Die Niederpoyritzer Quittenplantage – ein Nachruf

Das Motto meines Blogs lautet zwar „lauter gute Nachrichten“. Leider läßt sich dies nicht immer auf ganzer Linie durchhalten, wie ich jüngst erfahren musste.

Im Herbst des vergangenen Jahres stellte ich zum ersten Mal in meinem Leben Eingemachtes her. Die Grüne Liga hatte nämlich zur Quittenernte in Niederpoyritz aufgerufen, um so einen „praktischen Beitrag zum Erhalt der Naturlandschaft im Dresdner Elbtal leisten“ und „die Quittenplantage zu einer naturtypischen Streuobstwiese zu entwickeln“. Ich kehrte mit über zehn Kilo der pelzigen Früchte nach Hause und verwandelte meine Küche in ein klebriges, duftendes Labor.

Weiche Schale, harter Kern: die Quitte ist eine widerspenstige Schöne.

Weiche Schale, harter Kern: die Quitte ist eine widerspenstige Schöne.

Ein Jahr lang konnte ich von den leckeren Produkten zehren: das klackende Geräusch des Vakuumdeckels, wenn man ein neues Glas Quittengelee öffnet, ließ jedes Sonntagsfrühstück zum Ereignis werden; auf Barbecues hatte ich mit einem Glas pikanter Quitten-Pickles immer ein Mitbringsel zur Hand. Unvergessen auch der Moment, als sich die fleißigen Köchinnen mit einem Gläschen Quittenlikör belohnen wollten und feststellen mussten, dass sie statt zu normalem zu Gelierzucker gegriffen hatten. Nachdem wir zunächst perplex rätselten, warum das Likörchen nicht aus der Flasche fließen wollte, deklarierten wir flugs den alkoholhaltigen Wackelpudding zu Jelly Shots um.

Eine Arbeit für Herbstabende: Etiketten-Schwindel.

Eine Arbeit für Herbstabende: Etiketten-Schwindel.

Auf keinen Fall wollte ich die diesjährige Ernte verpassen, hatte ich doch inzwischen viele neue, ungewöhnliche Quittenrezepte gesammelt. Daher fragte ich vergangene Woche bei der Grünen Liga nach, wann denn in diesem Jahr der Termin zur gemeinschaftlichen Quittenernte sein würde.

Zu meinem großen Bedauern musste ich erfahren, dass das Quittenprojekt der Grünen Liga in Niederpoyritz eingestellt wurde. Die Fläche gehört dem NABU Meißen/Dresden; dieser hat nun aus Sicht der Grünen Liga völlig überraschend und nicht nachvollziehbar den Pachtvertrag gekündigt.

Aus meiner Sicht jammerschade um ein Projekt, das mir sowohl ökologisch sinnvoll als auch gesellschaftlich wertvoll schien (ehrlich, wann trifft man sich schon mal mit wildfremden Leuten zur Ernte? Wahrscheinlich muss man kostspielige Aktivurlaube buchen, um in der Toskana bei der Olivenernte oder in der Normandie bei der Weinernte Vergleichbares zu erleben). Und als Schwäbin, bei der schon die Windeln mit dem Spruch „Mir lasset nix v’rkomme!“ bestickt waren, ist mir der Gedanke, dass das wunderbare Obst nun vergammelt, wirklich ein Graus.

Nach Aussage von Jörg Urban von der Grünen Liga war nicht nur sehr viel Energie in den Aufbau des Projektes geflossen, die nun leider verloren ist. Überdies sollte es im Andenken an den Anfang des Jahres verstorbenen Achim Weber (Nachruf) weitergeführt werden.

Ein kleines Trostpflaster ist die immer populärer werdende Bewegung Mundraub – Freies Obst für freie Bürger. Ein Besuch der Website ist unbedingt zu empfehlen!

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20 Antworten auf Die Niederpoyritzer Quittenplantage – ein Nachruf

  1. RaLi sagt:

    Die Quitten sind des Rätsels Endnoten-Lösung? Ich habs doch gewusst…

  2. stefanolix sagt:

    Dass das Einkochen Spaß macht, habe ich im letzten Jahr an wilden Pfirsichen (Hameln) erfahren. — Was passiert denn jetzt mit den Quitten? Werden sie verkauft? Muss man für das Selbstpflücken etwas bezahlen? Hier in unserer Familie kann ich mit Quitten leider keine Punkte sammeln, obwohl ich Kompott und Marmelade und andere Produkte selbst sehr gern esse.

  3. rappel sagt:

    Was sind das nur für merkwürdige Querelen zwischen den Umweltverbänden? In diesem Fall wäre es schon interessant zu erfahren, was den NABU zu dieser Entscheidung bewogen hat …

  4. Muyserin sagt:

    @ Stefanolix und Rappelsnut: Ich habe den BUND kontaktiert und dort diese Fragen vorgebracht. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

    • Gibts etwas neues vom B-U-N-D wegen der Quittenplantage?

      Hab auch so einige Erfahrungen in verschiedensten Berührungspunkten zum B-U-N-D gesammelt. Wenige waren wirklich ökologisch voll haltbar – aber “DIE” sind ja die “Fachleute”, die nebenbei bemerkt immer mehr Flächen aufkaufen und darüber entscheiden. B-U-N-D könnte vielleicht eines Tages der Name eines Großgrundbesitzers im herkömmlichen Sinne sein!

