Die Stadt hat versagt. Die ganze Stadt?

Da ist er wieder, jener Kessel Buntes, der den politikverdrossenen Bürger ausmacht: Unverständnis, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Wut, Resignation. Sozusagen The Five Stages of Grief, an deren Ende der Biedermann steht (von den Brandstiftern einmal ganz zu schweigen).

Ich kann mich noch ganz genau an die Meldung („Dresden baut großen Fahrradverleih auf“) vor ein paar Monaten erinnern:  die Stadt laufe Gefahr, eine Million Euro Fördergelder für ein geplantes, öffentliches Fahrradverleihsystem verfallen zu lassen.

Nun hat sich dieses Menetekel bewahrheitet, und auf der Suche nach Antworten, mithin nach Verantwortung, stolpere ich über ein Wort.

„Die Stadt“ – wer ist damit eigentlich gemeint? Es handelt sich bei dieser Bezeichnung um eine klassische Metonymie, genauer um ein pars pro toto: ein Teil (das Rathaus) steht für das Ganze (die Bürger). Doch Vorsicht! Machen wir es jenen, die wir gewählt haben, damit sie unsere Interessen vertreten, nicht gar so einfach, sich quasi totum pro parte hinter einem Wort zu verstecken, das mich, Sie, uns mit einschließt. Sagen wir deutlich, dass das Ganze nur für einen Teil steht. Die Stadt hat versagt, jedoch nicht kollektiv, sondern individuell. Einzelne, gewählte, mit einem Auftrag ausgestattete Amtsinhaber. Allen voran Oberbürgermeisterin Orosz.

Dachte ich, es würde genügen, dass die Medien auf die Wichtigkeit des Anliegens und auf die Dringlichkeit seiner Umsetzung hinwiesen, damit Bewegung in die Sache käme? Ich (und mit mir wahrscheinlich die Mehrheit der Bürger) schrieb keine Brandbriefe. Wir haben uns in gutem Glauben darauf verlassen, dass unsere Interessen gehört, wahrgenommen und umgesetzt würden.

Vor wenigen Tagen ging die Nachricht um die Welt, dass London erfolgreich Mieträder eingeführt hat, die nach dem Bürgermeister benannten „Boris Bikes“. Man stelle sich einmal vor, wenn Dresden, die Stadt der Betonbrücke, Betonköpfe, wieder einmal positive Schlagzeilen gemacht hätte: als Deutschlands fahrradfreundlichste Stadt.

Das Projekt versprach Nachhaltigkeit: von 600 Rädern an 35 Stationen war die Rede, und es hätte sogar Fördergelder gegeben: warum also wurde die Chance so leichtfertig, ja (dumm-)dreist vertan?

Auf der Suche nach Erklärungen lese ich den Kommentar Peter Ufers in der Sächsischen Zeitung:

„[M]it guter Planung könnten beide [Auto- und Fahrradverkehr] bestens nebeneinander existieren. Aber politisch ist das nicht gewollt.

Ich frage mich: warum nicht? Ich verstehe diesen Satz nicht, bzw. das Denken, das mit ihm verknüpft ist. Und ich fühle mich hilflos, ohnmächtig, wütend, resigniert.

Wie schön das Radfahren in Dresden sein kann, sieht man übrigens hier.

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7 Kommentare zu Die Stadt hat versagt. Die ganze Stadt?

  1. torsten sagt:

    Ufers Aussage verdeckt, was es ist, das politisch nicht gewollt ist: das Fahrradverleihsystem oder die öffentliche Organisation der ganzen Geschichte. So wie es aussieht, wird in Teilen der Stadtverwaltung eben davon ausgegangen, dass sowas besser privat betrieben werden soll. Nun ist es halt nicht Dresden, das einen Fahrradverleih aufbaut, sondern ein privater Fuzzi.
    Mm… weiß nicht, ob das blöd ist.

    • Muyserin sagt:

      Selbst wenn sich a) ein privater Investor finden sollte, der b) ein Projekt verwirklicht, das die Stadtoberen offenkundig als unrentabel abgeschrieben haben, wäre es c) ein Verlustgeschäft für die Stadt Dresden – ein Imageverlust. Manchmal wünsch‘ ich mir echt, bei uns herrschte die Tübinger Ökodiktatur …

      • torsten sagt:

        Naja, naja. Was ist denn mit den bereits existierenden Fahrradverleihern in Dresden? Sind die nicht ausreichend, zu teuer, zu kompliziert … ?

