Die Biberacher Fastenbrezel

Vor ein paar Tagen ergab es sich, dass ich über eine Ausstellung in Dresden berichten sollte, die das Werk einer Biberacher Künstlerin vorstellt.* Ein guter Grund, um mal wieder zum Telefon zu greifen und mit meiner Oma zu plaudern, einer alteingesessenen Biberacherin. Als Kind war ich oft bei ihr und meinem Großvater (der inzwischen verstorben ist) zu Besuch; sie hatte die seltene Gabe, zugleich streng und doch sehr fürsorglich zu sein.

Meine Oma ist nun 96 Jahre alt. Ehe wir uns am Telefon verabschieden, fragt sie immer: „Wia hoißt jetzt Dain Fraind?“, das kann sie sich nicht mehr merken, obwohl sie Johannes kennt und mag. Aber als ich ihr von meinem Artikel über die Künstlerin Romane Holderried Kaesdorf erzählte, schienen die Jahre von ihr abzufallen: „Jo, die kenn i, die lauft immr ibr d’ Markt, mir hand uns immer griaßt!“ Ich erwähne, dass Frau Holderried Kaesdorf 2007 verstorben ist. „So!“, kommt es langgezogen vom anderen Ende der Leitung. Ich vermute, es ist nicht leicht, wenn man allmählich mehr Tote als Lebende kennt … aber sie freut sich doch, als habe durch meine bloße Erwähnung noch einmal eine Begegenung mit der Frau stattgefunden, deren Bild ihr lebendig vor Augen stehen muss.

Wir plaudern noch ein wenig; ich erzähle meiner Oma von meinem Fastenvorhaben. Und plötzlich erinnere ich mich an die köstlichen Fastenbrezeln meiner Kindheit, Faschdabrezga, die es nur bei der Oma, nur in Biberach gab. Die vom Bäcker geholt und dann im Kachelofen nochmal aufgewärmt wurden, um dann mit nichts als einem Stück Butter verzehrt zu werden.

Fastenbrezeln haben mit einer Laugenbrezel nur die Form gemeinsam. Doch sie werden nicht in Lauge getunkt, sind blassgelb, das Kaugefühl ist irgendwie „gnietschig“, fast Bagel-artig: kein Wunder, auch die Fastenbrezeln werden erst in Wasser gekocht. Statt der groben Salzkörner wie auf den Laugenbrezeln werden die noch feuchten Brezeln in feinerem Salz gewendet, was sie zu einem sehr salzigen Genuß macht.

Jetzt habe ich Gelüste: nach einer frischen, warmen Fastenbrezel, deren Geschmack ich auch nach Jahrzehnten fern der Heimat nicht vergessen habe. Und ein bißchen Sehnsucht nach der Oma und dem Behütetsein der Kindheit.

[Mein Artikel über Romane Holderried Kaesdorf steht am Donnerstag im PLuSZ-Magazin der Sächsischen Zeitung.]
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4 Antworten auf Die Biberacher Fastenbrezel

  1. uzayda sagt:

    Jaaaaaaa, Brezeln sind echt was Feines. Erst recht mit Butter. Die besten hab ich in meiner Kindheit in Stuttgart gegessen. Einmalig. :)

  2. Annalena sagt:

    Es gibt nichts besseres als frische Brezeln mit Butter.

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