Der ziviliserte Affe aus Schaerbeek

Mein schönstes Souvenir aus Brüssel ist eine Melodie.

Natürlich hatte ich schon einmal von Jacques Brel gehört. Aber jenseits des Begriffs „Chansonnier” verband ich mit dem Namen keine Vorstellung seiner Lieder, seiner Art zu singen.

Als ich las, dass er in Schaerbeek aufgewachsen war, begann ich mir auf einigen Video-Portalen seine Auftritte anzusehen – und war hingerissen.

Im Casting-Zeitalter hätte es dieser schweißtriefende, „zivilisierte Affe“ (so der deutsche Titel einer Biographie) nicht einmal eine Chance auf einen Recall gehabt.

Mir aber geht das mitten ins Herz.

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11 Antworten auf Der ziviliserte Affe aus Schaerbeek

  1. MichaWien sagt:

    …jaja, der Mann singt und klingt fantastisch! Da kommen Kindheitserinnerungen aus den Siebzigern mit dem Film “Mon oncle Benjamin” hervor – zumindest damals habe ich ihn mehrfach gesehen. Eine Empfehlung!
    Belle journal Bruxellois!

    • Muyserin sagt:

      Auf Deutsch heißt der Film „Der Mann im roten Rock“, und auf den Videoportalen schwirren einige lustige Ausschnitte daraus herum, so z. B. dieser Trailer.
      Wie es aussieht, konnte Brel gar nicht mal so schlecht schauspielern; er besaß das für das lustige Fach nötige Timing. Aber manche Schnitte sind aus heutiger Sicht einfach nur sexistisch: da wird schon mal auf üppig hochgeschnürte Dekolletés gezoomt …

  2. Lydia sagt:

    Ja, mitten ins Herz … Ich kannte das Lied nur in einer Version von Nina Simone, auch da hat es mich berührt, trotz des amerikanischen Akzents. Aber das hier – absolut unvergleichlich.

    Leider konnte ich auf Youtube “La mort” nicht finden, bin aber auf das hier gestoßen: http://www.youtube.com/watch?v=o9nnGoLPlag – ein Zyniker, aber er gibt alles!

    “La mort” habe ich vor vielen Jahren entdeckt, als ich das legendäre Bowie-Konzert in Hammersmith Odeon vom Juli 73 zum ersten Mal im Kino sah. Legendär, weil er an dem Abend Ziggy Stardurst den Garaus machte, indem er – zum Entsetzen seiner Fans und zur Überraschung seiner Band – verkündete: “… this is the last show that we’ll ever do – bye bye, we love you” und darauf als letzte Zugabe “Rock ‘n’ Roll Suicide” spielte. Dramaturgisch vorbereitet hatte er seinen Coup mit diesem Jacques-Brel-Cover: http://www.youtube.com/watch?v=rIzE3j84kKU

    • Muyserin sagt:

      Die Simone-Versionen hatte ich bei meinen Recherchen auch entdeckt und angehört, aber obwohl ich sie verehre und diverse CDs von ihr besitze, ließ mich das, was ich sah und hörte, kalt. Merkwürdig.

      Sag mal, gibt Brel nicht einfach den Zyniker, weil es zu diesem Lied passt (englische Übersetzung)? Oder findest Du wirklich, dass er einer war? Den Eindruck macht er mir nämlich gar nicht. Toller Chanson, Danke für den Hinweis!

      Dass Bowie seinen Abschied mit einer Brel-Hommage einleitet, finde ich genial. Ich kenne mich in seiner Karriere nicht so gut aus, dass mir das Konzert ein Begriff wäre. Irgendwie kriege ich das nicht mit, wenn solche Filme im Kino laufen. Dafür braucht es wohl Freunde, die einen mitschleppen. :)

  3. Lydia sagt:

    Bei Youtube hatte ich mir auch eine Simone-Version angesehen und war total enttäuscht. Jetzt wollte ich mir meine CD-Version noch mal anhören, aber die CD ist kaputt – eine Kopie, die ich vor über zehn Jahren mal geschenkt kriegte :-(

    Ich bin davon ausgegangen, dass der Text von ihm ist (hab das allerdings nicht überprüft), und der hat ja schon was Zynisches. Oder wie man’s nimmt. Natürlich kann man das Lyrische Ich auch als einzig Geradlinigen in einer Gesellschaft von Heuchlern sehen. Vielleicht tue ich mir schwer damit, wenn jemand nur das Allerschlimmste von seinen Mitmenschen zu erwarten scheint.

