Ubi bene

Brückenkopf in Dietingen, einer kleinen Gemeinde bei Rottweil.
Brückenkopf in Dietingen, einer kleinen Gemeinde bei Rottweil.

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Auf Besuch bei meinen Eltern.

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Die Mitfahrgelegenheit von Dresden nach Stuttgart erweist sich als eine der angenehmsten Fahrten, seit ich vor vielen Jahren diese Art zu reisen zu nutzen begann. Wir sind nur zu zweit, mein Fahrer ein Individualist: Boofer, Fechter, Fassadenkletterer. Letztens hat er der Spitze des Dresdner Fernsehturms einen neuen Anstrich verpasst. Er erzählt mir vom Climben in Skandinavien, von den Nächten unter freiem Himmel. Ich schwärme ihm von den geheimen Tälern in den lessinischen Bergen vor, die ich als Kind immer als verzauberte Welt empfand – das Tal der Sphingen, der “Eingang zur Unterwelt” beim Covolo di Camposilvano …

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In Stuttgart überall Wahlplakate. Mappus hat Augen, deren Ausdruck mir auf Anhieb unsympathisch ist. Auf diese Wahl bin ich gespannt, aber mein Vater meint, in Baden-Württemberg finden keine Revolutionen statt.

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Wie immer, solange ich denken kann, findet das letzte Stück der Reise in der Dunkelheit statt. Der Regionalexpress rattert durch die Nacht, schlängelt sich durch das sich verjüngende Neckartal, das ich bald nur noch als vereinzelte Lichter wahrnehme. Dieses sich-vorwärts-Bewegen durchs Dunkel, durch die gefühlte Enge der Landschaft, an deren Ende das wieder-vereint-Sein mit den Eltern steht, kommt mir auf einmal vor wie ein neuerlicher Geburtsvorgang. Die nächsten Tage werde ich Kind sein, behütet, umsorgt.

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Der Geburtstag. Eine Überraschung glückt mit kleinen Pannen. Wir sind beisammen und lassen es uns gut gehen. Abends ein Familienporträt mit Selbstauslöser, nur wir vier: ich, mein Bruder, die Eltern. Ich hatte mich schon des feinen Aufzugs entledigt, trage eine lachsfarbenen Bademantel, an dessen Revers ein Zettel geheftet war: “Frisch gewaschen! :)” – Hotel Papa.

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Der Tag danach, ein wenig kümmere ich mich um mitgebrachte Arbeit. Nachmittags treffe ich eine Schulkameradin, die bis zu ihrem Wegzug (vielleicht in der 7. Klasse) meine beste Freundin war. Wir kamen aus total unterschiedlichen Elternhäusern und fanden es beieinander immer lustig. Seither haben wir uns wohl 20 Jahre nicht gesehen, schätze ich.
Wir haben uns verändert und sind uns doch gleich wieder vertraut.

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Fernsehen, meine Eltern haben – Westempfang, nein, aber öffentliches und privates und digitales Fernsehen. Binnen kurzem bin ich von den Werbeunterbrechungen, den debilen Quizshows, den deutschen Synchronisationen genervt.

Aber auf ZDFneo komme ich in den Genuss des ersten Teils von Stieg Larssons Millenium-trilogie, kein Wunder, wird der Stoff so hochgelobt. Homo homini lupus est. Judenhass, Frauenhass, sexuelle Gewalt. Salander eine Figur mit Brüchen, ein Opfer, das sich wehrt. Die Tätowierung auf ihrem Rücken bewegt sich beim Geschlechtsakt, meine Assoziation sind die Szenen, die ich von Black Swan bereits gesehen habe.

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Morgen noch ein Tag hier. Und dann noch einer. Und dann Stuttgart, das Konzert mit Johannes. Und dann die Heimreise. Ich sage „heim“. Hier fühle ich mich geborgen, dort fühle ich mich zuhause.

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6 Antworten auf Ubi bene

  1. Carola sagt:

    Die alte Schulkameradin hat den Nachmittag total genossen. Und freut sich auf ein Wiedersehen in Dresden in nicht allzu weiter Zukunft. Die Vertrautheit mit Dir war sofort wieder da. Trotz aller Veränderungen…manche Dinge bleiben beständig..und das ist auch gut so. Also 20 Jahre lassen wir das nicht mehr anstehen!

  2. uzayda sagt:

    Wir sollten mal gemeinsam deine Tante besuchen… Ich hab erst sowas gelesen wie: “Wir sind beisammen und lassen uns gehen.”… Hätte ich auch nicht schlecht gefunden… (Da wo man zuhause ist oder sich geborgen fühlt, ist der Bademantel immer appropriate.)

  3. uzayda sagt:

    Das klingt ja geradezu gefährlich… steht am Ende dann alles in Schutt und Asche?

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