Von frommen und weniger frommen Plätzchen

Plätzchenbrevier.

Plätzchenbrevier.

Meine erzgebirgische Freundin warf nur einen abschätzigen Blick auf den Stoffeinband des Büchleins und meinte dann mit einem spöttischen Lächeln: „Sowas gab’s bei uns in der DDR nicht.“

Wir waren zusammengekommen, um Plätzchen zu backen. Nicht wie sonst, mit vielen Menschen in einer viel zu kleinen Küche, sondern nur zu zweit, um ganz ohne Stress Zeit miteinander zu verbringen (was man auch als Umschreibung für „Glühwein süffeln“ verstehen darf).

Sie hatte eine jener typischen Plätzchen-Broschüren dabei, angesichts derer BRIGITTE-Leserinnen Jahr für Jahr auf ihren Koch-Blogs kollektiv ausflippen. Und ich dieses Büchlein, das 1980 an der Grund- und Hauptschule Pliezhausen als Projekt des „Erweiterten Bildungsangebotes“ erprobt, gesetzt, gedruckt und gebunden worden war.

Meine Mutter hatte es mir vor vielen Jahren geschenkt. Da sie aber jedes Jahr spätestens mit dem Ende der Sommerferien Wochenende für Wochenende mit ihren besten Freundinnen Weihnachtsplätzchen bäckt, war ich noch nie in der Verlegenheit, selbst welche backen zu müssen. Aber schließlich einmal wird auch das faulste Kind flügge, und die eigenen Plätzchen, so steht es, glaube ich, bei Freud, sind ein wichtiger Schritt im Abnabelungsprozess.

Dreierlei Sorten sollten es werden; einzige Bedingung: es durfte kein Teig dabei sein, der erst zwei Stunden im Kühlschrank ruhen musste.

Wir entschieden uns für Bethmännchen, Safran-S und Hägenmakronen. Ich werde hier keine Plätzchenrezepte feilbieten; aber von der bemerkenswerten Rosenwasser-Glasur, mit der die Bethmännchen nach dem Backen bestrichen wurden, muss ich schon schwärmen, vor allem, weil der Rest im Glühwein landete und ihn im Handumdrehen von einem skandinavischen Gesöff in einen orientalischen Zaubertrunk verwandelte. Was waren wir bezaubert!

Betmännchen.

Betmännchen.

In den Hägenmakronen landete feinstes, im Sommer aus Eckwälden mitgebrachtes Bio-Hägenmark. Der Teig bestand aus einer beeindruckenden Masse Baiser, die sich leider überhaupt nicht rezeptkonform verarbeiten ließen. Statt mundgerechter, kleiner Häufchen machte sich auf dem Backblech eine Hommage an Russ Meyer breit:

Russ-Meyer-Gedächtnisplakette.

Russ-Meyer-Gedächtnisplakette.

Für die Safran-S fehlte uns dann schlichtweg die Feinmotorik; stattdessen experimentierten wir mit der Unerschrockenheit eines Ferran Adrià und platzierten den Teig anstelle der Spritztüte einfach mit Teelöffeln auf Oblaten, die nach einem geschätzten Jahrzehnt in meiner Speisekammer ja auch mal weg mussten.

Warum Safran so teuer ist, wissen wir seither auch: die Firma Ostmann verkauft ihn gemahlen in fingernagelgroßen Döschen, die sich partout nicht öffnen lassen und einem schließlich aus der Hand flutschen, um dann in den Ritzen des Parketts zu verschwinden. So was passiert mir sonst eigentlich nur mit Koks.

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15 Kommentare zu Von frommen und weniger frommen Plätzchen

  1. Miss Mao sagt:

    Ach ja, was es doch so alles nicht gab in der DDR …, z. B. Safran in Döschen. Aber Plätzchen haben wir damals auch gebacken. Mit meiner Oma und einer Keksmaschine aus der Tschechoslowakischen Republik war es immer ein großer Spaß – genau so wie neulich mit der Muyserin.
    P.S. Du hast die verschärfte Variante der Russ-Meyer-Gedächtnisplätzchen vergessen …
    Foto gefällig?
    Und wer zum Kekse backen mechanische Unterstützung braucht – hier die ultimative Plätzchenmaschine.

