Zwölf Stunden Elbufer: Trödeln in Dresden

Wie gesagt, ein Jahr lang habe ich die Wohnung ausgemistet: überflüssiger Küchenrat, obsoleter Elektroschrott, abgelegte Klamotten und nicht mehr zeitgemäße (weil hochhackige) Schuhe in Kartons verpackt. Leider ist der Keller als Stauraum nicht zu gebrauchen, da dort innerhalb kürzester Zeit alles zu schimmeln anfängt. Also blieb nur die Wohnung: Platz fand sich auf einem Schrank in der Diele. Je höher diese Bananenkistenburg sich stapelte, desto mehr empfand ich sie schon beim Betreten der Wohnung als negative Energie. So kam ich auf die Idee, alles hinter einem Vorhang zu verstecken (was psychologisch bei Dreijährigen funktioniert, kann bei Mittdreißigern nicht verkehrt sein).

Das Guck-Guck-Prinzip.

Das Guck-Guck-Prinzip.

Freitag Nacht luden wir alles ins Auto, schliefen für ein paar wenige Stunden, um dann gegen 04:30 Uhr ans Elbufer aufzubrechen, wo wir einen guten Standplatz unter den Bäumen der ersten Flohmarktreihe ergattern konnten.

Es war merkwürdig, im Dunkeln alles auszupacken und Sachen zu ertasten, die man zum Teil schon vergessen hatte. Bis auf einen Rock und eine Hose, die ich plötzlich wieder tragbar fand, gelang es mir, der Versuchung zu widerstehen, meine Entscheidungen en gros zu revidieren.

Das Wetter hielt, was die Prognosen versprochen hatten. Doch unser Platz lag den ganzen Tag im Schatten. Während man sich andernorts gleichermaßen hübsch wie einfallsreich gegen die Strahlesonne behalf, nahm ich immer mehr der eigentlich zum Verkauf gedachten Stücke vom Ständer, um mich gegen Kälte in meinen Knochen zu schützen: eine Stola, einen Persianer (den ich nicht mehr tragen mag, seitdem ich weiß, woher das Fell kommt), einen Hut.

Heißkalt.

Heißkalt.

Lange sah es aus, als ob wir die gut 20 Euro Standmiete als Verlust verbuchen müssten, aber gegen Mittag kamen die Geschäfte in Schwung; und letztlich hatte sich der Klingelbeutel ansehnlich gefüllt. Doch beim Trödeln geht es nicht nur ums Geld verdienen, sondern auch um die Begegnung mit Menschen.

Da gibt es die Kruschtler, die stundenlang in der Elektronikkiste wühlen, um dann über Sinn und Zweck irgendeines Bauteils in epischer Breite fachzusimpeln. Schließlich fragen sie, „Was soll’n das kosten?“. Man nennt irgendeine läppische Summe wie „Einen Euro“, und sie lassen den RAM-Riegel oder den Dynamo fallen, als hätten sie sich verbrannt. Hakt man nach: „Was hätten Sie sich denn vorgestellt?“, murmeln sie meist irgendetwas in ihren Bart (ehrlich, diese Typen haben immer einen Bart) und schlendern grußlos weiter.

Es gibt die Mamsells, die ich „die Elstern“ nenne. Wie jene, die mit Kennerblick das Glanzstück meiner Schuhkollektion erspäht. Mit vor lauter Gold ganz schweren Fingern weist sie darauf: „Was soll das kosten?“ Ich, mit Kennerblick: „Zwanzig Euro“ (ein Preis, der Platz für Verhandlungen ließe und überdies immer noch weit unter Wert wäre). Empört schüttelt sie den Kopf. Darauf ich: „Was wären Sie Ihnen denn wert?“ „Sagen wir, einen Euro?“ Das ist natürlich schon kein Witz mehr, eher eine Beleidigung, aber spaßeshalber schlage ich noch die lächerliche Summe von „ein Euro fünfzig“ vor. Doch so viel Gier auf Händlerseite muss empörend sein; sie schüttelt beleidigt den Kopf und trollt sich. Wahrscheinlich wollte sie, dass ich ihr fürs Modeln etwas zahle.

