Schwarz-weiß statt bunt: Tariq Alis Im Schatten des Granatapfelbaums

Morisken, Mozaraber, Mudejares: maurische Spuren in Europa.

Morisken, Mozaraber, Mudejares: maurische Spuren in Europa.

Die wohl einprägsamste und schönste Erinnerung an mein Studium ist jene an eine Exkursion, welche nach Andalusien führte. Seither hat mich die Fasziniation für die Gesellschaft und Kultur des mittelalterlichen al-Andalus nicht losgelassen.

So ist es kein Wunder, dass mich die bunten Formen der zu einem Zellij zusammengefügten Girih-Kacheln, wie ich sie in der Alhambra bestaunen durfte, anlockten. Sie prangten auf dem Umschlag eines Buches mit dem poetischen Titel Im Schatten des Granatapfelbaums, das ich an einem Flohmarktstand entdeckte. Der Untertitel lautete, etwas irreführend, „Ein Roman aus dem maurischen Spanien.“ Denn es handelt sich keineswegs um ein historisches Zeugnis aus dem Mittelalter, sondern um das 1993 erschienene Werk des aus Pakistan stammenden Briten Tariq Ali (*1943).

Wie so oft, wenn Europa an seinen religiösen oder kulturellen Spannungen zu zerbrechen droht, richtet sich die Erinnerung auf Andalusien, wo ein paar Jahrhunderte lang Christen, Juden und Moslems koexistierten, bis die Reconquista der spanischen Könige Isabella und Ferdinand dem multikulturellen Nebeneinander 1492 ein Ende setzte.

Der Prolog las sich vielversprechend, schilderte eindrücklich die Verbrennung aller moslemischen Bücher, die 1499 von christlichen Soldaten aus den fast 200 Bibliotheken der Stadt geplündert und zu einem Wall aufgeschichtet worden waren: „Das gesammelte Wissen der Halbinsel“. Das ist der historische Kontext, in dem der Roman angesiedelt ist, und man ahnt, wo schon Bücher verbrannt werden, dauert es nicht lange, bis auch Massaker folgen. Erzählt wird die Geschichte der al-Hudayl, einer moslemischen Dynastie, die seit Generationen über eine florierende Ansiedlung in der Nähe der Stadt Gharnata (Granada) residiert und sich angesichts der immer militanteren Ausbreitung der Christen am Scheideweg sieht; bleiben und konvertieren, bleiben und kämpfen oder nach Nordafrika, ins Land der Vorfahren auswandern?

Das alles böte Stoff für einen packenden, farbenprächtigen, sogar philosophischen Roman. Beim Lesen hatte ich meine Freude an Wörtern wie al-Mariya, Balansiya, Ischbylia, Sarkusta oder auch Tulaitula, die ich ein paar Male halblaut vor mich hinsprechen musste, ehe sich mir entschloss, welche Städtenamen des heutigen Spaniens sich dahinter verbargen. Auch die zahlreichen und ausführlichen Schilderungen der Mahlzeiten im Hause al-Hudayl, die vom Koch, einem Zwerg, oder der alten Amme Ama zubereitet werden, vermittelten ein Bild längst vergangener Zeiten:

Ama begann mit der Zubereitung des himmlischen Allerleis. Sie tauchte die Hände in eine große Schüssel, wo sie die weichen Küchlein auseinanderbrach. Sie ließen sich mühelos zerkrümeln. Sie fügte etwas frische Butter hinzu und knetete die Mischung mit den Händen weich. Darauf gab sie Umaima ein Zeichen, die vortrat und den Zucker darüberstreute, indes Amas runzlige Hände die Zutaten vermischten. Schließlich hielten die Finger still. Sahra klatschte in die Hände und reichte ihre Schale hin. Ama wölbte die rechte Hand und servierte ihr eine große Handvoll. Die Prozedur wurde bei allen anderen der Reihe nach  wiederholt. Dann wurde die heiße Milch darübergegossen und  der süße Gang verzehrt. Einen Augenblick lang war die ganze Familie zu sehr damit beschäftigt, sich an dem köstlichen Geschmack dieser einfachen Mixtur zu laben, um der Schöpferin zu danken.

