Abendbrot im Turmzimmer: Gespräch über Uwe Tellkamps Turm

Man kann mit dem Buch unter dem Arm, nur zum Beispiel, heute, sozusagen auf der anderen Seite des Doppelpunkts, mit dem Tellkamps Buch endet, noch einmal über den Weißen Hirsch gehen. Jedes einzelne Haus am Elbhang ist, wie mir ein Makler neulich erklärte, seit der Wende mindestens einmal „gedreht“ worden. Er meinte verkauft. Die neuen Besitzer hatten Plastefenster reingemacht, in denen nun die „Zu vermieten“-Schilder baumeln. Kein Putz bröckelt mehr. Man kann jetzt Stuttgart dazu sagen. Tellkamps Türmer werden sich stattdessen in Weißig ein Eigenheim gebaut haben.

~Peter Richter, aus: „Oschwitz […]“ via Staatsschauspiel Dresden.

Gestern Abend war ich bei Freunden zu Gast, deren Leben sich seit Generationen zwischen den Koordinaten Blasewitz, Weißer Hirsch, Oberloschwitz abspielt. Wir saßen im (nicht „gedrehten“) Wohnzimmer, der Blick auf drei Seiten verglast; ringsum das vereinzelte Leuchten Herrnhuter Sterne, die auf Balkons und Veranden im Wind tanzten, unten im Tal das Funkeln der Stadt.

Es lag nahe, dass in diesem „Turmzimmer“ die Sprache auch auf Uwe Tellkamps Turm kam. Ich fragte, wie das Werk von denen, die hier leben und arbeiten, aufgenommen wird.

Da gibt es jene, die für sich ganz selbstverständlich reklamieren: „Wir sind der Turm!“, ohne je das Buch gelesen zu haben. Ihren Lebensentwürfen, an denen spätestens seit der Wende der Putz bröckelte, verleiht der Roman eine sinnstiftende Patina.

Immer wieder betreten Touristen auf der Suche nach den „authentischen“ Orten die Geschäfte ringsum. Statt direkt nach dem Weg zu fragen, werden die Ladenbetreiber zunächst auf Bildung abgeklopft: „Kennen Sie den Turm?“ Der Freund, dem immer schon der Schalk im Nacken saß, sagt inzwischen grundsätzlich „Nein“, was den entrüsteten Ausruf „Aber das ist doch Weltliteratur!“ provoziert. Auf die anschließende Wegbeschreibung reagieren die Bildungsreisenden mit einem verunsicherten „Sind Sie sicher?“, worauf sich mancher Anwohner bereits den Spaß erlaubt haben soll, seine Erklärung mit den Worten „Jetzt, wo Sie nachfragen – Ich glaube, Sie müssen statt links-links-rechts eher rechts-rechts-links!“ zu relativieren. Im Grunde könnte man den Autor selbst fragen, der dort öfters, ganz fleischgewordener Literat, mit Zeitung unterm Arm und Brötchen in der Hand entlang spaziert.

Alles in allem scheint es also ambivalent, wenn eine Wirklichkeit mit einer Fiktion gleichgesetzt wird. Was ist mit dem Dresden jenseits dieses exklusiven Bermudadreiecks? Es ist schon bezeichnend, dass Dresden einen Tellkamp hervorgebracht hat und Leipzig einen Clemens Meyer – eine buchstäbliche Fortschreibung der Rivalitäten zwischen den beiden Städten: hier der Hofberichterstatter, dort der Anti-„working class hero“. Wer porträtiert Gorbitz, wer Prohlis?

Zum Schluß erzählt die Freundin, mit unnachahmlich unaufgeregtem Dresdner Zungenschlag: „Steig’ ich doch neulich in die Schwebebahn, quatscht mich da der Tellkamp voll!“ Sie meinte natürlich nicht ihn persönlich, sondern die Beschallung in der Weihnachtszeit. (Man bekommt eine Ahnung, wie es den Anwohnern der Baker Street gehen mag. Und versteht Donna Leons Entscheidung, nicht in Italien zu publizieren.)

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