    • Muyserin sagt:

      Bietest Du schon? ;)

      Die verschärfte Variante? Davon hab‘ ich leider keine Fotos gemacht. Das ist auch besser so, denn falls der JMStV kommt, stehen solche Beiträge automatisch auf dem Index und ich mit einem Bein im Gefängnis.

      • Miss Mao sagt:

        Na, wenn wir nochmal so einen entspannten Back-Abend verbringen wollen, wäre diese – wie ich gelesen habe – von Robotron gefertigte Maschine gar nicht so übel …
        Und die scharfen Plätzchen bleiben in der Dose – versprochen!

  2. Wieden sagt:

    Wann und wo bekommt man nun die Safran-S zu sehen?? Oder habt Ihr das GESAMTE Safran in die Ritzen gestreut? Oder schämt Ihr Euch für noch „Russ-Meyer’sche“ Safran-S’e?

    • Muyserin sagt:

      Da die Safran-S keine S geworden sind, bekommt man sie auch nicht zu sehen. Keine Sorge, zwei ganze Döschen Safran haben es in den Teig geschafft und einen nachhaltig wunderbaren Duft in der Küche verbreitet.

      Warum ich mich für Russ-Meyer-Plätzchen schämen sollte, wo sich nicht einmal Russ Meyer für Russ Meyer geschämt zu haben scheint, verstehe ich nicht. Immerhin sind seine Filme im MoMa zu sehen.

      If you suck on a tit, the movie gets an R rating. If you hack the tit off with an axe it will be PG.

      ~Jack Nicholson

  3. Der nüchterne Lektor sagt:

    Der Link bei Eckwälden sollte bestimmt nach http://de.wikipedia.org/wiki/Eckw%C3%A4lden zeigen. In Anbetracht der Russ-Meyer-Gedächtnisplätzchen und tschechischer Plätzchenspritzmaschinen allerdings nur ein winziges Detail.

  4. Lydia sagt:

    Weshalb flippen denn die Brigitte-Leserinnen aus? Vor Freude oder Frust? Ich muss zugeben – ich kenne gar keine Plätzchen-Broschüren … Alle Plätzchen-Rezepte, die ich je gebacken habe, stammten aus dem Kochbuch meiner Oma, ergänzt durch telefonische Erläuterungen meiner Mutter und – ebenfalls telefonisch – diktierten Anweisungen der Mutter meiner Jugendliebe. Jedes Jahr reduzierte ich die Sorten, und wenn ich ehrlich bin, mag ich das ganz einfache Buttergebäck, nur mit Eigelb bestrichen, ohne bunte Streusel, Schokoglasur oder sonstwelchen Schnickschnack, am allerliebsten. Im Rezept aus dem Oma-Kochbuch kommen auf ein Pfund Mehl 375 g Butter und 5 Eigelb – ohne das zum Bestreichen. Die sind so mürbe, dass sie einem bloß so auf der Zunge zerfließen …

    Jetzt hab ich es schon seit Jahren nicht mehr geschafft, überhaupt irgendwelche Plätzchen zu backen. Dafür probiert meine Schwester Jahr für Jahr die unglaublichsten Sorten aus. Und Gott sei Dank bäckt meine Mutter immer Unmengen von meiner Lieblingssorte :-))

    • Muyserin sagt:

      Also, gehst Du zu der von mir hochverehrten Frau Kaltmamsell (ihr Blog heißt übrigens „Vorspeisenplatte“, Du kannst Dir denken, warum ich das gerade Dir schreibe!) und liest diesen Beitrag, dann verstehst Du, was ich mit „ausflippen“ meinte! ;) Ich denke, meist aus Freude, manche aber auch Frust, und meine Co-Bäckerin hat mir erzählt, das 2010er Heft sei gar nicht gut angekommen. Daher sind wir auf ein Plätzchen-Heft der FREUNDIN (vielleicht schon ein älteres) ausgewichen. Zu den (Frankfurter) Bethmännchen fand ich übrigens folgende Legende:

      Es gibt die Bethmännchen seit dem Jahr 1740, und ihre Grundlage ist Marzipan. Das kugelige Kleingebäck wurde zu dieser Zeit im Haus von Moritz von Bethmann zum Tee gereicht. Und damals sollen noch vier Mandeln auf jedem Bethmännchen gesteckt haben, eine Mandel für jeden Sohn des Hauses. Dann aber starb einer der Söhne, und seitdem haben die Bethmännchen nur noch drei Mandeln als Verzierung.