„Himmlisch, einfach himmlisch, Ama. Welch herrliches himmlisches Allerlei. Jetzt kann ich in Frieden sterben.“
„So ein himmlisches Allerlei habe ich noch nie gekostet, Ama“, sagte Yasid.
„Dieses himmlische Allerlei hätte doch nie für mich alleine erschaffen werden können, Ama?“ fragte Suhayr.
„Der Geschmack dieses himmlischen Allerleis erinnert mich an meine Jugend“, murmelte Umar. (S. 69/79)

Und so weiter und so fort. Schon diese Passage illustriert die Stärken und die Schwächen des Buches: während der Autor detailreich für Lokalkolorit sorgt, bleiben die Dialoge merkwürdig hölzern. Im Versuch, einerseits die blumige, altertümliche Sprache zu pflegen, wie man sie aus arabischen Dichtungen kennt, und andererseits die Figuren so locker daherplaudern zu lassen, dass sie auch in der Gegenwart lebendig wirken, endet oft in unfreiwilliger Komik.

Ganz eklatant zeigt sich dies bei der Schilderung erotischer Szenen:

Ohne zu ahnen, daß sie beobachtet wurden, waren Hind und Ibn Daud nun an einen Punkt gelangt, wo gewisse grundlegende Entscheidungen getroffen werden mußten. Seine Hände waren unter ihre Tunika geglitten und befühlten ihre Brüste, zogen sich aber sogleich wieder zurück.

„Zwei volle Monde über einem schlanken Zweig“, murmelte er mit einer Stimme, aus der sie übergroße Leidenschaft herauszuhören meinte.

Hind wollte nicht zurückstehen. Ihre Hände fanden den Weg von seiner Leibesmitte zu den tiefer liegenden, unerforschten Regionen, welche von seidenen Pluderhosen bedeckt waren. Sie fühlte ihn unter der Seide. Sie streichelte seine Schenkel. „Weich wie Sanddünen, aber wo ist die Palme?“ flüsterte sie, während sie mit den Fingern zärtlich die Datteln streifte und den Saft aufsteigen fühlte. (S. 198)

Die Diagnose steht fest: Alis Sexszenen kranken eindeutig an dem, was die Schriftstellerin Brooke Magnanti (besser bekannt unter ihrem Pseudonym Belle de Jour) augenzwinkernd als „soft furnishings syndrome“ charakterisierte:

Es ist diese Tendenz, sich mit der Schilderung gerüschter Gewänder, der genauen Schattierung einer Haarfarbe und so weiter aufzuhalten. Wer irgend etwas, bei dem es sich nicht tatsächlich um Schokolade handelt, mit dem Vergleich „wie Schokolade“ umschreibt, leidet am Raumausstattungs-Syndrom.

Übersetzt nach „How to write sex: a woman’s tips“, in: The Times, 20. Juni 2009.

Die größte Schwäche des Romans lag für mich denn auch in seinem Tonfall, der zwischen Schwülstigkeit und dozierenden Abhandlungen nicht zu einer eigenen Sprache findet. Mag sein, dass es auch an der Übersetzung lag, die nicht nur aus dem Englischen, sondern auch dem Arabischen zu vermitteln hatte.

Den Handlungsfaden zu verfolgen, frustrierte mich zunehmend: allenthalben wurden neue Figuren eingeführt (ich war schon drauf und dran, mir mit Stift und Zettel einen Stammbaum zu zeichnen, den ich dann zu Glück im Anhang des Buches entdeckte), über deren weiteren Verbleib man aber nichts mehr erfährt. Was wurde aus der schwangeren Umaima? Was aus Fatima, der anmutigen Tochter des Abu Said al-Ma’ari?

