Mein Dresscode im Winter

„Verkleiden“ war schon immer mein liebstes Spiel; heute mit anderer Zielsetzung.

„Verkleiden“ war schon immer mein liebstes Spiel; heute mit anderer Zielsetzung.

Gestern Abend besuchte ich einen Vortrag (ich hoffe, noch die Zeit zu finden, darüber zu schreiben). Die Veranstaltung war sehr gut besucht; immer wieder drängten neue Zuhörer in den Saal.

So hatte ich das Vergnügen, während des Zuhörens die jungen Männer und Frauen des Jahres 2010 zu studieren. So viel unverbrauchte Jugend, so viel glatte Haut – und immer wieder schicke Mademoiselles, die ihre hübsch ins Gesicht gerückten Baskenmützen, ihre kunstvoll-nachlässig drapierten Schals auch im stickigsten Hörsaal nicht absetzen wollten.

Ich saß neben einer Freundin; vor einem Jahrzent waren wir Kommilitoninnen gewesen, jede auf ihre Art ein wenig extravagant vielleicht. Ich erinnerte mich unserer Auftritte und Aufzüge, sie in einem karierten Hosenanzug, den ich bald als ihr Markenzeichen empfand, und ich in den Vintage-Klamotten meiner Mutter. Nie wäre ich damals ungeschminkt aus dem Haus, und aus jener Zeit stammte auch mein damaliges Credo, wonach „Overdressing das letzte Abenteuer der Neuzeit“ darstelle.

Gestern aber saßen wir nebeneinander in einer neuen Art Partnerlook: Bergsteigerstiefel, Jeans, Strickpullover (in meinem Fall fusselig und mottenzernagt) – und natürlich ungeschminkt. Wir sahen die Fräuleins, wir blickten aneinander herab, und wir lachten: „Hauptsache, warm!“ Ein wenig Verlegenheit war dabei, so nachlässig geworden zu sein, aber auch das Wissen, dass unsere Welt davon nicht untergeht, in der Uniform der grauen Mäuse quasi unsichtbar zu sein.

Was mich betrifft, verliere ich im Winter jede Lust, auf die Wahl meiner Kleidung Sorgfalt zu verwenden. Am liebsten hätte ich eine Winter-Burka, aus der ich mich erst wieder im März oder April schälen würde.

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8 Kommentare zu Mein Dresscode im Winter

  1. dekabrista sagt:

    Es ist mir peinlich, aber ich gebe Dir – auf die Schnelle, in aller Kürze und mit Ausnahme der Winterburka – einfach mal recht.

  2. Theresa sagt:

    Entzückendes Bild!!

  3. Eyachfreund sagt:

    Ja, wirklich schade!

  4. Eyachfreund sagt:

    Na, dass die Dinge sich ändern!

  5. Pingback: Kubanka statt Burka: Stilvoll durch den Winter dank Mme Marceau | Journal ohne Ismus

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