatte. Wir plauderten, während ihr kleines Wonnewürmchen auf meinem Schoß munter in die Welt guckte. Das war schön.

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Abends kam Miss Mao vorbei. Wir kochten Pasta mit Melonensauce, was eigentlich ein Lieblingsrezept von mir ist, aber im Winter einfach nicht den rechten Charme entfalten wollte. Noch ein Grund mehr, auf Zutaten der Saison zu achten.

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Wir zwei Frauen machten es uns vor dem Fernseher bequem und sahen uns An Education an, den ich eigentlich gleich nach seinem Erscheinen hatte sehen wollen. Inzwischen wurde die damals noch quasi unbekannte Hauptdarstellerin Carey Mulligan in so vielen Modeblogs und Talkshow-Clips [via Suzan] begegnet, dass ich vielleicht nicht mehr ganz so überrascht war, wie beeindruckend sie ihre Rolle als naive 16-Jährige an der Schwelle zum Erwachsensein spielt.

Filmplakat zu An Education

Filmplakat zu An Education

Der Film gefiel mir im großen und ganzen sehr gut, auch wenn ich nicht alles stimmig fand. Alfred Molina in der Rolle des autoritären, dann aber doch wieder leicht zu beeindruckenden Patriarchen blieb mir fremd; Peter Sarsgaard als weltgewandter und doch kindlicher Mann gefiel mir gut. Ebenso, in den Nebenrollen, Emma Thompson als heuchlerische Schuldirektorin und Olivia Williams als Pädagogin mit Herz. Eine Wiederentdeckung: Rosamund Pikes als blondes Dummchen mit zugegebenermaßen unbestechlich gutem Geschmack. (Ich will so eine Kette, und so eine auch!)

Schön durchdacht: die Charakterisierung der Situation anhand der Kostüme. Es gab da eine Szene, als sich Jenny für ihre erste Liebesnacht von einer Bekannten ein Negligé borgt, ein Nichts aus schwarzem Chiffon, in dem sie unendlich verloren wirkt … Ich war fast erleichtert, dass auch die Regie diese Unschuld respektierte, indem Jennys Entjungferung ausgeklammert wird. Das Grübchengesicht Carey Mulligans lädt so sehr zum Verweilen ein, dass die Versuchung sicher nahe lag, hier weiter zu gehen, mehr zu zeigen. Doch der Film ist nicht auf billige Effekte aus, sondern konzentriert sich auf Jennys Geschichte, für die es eben auch entscheidend ist, dass die Erde bei ihrem „ersten Mal“ nicht gerade bebte.

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Vor dem Einschlafen las ich André Kramers brillantes Editorial der aktuellen c’t, das all meine Wut, meine Frustration und auch meine Notbehelfe angesichts der deutschen Fernsehlandschaft auf den Punkt bringt. Unbedingt lesen!

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Heute früh schlief ich endlich einmal aus, danach genoß ich die Sonne im Erker sitzend und Chrismon sowie ZEIT-Magazin lesend, während Johannes den Gottesdienst in der Frauenkirche lobpreisend unterstützte. Am frühen Nachmittag holte er mich ab; in der Reihe Geistliche Sonntagsmusik wirkte er im Kammerchor der Frauenkirche mit, der Frank Martins „Messe für zwei vierstimmige Chöre“ (1922) und „Agnus Dei“ (1926) aufführte. So gerne ich Chorgesang lausche, richtig berühren konnte das Werk mich nicht. Vielleicht, wenn ich es öfter hören würde …

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Bei der Predigt zwischendurch drifteten meine Gedanken ab; doch beim Schlussgebet, als die Rede auf Japan, Libyen, und Gott-weiß-welche Krisenherde kam, die wir in unsere Gebete miteinschließen sollten, war ich einfach nur froh, einen friedlichen Sonntag irgendwo in Deutschland erleben zu können.

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Als wir hinaustraten auf den in der Nachmittagssonne daliegenden Neumarkt, hatten wir beide Hunger. Emil Reimann sieht aus wie neuerdings alle Bäckerei-Ketten mit Corporate Design: dunkelbraun und rot. Dieser Fake-Moderne zogen wir die Faux Nostalgie des Augustiners vor, dessen dunkel getäfelten Nischen einladend wirkten. Angesichts der deftigen Speisekarte wurde aus meinem Kuchenappetit handfester Hunger, und so gab es Weißwürste und Obatzta. Lecker.

Weißwürste und Obatzta im Dresdner Augustiner.

Weißwürste und Obatzta im Dresdner Augustiner.

Abends musste Johannes schon wieder zu einer Orchesterprobe: Ich nutze das Alleinsein zum Bloggen …

*Mein Porträt der Weinbildungsanstalt wird im Augusto-Magazin 2011 erscheinen.
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3 Kommentare zu Wochenendliches Wohlbefinden bei Weißweinen und Weißwurst

  1. uzayda sagt:

    Wow, schon wieder mein Name… ich gelange hier ja noch zu einer gewissen Berühmtheit. Danke schön und gern geschehen… Und danke auch für die Anregungen und die Inspiration, die Du so verbreitest.

  2. Pingback: Schwanger statt schicker: Recherche mit Einschränkungen | Journal ohne Ismus

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