Das Genre des historischen Romans hat für mich durchaus Berechtigung, wenn anhand der Schilderung fiktiver oder historischer Charaktere das damalige Zeitgeschehen aufgerollt, analysiert und lebendig gemacht wird. Wie interessant wäre es gewesen, jene Charaktere zu schildern, die an den Schnittstellen dieser komplexen Gesellschaft existieren mussten: die Konvertiten, die Renegaten, die Vermittler. Bei Tariq Ali sieht dies so aus, dass die Männer edel, die Frauen anmutig, die Bediensteten kauzig und die Christen samt und sonders Abschaum sind, der überdies stinkt, weil er sich nie wäscht. Und natürlich sind die Morisken, also die Moslems, die versuchen, sich den neuen Gegebenheiten anzupassen, alle feige Hunde.

Angesichts dieser holzschnittartigen Figurenporträts wirken die Lobeshymnen des Klappentexts auf mich wie blanker Hohn: „Das farbige Porträt der ersten multikulturellen Gesellschaft in Europa.“ Diese Diagnose trifft zu, wo es um Andalusien geht, nicht aber um den Roman.

Natürlich schreibt einer der führenden Linksintellektuellen Großbritanniens nicht einfach zum Zeitvertreib. Dass sein Roman programmatisch für die Überlegenheit des Islams wirbt, ist evident. Das ist Tariq Alis gutes Recht. Absurd wird es aber, wenn er dem Islam des 15. Jahrhunderts eine Toleranz in Dingen attestiert, die selbst dem Islam moderner Prägung in den allermeisten Gesellschaften fehlt. Nicht nur darf sich die junge Hind ihren Liebhaber frei wählen, nein, im Beisein der Dienerschaft und unter Mitwissen der toleranten Eltern gibt es noch vor der Eheschließung heiße Stelldicheins im Granatapfelhain (wo sonst?). Als der Schwiegersohn in spe ihr gegenüber nicht sofort in Ekstase entflammt, knöpft Hinds Vater ihn sich vor und erfährt, dass dieser während seiner Studentenzeit eine homosexuelle Liebesbeziehung zu seinem Mitbewohner unterhielt. Und der großmütige Umar sagt sinngemäß, „Schwamm drüber.“

Das ist angesichts der bis heute andauernden Beschneidung von Frauenrechten und der Verfolgung Homosexueller in islamischen Staaten nicht nur hanebüchen, sondern ärgerliche, propagandistische Schönfärberei.

Andalusien 2001: „La ola del frio“ – ein sehr kalter, schöner Oktober.

Andalusien 2001: „La ola del frio“ – ein sehr kalter, schöner Oktober.

Ungefähr vor zehn Jahren, zur selben Zeit, da ich für meine Abschlussprüfung die Baugeschichte der einstigen Große Moschee von Córdoba büffelte, las ich die Jüdin von Toledo. Leider machte ich mir damals noch keine Lesenotizen, so dass ich mich nur an die Erschütterung erinnern kann, die Lion Feuchtwangers Erzählkunst in mir auslöste. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich jenen Roman ein weiteres Mal lesen werde.

Wer sich für den Schatten des Granatapfelbaums interessiert, kann mir schreiben. Ich werde das Buch kein zweites Mal zur Hand nehmen.

Post Scriptum: Ein Leitmotiv, das sich durch den gesamten Roman zieht, ist das Schachspiel. Als Nicht-Schachspielerin sind mir die tieferen Nuancen der Schachsymbolik entgangen, die Schachspieler Jörg Seidel in seiner exzellenten Rezension von Im Schatten des Granatapfelbaums deutet. Ansonsten gleichen sich unsere Einschätzungen zum Teil bis aufs Wort: auch er empfand die Darstellung der Charaktere als schwarz-weiß (was er mit dem Schachspiel zu verknüpfen weiß) und holzschnitthaft.

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