Aber es gibt auch schöne Begegnungen, wie jene Frau, die sich freut, dass die Jacke, welche sie von mir kauft, schon meiner Mutter gehörte und ihre eigene Geschichte besitzt (Stichwort London, 1968). Sie versteht, dass ich sie damit fotografieren möchte, weil dieses Familienstück nun eine neue Besitzerin gefunden hat, die es augenscheinlich zu schätzen weiß.

Oder die Frau aus Osteuropa, der es ein Zuckerdosen-und-Sahnekännchen-Set aus Bleikristall angetan hat. Sie akzeptiert meinen Preis, hat aber nicht mehr genug Geld in der Tasche. Plötzlich der Gedankenblitz: Sie hält mir ein Paar Babyschühchen entgegen, die sie selbst häkelt und verkauft, und wir tauschen.

Heiße Ware: „Corvette“-Radio (mit Prilblumen) und typographisch ansprechendes Fotopapier.

Heiße Ware: „Corvette“-Radio (mit Prilblumen) und typographisch ansprechendes Fotopapier.

Auf Händlerseite begegnet man leider immer wieder Idioten, und oft sind es in meiner Beobachtung die sogenannten Profis. Ein Beispiel von gestern: eine Mutter ist mit ihren Jungs am Stand eines Profis stehen geblieben, weil die Kinder sich für die Stofffigur des kleinen Maulwurfs begeistern. Sie nehmen sie behutsam in die Hände und blicken flehentlich zur Mutti. Diese war drauf und dran, sich erweichen zu lassen, wenn nicht im selben Moment der Verkäufer barsch losgepoltert hätte: „Hier, was soll’n das wer’d’n?“. Die Mutter, tapfer: „ Sie wollten doch nur fragen, was es kostet!“ Darauf der Händler: „Die gönn’ alles mach’n, wenn Se’s gekooft ham, bis dahin heest’s ‚Pfoten weg‘!“.

Trotz dieser Beobachtungen: der einzige Grund, weswegen ich nicht öfter trödele, sind die sanitären Bedingungen. Ich konnte mich einfach nicht dazu überwinden, eine dieser blauen Klokabinen aufzusuchen, und so waren die zwölf Stunden vom Aus- bis zum Einpacken gegen Ende fast unerträglich lang, vor allem, weil ich mich mit Unmengen Tee aus der Thermoskanne warm gehalten hatte, ehe ich mein Dilemma erkannte. Es wäre doch schlau, wenn die Stadt den Dresdner Flohmarkt als Wirtschaftsfaktor fördern würde, indem sie in den Gewölben bei der Brücke eine öffentliche Toilette einrichtete.

Neben dem Taschengeld freut mich vor allem, dass der Kram deutlich weniger geworden ist. Ein Großteil wanderte nach kritischer Begutachtung auf den Wertstoffhof, ein Teil in die Altkleidersammlung, und ein ganz kleiner Teil wird wieder eingemottet. Vielleicht bis zum nächsten Trödel, nächstes Jahr.

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6 Antworten auf Zwölf Stunden Elbufer: Trödeln in Dresden

  1. Anton Launer sagt:

    Übrigens, falls noch Reste übrig sind, am 2. Oktober gibt es in der Neustadt einen großen Trödelmarkt, an dem man ohne 20 Euro Startgebühr teilnehmen kann. Eigentlich nur für Bewohner der Äußeren Neustadt, aber ich schätze, bei Trödlerinnen aus der Leipziger Vorstadt wird ein Äuglein zugedrückt.

  2. Theresa sagt:

    @Anton
    Wo und wann genau findet denn besagter Trödelmarkt statt?

  3. Anton Launer sagt:

    @ Theresa: Am 2. Oktober von 15-21 Uhr. Geplant sind Standmöglichkeiten auf der Alaun- und Louisenstraße, sowie der Sebnitzer zwischen Alaun- und Görlitzer Straße.

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