Manga und Morpheus

Meine Eindrücke aus Brüssel kann ich nicht abschließen, ohne von einem jener Zufälle zu erzählen, die das Leben so herrlich machen.

An einem der ersten Tage führte uns ein Spaziergang zur Maison Autrique. Das Haus war der erste Auftrag des damals noch jungen Architekten Victor Horta, der später mit seinen Gebäuden in Belgien und dem Ausland als der Jugendstilarchitekt schlechthin Ruhm und Ehre erlangen sollte.

Maison Autrique, Brüssel.

Maison Autrique, Brüssel.

Auftraggeber Autrique wünschte sich ein repräsentatives, aber keineswegs protziges Stadthaus, bei dem der Komfort an oberster Stelle stehen sollte. Horta nutzte den Auftrag, um erste Schritte in Richtung Jugendstil zu gehen.

Den beiden Comiczeichnern François Schuiten und Benoît Peeters ist es zu verdanken, dass das Haus vorbildlich restauriert wurde und nun vom Keller bis zum Dachgeschoss mit allen Wirtschafts- und Wohnräumen begehbar ist. Das allein ist schon einen Besuch wert.

Die Küche unterhalb des Straßenniveaus.

Die Küche unterhalb des Straßenniveaus.

Momentan findet dort auch eine Sonderausstellung des Künstlers Yoshitaka Amano statt. Mit dem Namen konnte ich zunächst nichts anfangen. Doch als ich seine mit nervösem Strich gezeichneten, opulenten Grafiken betrachtete, durchfuhr mich die Erinnerung an atemberaubende Illustrationen, die mich vor vielleicht einem Jahr auf die Spur des japanischen Nationalepos Genji Monogatari (dt. Die Geschichte vom Prinzen Genji) gebracht hatten. Sollte es sich tatsächlich um denselben Künstler handeln? Ein paar Räume später hatte ich Gewissheit.

Genji Monogatari mit Illustrationen von Yoshitaka Amano.

Genji Monogatari mit Illustrationen von Yoshitaka Amano.

Dann aber geschah das wirklich Unfassbare: denn dann sah ich mich plötzlich Morpheus gegenüber. Morpheus, dem Helden der hoch ambitionierten Comicserie The Sandman, einer Lieblingslektüre von mir.

Yoshitaka Amano, Bucheinband zum Sandman.

Yoshitaka Amano, Bucheinband zum Sandman.

Ihren Autor Neil Gaiman hatte ich 1997 in einer Lesung in Dublin erleben dürfen. Und nun hingen die Original-Illustrationen dieses Zyklus vor meinen Augen. Ich bekunde, mich überfielen Schauer der Ehrfurcht!

Yoshitaka Amano, »Morpheus«.

Yoshitaka Amano, »Morpheus«.

Und all das war völlig ungeplant geschehen. Manchmal glaube ich wirklich, das Leben ist ein Puzzlespiel, eine Schnitzeljagd.

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2 Kommentare zu Manga und Morpheus

  1. Lydia sagt:

    Das Leben als Schnitzeljagd – ein schöner Gedanke. Und er stimmt auch nach meinem Empfinden. Gerade mit diesem Beitrag hast Du mir wieder so einen Schnitz hingeschmissen …

    Japan und seine Kultur ist ja sowas von überhaupt nicht auf meinem Radar, aber erst kürzlich hat eine Freundin mir zwei Stunden lang von dem Genji-Roman vorgeschwärmt. Sie hat vor vielen Jahren Japanisch gelernt, und um jetzt wieder reinzukommen, übersetzt sie eine moderne Fassung davon. Und paar Tage später schickt mir Mark seine neueste Serie mit japanisch angehauchten Liebesszenen, inspiriert von Kitagawa Utamaros Kopfkissenbuch.

    Was will mir all das sagen? Soll ich jetzt Shamisen spielen lernen???

    • Muyserin sagt:

      Eine Freundin hat Dir vom Genji Monogatari vorgeschwärmt? Schon wieder so ein Zufall … Setze sie doch mal in Kontakt zu mir, mich würde das auch interessieren, was sie zu berichten weiß. Und wird ihre Fassung auch erscheinen, oder ist das ihr Privatvergnügen?

      Grüße an Mark: ich hoffe, ich bekomme die Werke im Frühling auch zu Gesicht!

      Statt Shamisen würde ich ja eher gerne japanisch kochen lernen. Oder wie man einen Kimono trägt. Oder sich so abgefahren wie im Kabuki-Theater schminkt.

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