Das Haus am Square Armand Steurs

Der Square Armand Steurs ist ein kleiner Park, eine grüne Oase inmitten eines dicht bebauten Viertels. Ringsum stehen Häuser, nur das Gebäude an seiner Stirnseite ist so hoch, dass es seine Umgebung überragt.

Das Haus am Square Armand Steurs.

Das Haus am Square Armand Steurs.

Hier habe ich beinahe eine Woche gewohnt: tagsüber in einer geräumigen Altbauwohnung mit Stuckdecken, Parkettboden und verwinkelten Einbauschränken. Nachts zog ich mich in die Chambre de Bonne zurück, eines der Zimmer im Dachgeschoss, in dem ehemals ein Dienstmädchen oder andere Bedienstete wohnten. Ein solcher Raum steht allen Mietparteien im Haus zur Verfügung; doch außer meinen Freunden ist bisher niemand auf die Idee gekommen, ihn statt als Rumpelkammer als Gästezimmer zu nutzen.

Die Fensterläden der darunterliegenden Wohnung sind dauerhaft geschlossen; wahrscheinlich ist sie unbewohnt. In der Kammer war es sehr kalt und sehr still.

„The world is like a grand staircase, some are going up and some are going down.“ ~Samuel Johnson

„The world is like a grand staircase, some are going up and some are going down.“ ~Samuel Johnson

In der ersten Nacht konnte ich bis in die Morgenstunden kein Auge zu tun. Seit dem Moment, da ich in den altmodischen Aufzug, Baujahr 1935, gestiegen war, das Gitter mit der nötigen Verve und metallischem Rattern zugeworfen und die Fahrt in den sechsten Stock angetreten hatte, musste ich an die Frauen denken, die diesen Weg jeden Morgen nach unten genommen hatten, vielleicht, um Feuer zu machen, ihrer Herrschaft das Frühstück zu servieren und eine Menge anderer Tätigkeiten zu verrichten, die ich mir nicht einmal vorstellen kann, weil unsere heutige Zeit Haushaltsgeräte kennt und Tiefkühlkost. Und nach getaner Arbeit waren sie jeden Abend wieder nach oben gefahren. Das war der Radius ihrer Welt.

Der Aufzug maß einen halben Quadratmeter und ruckelte verdächtig.

Der Aufzug maß einen halben Quadratmeter und ruckelte verdächtig.

Der Blick aus den beiden Dachfenstern ermöglichte ihnen einen Blick über die sich ausbreitende, im Rhythmus der Industrialisierung wachsende Umgebung; von dort mochten sie sich fühlen, als läge ihnen die Stadt zu Füßen.

Aber wie war das morgens, wenn sie hinab fuhren in die Welt, die man gerne als Belle Époque, als goldene Zwanziger oder les Années folles umschreibt und dabei leicht vergisst, dass es nicht für alle so schön, so lichtumglänzt und so ausgelassen zuging?

Das Licht im Aufzug wirkte immer gleich, egal, ob es Tag oder Nacht war.

Das Licht im Aufzug wirkte immer gleich, egal, ob es Tag oder Nacht war.

Noch nie zuvor, glaube ich, habe ich das so deutlich zu spüren gemeint: das alles, was sich im Lauf der letzten hundert Jahre an Leben, an Träumen, an Seufzern und so weiter in diesen vier Wänden abgespielt haben mochte, nachts wieder aus ihnen heraus und in meine Gedanken und Fantasien hinein sickerte. Es ging nicht abzustellen. Ich fand keinen Schlaf.

Lampe im Aufzug.

Lampe im Aufzug.

Dieser Beitrag wurde unter Andernorts abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Kommentare zu Das Haus am Square Armand Steurs

  1. Carola sagt:

    Hallo Kathrin,

    sehr interessant was Du alles für Eindrücke sammelst. Ich kann es morgens kaum erwarten bis ein neuer Artikel online geht. Danke dafür!
    Ich kenne die Art der Aufzüge auch. War ja als Kind des öfteren in Brüssel und in dem Haus von André gab´s genau so einen Aufzug.

    Bis demnächst und bis zum nächsten Artikel…
    Liebe Grüße
    Carola

    • Muyserin sagt:

      Liebe Carola,

      vielen Dank für Deine Ermunterung. Ich hatte keine Ahnung, dass Du als Kind öfter in Brüssel warst. Ich kann mich an Freunde Deiner Mutter erinnern, die immer sehr scharfe Erdnussbutter mitbrachten, hatte es mit ihnen zu tun? :)

      Herzliche Grüße
      Kathrin.

      • Carola sagt:

        Hallo Kathrin,

        genau mit denen hat das zu tun. Von Brüssel aus gingen immer die Transporte in den Kongo…jaaaa die Erdnussbutter…hatte ich total vergessen…die war lecker…ach ja das waren noch Zeiten…

        Wie gesagt..bin gespannt auf Deinen nächsten Beitrag.
        Liebe Grüße
        Carola

        • Muyserin sagt:

          Du hast mich immer gewarnt vor der Erdnussbutter – sie sei zu scharf – nur Deine Schwester würde es überleben, sie zu essen! ;)

          Besteht der Kontakt in den Kongo noch?

  2. Lydia sagt:

    Upstairs – downstairs ;-)

    Was sich in diesen Etagen damals zugetragen haben mag? Mich erinnert das an etwas, was meine Großmutter mir über ihre Mutter erzählt hat. Es war ein paar Jahrzehnte früher als die von Dir geschilderte Zeit, um 1880 rum, da fing meine Urgroßmutter ihre Ausbildung als Köchin in Straßburg an. Die Zimmermädchen, die im selben Haushalt arbeiteten, mussten morgens als allererstes die Nachttöpfe ihrer Herrschaften aus den Nachttischen nehmen und durchs ganze Haus nach draußen tragen, um den Inhalt zu entsorgen, worauf ihnen oft derart speiübel war, dass sie beim anschließenden Frühstück keinen Bissen hinunterbrachten. Meine Urgroßmutter entwickelte gegen diese Praxis einen solchen Abscheu, dass sie, als sie sehr viel später heiratete – mit 38 einen 24-jährigen Mann -, zwar zwei Schränke für ihr Schlafzimmer in Auftrag gab, eine Kommode und einen Waschtisch, aber keine Nachttische. Der pot de chambre war ohnehin tabu.

    • Muyserin sagt:

      Upstairs, Downstairs (das deutschen Fernsehzuschauern als Das Haus am Eaton Place bekannt sein dürfte) stand mir natürlich bei meinen Phantastereien deutlich vor Augen. Gute Nachrichten: Ende 2010 wurde eine von der BBC aufwändig produzierte sechste Staffel ausgestrahlt. Ich freue mich schon darauf!

      Danke für die Preisgabe eines Stückchens Familiengeschichte.

Kommentare sind geschlossen.