    In jungen Jahren hab ich David heiß und innig geliebt. Deshalb hab ich damals auch alles, was ich über ihn in die Finger kriegen konnte, gesammelt und besagten Konzert-Film, der 1973 gedreht, aber erst Anfang der 80er in die Kinos kam, bestimmt zehnmal angeschaut. Jetzt hab ich ihn auf DVD und seither erst einmal gesehen. Der Youtube-Ausschnitt hat mir richtig Lust gemacht …

    Mich würde interessieren, wie der Refrain im Original lautet. Bei “angel or devil – I don’t care” muss ich immer an Baudelaires “Hymne à la beauté” denken:
    De Satan ou de Dieu, qu’importe? Ange ou Sirène,
    Qu’importe, si tu rends, – fée aux yeux de velours,
    Rhythme, parfum, lueur, ô mon unique reine! –
    L’univers moins hideux et les instants moins lourds?

    • Muyserin sagt:

      Wie heißt denn Deine Simone-CD?

      Ja, der Text ist zynisch, aber es ist auch so, wie du es interpretierst.

      Um Bowie zu lieben, war ich zu jung. Ich fiel dann so kernigen, proto-metrosexuellen Typen wie Boy George und Limahl von Kajagoogoo anheim. Und der guten, alten Koksnase Paul Young. (Mannomann, 80er, Ihr habt mir ein total brauchbares Männerbild vermittelt!)

      Der Refrain im Original? Der steht doch unter dem Youtube-Video. Oder was meintest Du?

      Die Baudelaire-Zeilen sind einfach toll. Danke dafür.

      • Lydia sagt:

        Die CD heißt “Ne me quitte pas”, zumindest hab ich’s so aufgeschrieben, wurde wohl live aufgenommen und der Titelsong ist gleich der erste.

        Den Text im Original von La Mort bzw. My Death auf französisch hab ich nicht gefunden – Du?

        Diese ganze 80er-Jahre-Musik ist irgendwie spurlos an mir vorbeigegangen. Ich hab damals eher versucht, noch das eine oder andere aus den 70ern nachzuholen, für die ich ein bisschen zu jung war, um sie noch richtig mitzukriegen. Selbst Bowie – so toll ich ihn fand und finde – seine komplette Produktion aus den 80ern ist das Schwächste, was er zustande gebracht hat.

        Apropos Koksnase: http://www.youtube.com/watch?v=85qQFp9fPsE. Was ich selbst erst eben beim nochmaligen Schauen erfuhr: Der Künstler, der das Cover der Diamond-Dogs-LP entworfen hat, war Guy Peellaert – aus Brüssel. Wenn sich hier kein Kreis schließt …

        • Muyserin sagt:

          Lydia, klicke mal unter dem Brel-Youtube-Video dort, wo erikflynner steht, auf den Doppelpfeil, dann klappt das Dropdown-Menü auf und der franz. Text erscheint.

          Das Bowie/Cavett-Interview ist glorious, flamboyant, bonkers. Mann, war der Junge „erkältet“.

          • Lydia sagt:

            “Bonkers” – Du hast ja einen beneidenswerten Wortschatz. So was muss ich erst mal nachschlagen ;-)

            Den Text von Tango funèbre hatte ich gesehen. Aber gesucht hatte ich eigentlich ja den von La Mort, von dem ich im Original gar keine Youtube-Aufzeichnung finden konnte – nur eben die englische Version von Bowie. Das Internet ist ein Labyrinth …

          • Muyserin sagt:

            In Irland, wo ich ein Jahr gelebt habe, ist das Wort ziemlich verbreitet.

            Ich stand auf dem Schlauch und setzte „Tango Funèbre“ mit „La Mort“ (Text hier) gleich. Sind ja auch verwandte Themen.

  4. Lydia sagt:

    Wunderbar – vielen Dank! Auf französisch erinnert mich der Text noch viel stärker an Baudelaires Gedicht. Auf den ersten Blick mögen sich die Texte durch ihren Gegenstand stark unterscheiden: Schönheit versus Tod. Zugleich prägt beide eine starke Ambivalenz. Sowohl Schönheit als auch Tod wird auf eine Weise gezeichnet, die in starkem Kontrast zu den Konzepten christlicher Ethik steht. Hier noch mal das Gedicht von Baudelaire komplett: http://fleursdumal.org/poem/202

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