Heimat entdecken – Horb

Mein ganzes Leben lang ließ ich es auf dem Weg nach Stuttgart links liegen. Gestern in der Nachmittagssonne thronte es so heiter auf seinem Felssporn, dass es frevelhaft schien, keinen Abstecher ins schwäbische Städtchen Horb zu machen.

Meine Mutter führte uns ein wenig durch die verschlafenen Straßen und Gassen. Das Parkhaus an der Liebfrauenkapelle kann man nur als Brachialtat der 80er Jahre bezeichnen. Gegenüber, im Schwäbischen hat eben alles seine Ordnung, ein Gardinengeschäft. (Es erinnert mich an die Vermieter meiner Eltern, die sich zeitlebens nicht mit unseren IKEA-Rollos anfreunden mochten und sich wunderten, dass wir ihr freundliches Angebot, uns „Schtors“ zu schenken, dankend ausschlugen).

Die Horber Restaurationen tragen Namen wie „Ochsen“, „Schiff“ und „Rose“, und der Geruch, der aus ihnen nach draußen dringt, ist beißend, eine Mischung aus Bier, Rauch und Holz. Vielleicht kommt daher die schwäbische Bezeichnung „Baiz“? Selbst das junge, tätowierte und gepiercte Personal geht für die Zigarettenpause an die frische Luft.

In der menschenleeren Stiftskirche oben am Marktplatz wirken gregorianische Gesänge vom Band seltsam deplaziert. Wir machen kehrt und wenden uns stadtabwärts. Entlang des sich windenden Weges in die Unterstadt sind die Gärtlein gehegt und gepflegt. Auf halber Höhe überrascht das Bürgerprojekt Kakteengarten. Horb hat einen jungen Oberbürgermeister; für das Jahr 2011 plant man mit dem sogenannten „Neckarblühen“ eine medienwirksame Gartenschau.

Auch Absonderliches findet sich in Horb: eine moderne Interpretation der Begegnung Ledas mit dem Schwan ist, nun ja, unsubtil. Vielleicht ist diese Plastik die späte Strafe dafür, dass die Horber im nahen Luziferturm der Hexerei verdächtigte Frauen einsperrten.

Ob Eiscafé Venezia in Rottweil oder Eisstube Prà in Biberach – allerorten stoße ich auf diese italienischen Familienbetriebe, die in den schwäbischen Städten wahrscheinlich schon in dritter oder vierter Generation betrieben werden. Im Horber Dolcetto kredenzt uns eine italienische Mamma mit unzeitgemäßen Zähnen Tramezzini, die über jeden Zweifel erhaben sind.

Übrigens: Auch eine gebürtige Leipzigerin in Horb bescheinigt der Stadt Charme.

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3 Antworten auf Heimat entdecken – Horb

  1. stefanolix sagt:

    Womit hast Du denn die Dia-Show zusammengestellt? Mit Picasa?

    Im Urlaub habe ich in der Zeitung gelesen, dass es eine regelrechte Vereinigung der italienischen Eiscreme-Betriebe in Deutschland gibt (den exakten Namen habe ich mir nicht gemerkt). Diese Vereinigung achtet wohl auch auf die Qualität und führt jährlich ein Treffen durch. Leider war aus dem Interview auch zu erfahren, dass wohl nur noch etwas mehr als zehn Prozent des Speiseeises wirklich handwerklich hergestellt werden. Der Rest wird industriell hergestellt.

    Die Diskussion um die »Schtors« gibt es in einem etwas anderen Dialekt auch in Sachsen ;-)

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