  5. Lydia sagt:

    Ach ja, der Quittenbaum, der seit ich mich erinnern kann im Garten meiner Kindheit steht, ist vor paar Jahren dem Gewicht seiner Früchte – oder doch einem Windstoß? – erlegen. Das war wirklich traurig, so ein Baum gehört ja schließlich zur Familie. Obwohl ich zugeben muss, dass Johannisbeergelee und Erdbeermarmelade meiner Oma mir tausendmal lieber waren als das Quittengelee. Aber meine schwäbische Vermieterin, die tagein, tagaus in ihrem wunderschönen Bauerngarten werkelte, in dem es vom Frühjahr bis zum Spätherbst an allen Ecken und Enden blühte, sprießte und knospte, lud mich oft an Winterabenden, wenn ich durchgefroren von der Uni kam, in ihre warme Stube auf ein Gläschen Quittenlikör ein. Mhmmmm… Und so was kannst Du selber???

    Von unserem Baum brachte ich später jedes Jahr einen Spankorb voller Quitten meiner persischen Mama, die davon Choresch-e beh kochte, einen Schmortopf mit gestückeltem Rindfleisch und Quitten. Nicht mein Lieblingsessen, zu zimtig für meinen Geschmack.

    Schade jedenfalls, dass Eure Quittenquelle erst mal versiegt scheint – oder zumindest versiegelt. Meine Mutter wäre auf jeden Fall in den letzten Jahren des Baums froh gewesen, wenn sie Abnehmer für die Quitten gefunden hätte. So viel Gelee konnten wir gar nicht essen …

  6. Martin sagt:

    Ich habe Dir heute noch Quitten aus Niederpoyritz mitgebracht, oder hast Du schon genug dieses Jahr? Martin

    • Muyserin sagt:

      Oha, lieber Martin, Du bist neu hier und bringst gleich Geschenke? Ich habe dieses Jahr gar keine Quitten gesammelt, würde mich aber tatsächlich sehr darüber freuen, da es noch viele Rezepte gibt, die ich gerne ausprobieren würde.

  7. Martin sagt:

    auf den Briefkasten habe ich sie gestellt.

    ob es reicht? ob Dich die dunklen Punkte stören? was wirst Du bereiten?
    Martin

    • Muyserin sagt:

      Woher weißt Du, wo ich wohne? (Kleiner Scherz.) Ich las Deinen Kommentar nachts um irgendwann. Da duftetet bereits das ganze Treppenhaus.

      Die dunklen Punkte stören mich nicht: das ist Schorf, ein ungefährlicher Pilzbefall. Sie bedeuten aber viel Arbeit, wenn man die Quitten per Hand schält. Was ich damit mache, weiß ich noch nicht; ich bekomme aber nächste Woche Besuch, mit dem ich sicher etwas Leckeres zubereiten werde. Selbstverständlich veröffentliche ich das hier auf dem Blog. Darf ich mich denn bei Dir mit einem Glas Irgendwas der 2009er Ernte bedanken?

      Wie kam’s eigentlich, dass Du geerntet hast? Bist Du einfach hin? Liegt noch viel dort? Fragen über Fragen …

      • Martin sagt:

        Nicht alle Bäume in Niederpoyritz gehören dem BUND. Vor Jahren erwarb ich mündlich die Konzession auf einer kleinen Fläche von den Zweigen stoppeln zu dürfen. Nein, es liegen kaum noch brauchbare Früchte dort. Dieses Obstjahr 2010 war auch garnicht gut.

        Ein Glas Irgendwas 2009? sehr gern. oder auch eine Kostprobe vom >Pâte de coing<, solltest Du Dich daranwagen. Ja, das wäre sogar gut, mein Versuch könnte mißlingen. Die Farbe! – die Farbe muß stimmen. Martin

        • Muyserin sagt:

          Schade. Nimmst Du mich nächstes Jahr mit? :)
          Und ob ich mich ans Quittenbrot gewagt habe: es war eine Riesensauerei, klappte überhaupt nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte – und war sehr lecker! :) Beweisfoto folgt …

          • Martin sagt:

            Hier ein Wunschfoto.

            [Anmerkung: ich habe mir erlaubt, den Link hinter dem Linknamen zu „verstecken“. ~ Muyserin]

          • Martin sagt:

            ‘Brot’ ? – ist es nicht eher ein ganz elegantes Dessert? zuvor gab es junge Wachsbohnen in Butter, wobei ein Teil des Bohnenkrautes erst hinzugefügt wurde, als die Bohnen schon in der Pfanne waren.
            ein Beweisfoto, von einer eingesauten Küche? vielleicht.

            ja, ich nehme Dich nächstes Jahr mit. Martin

        • Muyserin sagt:

          Brot oder nicht Brot, diese Frage wird in einem ausführlichen Eintrag, der morgen früh erscheint, erörtert.

  8. Pingback: Neue Quitten, neue Rezepte – meine Quittenmanie geht weiter | Journal ohne Ismus

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