      Ich mag allzu mürbes Gebäck nicht so gerne, z. Bsp. Heidesand schmeckt für mich vor allem wirklich sandig. Witzigerweise wusste ich nicht, wie man „Ausstecherle“ auf Hochdeutsch nennt. Nach ein bißchen Recherche würde ich sagen, im Hochdeutschen muss man sich da mit Umschreibungen behelfen, die in meinen Ohren alle nicht so charmant klingen wie eben besagtes „Ausstecherle“.

      Zum Schluß noch eins: die wirklich allerbesten Plätzchen meines Lebens bekam ich letztes Jahr geschenkt, und zwar von einer Freundin, deren türkische Mutter dieses Kapitel deutscher Leitkultur unübertroffen beherrscht.

      • Lydia sagt:

        Okay, ich kriege eine Ahnung vom adventlichen Ausflippen :-) Die Kaltmamsell habe ich übrigens schon vor einiger Zeit in der Blogroll einer von mir höchstgeschätzen Bloggerin entdeckt ;-). Regelmäßig lesen tu ich sie aber erst seit zwei Monaten oder so. Und die alten Posts kenne ich noch nicht.

        Heidesand ist eine meiner Lieblingssorten. Noch lieber allerdings mag ich die Himmelszarten Engelstaler – da steht mir das Wasser zum Gaumen hoch, wenn ich bloß dran denke.

        Sagt man da nicht einfach Ausgestochenes? So zumindest würde ich mein dialektales Ausgstochnes übersetzen … Die schwäbischen Diminutive sind natürlich immer charmanter. Warum bloß muss ich jetzt ans Veschperbrettle denken?

        Wie auch immer – Plätzchen krieg ich wohl nicht vor Weihnachten. Hier bäckt die keiner in meinem Umkreis. Im Moment tröste ich mich mit Guacamole und Tortilla-Chips …

        • Muyserin sagt:

          Wenn man nach den Engelstalern googelt, kommt leider nur so eine blöde Chipkarte …

          Mein Freund schmeißt sich immer weg, wenn ich sage, ich mache noch etwas „Computerles“.

          Guacamole und Tortilla-Chips würde ich mir auch gefallen lassen.

          • Lydia sagt:

            Unter „butterzarte Engelstaler“ findest Du auf chefkoch.de so ziemlich dasselbe Rezept. Aber ich weiß nicht, ob du mit denen was anfangen kannst, wenn Du nicht auf mürbe stehst. Oder ist zart vielleicht doch was anderes als mürbe???

            Auf jeden Fall klingt „butterzart“ in meinen Ohren fast schon pervers.

            Computerles … hihi. Das erinnert mich daran, wie ich einmal mit dem Freund meiner Schwester, einem Franzosen, der des Deutschen nicht mächtig ist, beim Einkaufen im Gemüsemarkt war. Ich ließ mir gerade an der Kasse noch einen Bund Petersilie geben, die Kassiererin tippte die Nummer ein, da stieß er mich plötzlich an und deutete auf die Digitalanzeige der Kasse, wo in großen Buchstaben Peterle stand. „Peterlö?“, rief er mit großem Fragezeichen im Gesicht. Die Katze meiner Schwester heißt auch Peterle ;-)

  5. Muyserin sagt:

    Liebe Lydia, meine WordPress-Konfiguration ist so eingestellt, dass sich nach fünf Antworten nichts weiter verschachteln läßt, was wir zwei regelmäßig sprengen. Petersilie heißt bei meiner Oma Peterling. Peterlö werde ich ab sofort in meinen aktiven Wortschatz aufnehmen.

    Zart, mürbe? Keine Ahnung. Ich mag’s gern knusprig, gnietschig, würzig. :)

    • Lydia sagt:

      Das ist auf jeden Fall die sympathischere Variante des Sprengens … Ist ja schon gut so mit der Konfiguration, noch zwei Antworten mehr und die Buchstaben würden senkrecht runterlaufen ;-)

      Peterling … jetzt, wo Du’s schreibst. Das hab ich von meinen schwäbischen WG-Mitbewohnern seinerzeit auch schon gehört.

      Gnietschig klingt toll, das würd ich auch gern in meinen aktiven Wortschatz aufnehmen. Wenn Du mir noch sagst, was das heißt.

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