      • stefanolix sagt:

        Die bisher existierenden Fahrradverleiher in Dresden wären zumindest zum Teil in ihrer Geschäftsgrundlage getroffen gewesen: wer nicht an den Fördertopf herangekommen wäre, hätte nämlich geschäftlich kaum noch Chancen gehabt. Es ist (meiner Meinung nach) Aufgabe der Stadt, die Bedingungen für den Markt zu schaffen und die Aufsicht auszuüben. Ähnlich wie beim Taxi könnte sie auch Konzessionen vergeben.

        Es kann nicht Aufgabe der Stadtverwaltung sein, eine große Geldsumme an einige Fahrradverleiher auszureichen und die anderen Pleite gehen zu lassen. Ich sehe schon Fördergelder für Zukunftstechnologie sehr kritisch, aber Fahrräder sind nun wirklich keine anspruchsvolle oder innovative Technik, die man fördern müsste.

        Besteht überhaupt ein Bedarf an zusätzlichen Leihfahrrädern? Wer bisher als Dresdner Bürgerin oder Bürger mit dem Fahrrad unterwegs sein will, hat auch ein Fahrrad. Die Touristen scheinen mit den bestehenden Angeboten bestens versorgt, zumindest stehen immer wieder ungenutzte Leihfahrräder in der Stadt herum.

        Weiterhin wäre die Frage zu stellen: wem nutzen geförderte Leihfahrräder? Sind solche Subventionen rechtlich überhaupt zulässig oder wird dadurch der Markt kaputtgemacht? Torsten sagt: jetzt macht es ein »privater Fuzzi«. Laut dem bisherigen Plan sollten es auch »private Fuzzis« machen, nur eben privilegiert gegenüber den sonstigen Fuzzis ;-)

        • torsten sagt:

          Naja, es ist auch etwas kurz gedacht, nur dem Markt/privaten Fuzzies zuzutrauen, öffentliche Güter wie saubere Luft, nachhaltigen Verkehr … bereitstellen zu können. Es gibt genügend Beispiele dafür dass auch nicht-staatliche und nicht-marktliche Akteure Verkehrs- und Umweltprobleme lösen/vermeiden bzw. auf dem Markt entstandene Probleme lösen. Und warum sollen das nicht auch staatliche oder kommunale Akteure wie die Stadt Dresden können? In Kopenhagen oder anderswo geht’s ja auch.
          Vielleicht sollte bei der Diskussion um den öffentlichen Fahrradverleih nicht vergessen werden, dass es dabei nicht primär darum geht, Arbeitsplätze oder BIP zu schaffen, sondern auch um weniger Lärm, saubere Luft, Rettung von Eisbären etc.

          Besteht überhaupt ein Bedarf an zusätzlichen Leihfahrrädern? – Das frage ich mich auch. Wenn die Dinger allerdings kostenlos auszuleihen wären und an jedem größeren Verkehrsknotenpunkt abgeholt und zurückgegeben werden könnten, würde der Bedarf schon steigen.
          Natürlich müsste man sich dann auch mit Fragen wie der Übernutzung des Systems oder Vandalismus beschäftigen. Tja und da die Stadt darauf keinen Bock zu haben scheint, auch nicht wenn sie es gefördert bekommt, fahren wir eben weiter Auto.

  2. stefanolix sagt:

    @Kathrin: Dresden wird nicht durch ein paar Leihfahrräder zur fahrradfreundlichen Stadt, sondern nur durch nachhaltige Verkehrsplanung (Straßenplanung, Radwegebau, Parkplätze für Fahrräder, Park & Ride mit dem Fahrrad …). Überspitzt gefragt: Wo sollten die Räder denn rollen? So interpretiere ich auch die Aussage des SZ-Redakteurs anders. Dresden macht eine Verkehrspolitik, in der die Radfahrer an letzter Stelle stehen. Daran würden einige teuer geförderte Fahrräder nichts ändern.

  3. Muyserin sagt:

    Danke für Eure Kommentare, food for thought; sagte ich schon, dass das Internet & Bloggen eine gute Sache sind? Und jetzt geht’s ins Konzert

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