Flohmarkt in der Neustadt, Tango im Hechtviertel.

Der erste Dresdner Haus- und Hof-Flohmarkt in der Neustadt wird wohl nicht der letzte gewesen sein. Eine Menge Volk war nachmittags bei kühlem, aber sonnigem Herbstwetter in den Planquadraten der Äußeren Neustadt unterwegs.

Ich war nicht in allen Höfen; soweit ich es beurteilen konnte, umfasste das Angebot überwiegend Hausrat und Klamotten, wobei vereinzelt auch Kinder ihre Comics und Sticker feil boten. Große Möbelstücke, wie man sie auf dem Elbeflohmarkt findet, sah ich wenige. Das fast völlige Fehlen professioneller Händler empfand ich als Pluspunkt. Keine Frage, dieser Flohmarkt hatte Charme – hinter mehreren Ständen sah ich alte Bekannte stehen, so dass ich weniger zum Feilschen als zum Plaudern kam.

Obwohl ich unter meinem selbst gesteckten Budget blieb, freue ich mich über eine Menge schöner Funde, wie z. B. diese Kreolen:

Silberne Kreolen mit Glasperlen, aufgestöbert im Louisenhof.

Silberne Kreolen mit Glasperlen, aufgestöbert im Louisenhof.

Ich stöberte bis nach ein Einbruch der Dämmerung. Da war es dann schon so spät, dass ich kaum Zeit hatte, mich für den Abend umzuziehen. Kurzerhand griff ich einfach auf die neu erstandenen Sachen zurück, die sich wie von Zauberhand zu einem Ensemble fügten: ein leichter Trenchcoat, ein Kleid („aus Bali“, wie mir die vormalige Besitzerin mit nostalgischem Blick verriet) sowie zwei hölzerne Perlenketten (vor 20 Jahren selbst gemacht von einer Frau, die das Glück schon im Namen trägt, und somit der schönste Talisman zur deutschen Einheit).

Mit Geld nicht aufzuwiegen: der Spaß am Spiel namens Mode.

Mit Geld nicht aufzuwiegen: der Spaß am Spiel namens Mode.

Und tatsächlich, der Abend stand unter einem glücklichen Stern. Allerdings verzichtete ich auf das abendliche Rahmenprogramm des Neustädter Haus- und Hofflohmarktes; stattdessen zog es mich zurück ins Hechtviertel, genauer gesagt ins Café Crema. Dort spielten Fernando Rezk (Bandoneon) und Gabriel Battaglia Pol Gonzalez*(Gitarre) Tango zum Zuhören und Tanzen. Ein Konzert mit Clubcharakter: die spürbare Nähe zwischen Publikum und Musikern sorgte für eine intime Atmosphäre, immer wieder aufgelockert von Fernandos sprachlichen Improvisationskünsten. Übrigens ist Fernando der erste Argentinier, der mich zum Tanzen aufforderte … Fernando, eres inolvidable!

Tango im Café Crema, Dresden.

Tango im Café Crema, Dresden.

Unvergessen wird mir auch das Bild einer Bekannten bleiben, die ich gestern, wenige Wochen nach ihrer Entbindung, beim Konzert traf. Alle schienen es zufrieden zu sein: der ruhebedürftige Kindsvater, der sie kurzerhand zum Tanzen geschickt hatte … das Baby, welches selig im Tragetuch an der Brust der Mutter schlummerte … die Mutter selbst, welche sich selbstvergessen in den Armen einer Tanguera wiegte und dabei strahlend aussah … und der Tanguera, die nicht alle Tage eine Tanda zu dritt tanzen dürfte.

In diesem Sinne: mögen wir alle das Beste aus unseren Umständen machen und die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Eine Konstante meines Lebens ist diese Stadt. Auf den Tag genau heute vor 17 Jahren zog ich nach Dresden. Ich habe es nie bereut; hier fühle ich mich wohler und wohler – und zuhause.

*Erratum: Zu meinem Bedauern hat sich hier ein falscher Name eingeschlichen, wie mich Fernando Rezk heute wissen ließ.
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