Palaver auf P1: Frauenfußball, Dresden und der Rest der Welt

Ich gebe ehrlich zu, dass ich nicht gerade begeistert war, als mich FIFA-Präsident Sepp Blatter zum Vorsitzenden der U-20- und U-17-WM-Kommission ernannt hat. Ich hatte halt noch den Zustand des Frauenfußballs vor 20, 30 Jahren im Hinterkopf. Das war ein andere Stil. Inzwischen denke ich aber anders. […] Heute kann man sagen: Es wird Fußball gespielt auf eine dynamische und elegante Art. Im Nachhinein bin ich dem Präsidenten dankbar und habe meine damalige Grundhaltung revidiert.

(Franz Beckenbauer, „Zeigt der Welt, wie attraktiv der Frauenfußball ist“, in:
Offizielles Programm FIFA U-20-Frauen-WM 2010 , S. 13.)

Dieses Beckenbauer-Zitat möchte ich einem Gespräch voranstellen, welches ich mit Martin Busche, einem Freund und Fußballkenner, während der beiden Partien Ghana-Südkorea bzw. Schweiz-USA am vergangenen Samstag die meiste Zeit lauthals schreiend führte und heute in einem Chat nochmals Revue passieren ließ.

Südkorea-Ghana im „gut besuchten“ Dresdner Stadion mit südkoreanischem Fanblock. Foto: Miss Lumix.

Südkorea-Ghana im „gut besuchten“ Dresdner Stadion mit südkoreanischem Fanblock. Foto: Miss Lumix.

Muyserin: Hallo Martin, das Spiel ist ja nun eine Woche her. Was ist Dir denn von den beiden Partien im Gedächtnis geblieben?

Busche: Die Stimmung, Tiefenentspannung und ein bisschen Verwunderung, wie gastfreundlich die Bürger dieser Stadt doch sein können. Das war prima!

Muyserin: Ja, das hat mir auch sehr gut gefallen. Es waren ja auffallend viele Frauen im Stadion, und wie wir anerkennend feststellen durften, sehr schick zurechtgemachte Frauen. Hatte dieser Umstand für Dich irgendeine höhere Bedeutung außer, „es war ein sehr heißer Tag“?

Busche: Nee, überhaupt nicht. Ich beobachte schon seit längerem, dass sich immer mehr Frauen für Fußball interessieren. Allerdings mehr aus Eventgründen. Ich gehe öfter mal zu den Spielen der Frauen-Bundesliga, dort gibt es fast keine Frauen als Zuschauer. Dort ist ja auch weniger los als in einem Stadion, wo Männer spielen.

Muyserin: Also, Du würdest nicht unbedingt behaupten, dass sich seit dem Sommermärchen 2006 und der WM in Südafrika der Fußball mehr und mehr auch für Frauen attraktiv gestaltet, wenn man Eventgründe (d.h. Grillen, Geselligkeit) außer Acht lässt?

Busche: Ich bin da skeptisch, das müsste man mal näher beobachten. Bei Dynamo Dresden zum Beispiel gibt es durchaus Frauen, dort ist aber auch Stimmung in der Bude. Wenn ich mir zum Beispiel den SC Borea Dresden anschaue (die spielen in den unteren Ligen), sind da bestenfalls die Spielfrauen. Wenn sich mehr Frauen für den Sport an sich interessieren würden, müssten von den knapp 100 Borea Zuschauern ja auch eine gewisse Anzahl interessierter Frauen sein, sind es aber nicht. Dennoch ist es natürlich so, dass deutlich mehr Frauen Spaß am Fußball haben; das sieht man an den wachsenden Frauenfußball-Vereinen mit einer eigenen Jugend

Muyserin: O.k., Du sprichst jetzt vom Fußball aus aktiver Sicht. Ich möchte noch eine Bemerkung zum Fußball aus passiver, also Zuschauersicht machen. Mir ist aufgefallen, dass ich beim Fußball eine tolle Möglichkeit habe, mich mit Herz und Hirn völlig einer Sache zu widmen, die für mein reales Leben keinerlei Konsequenzen hat. D. h. für 90 Minuten schenke ich meine Aufmerksamkeit und meine Nerven, meine Stimmbänder und mein Adrenalin einer Sache, die völlig willkürlich ist. Das ist für mich das Großartige am Fußball-Gucken bzw. Gucken-Gehen. Das gleichzeitig Spielerische und Artifizielle, weil Losgelöste der Situation.

Busche: Definitiv, dieses Gefühl ist sicher geschlechtsunabhängig. Ich schaue mir oft Spiele des VFL Bochum an und singe dort gerne das Vereinslied und Bochum von Grönemeyer mit. Ich feuere auch an. Das alles natürlich innerhalb der 90 Minuten. Dann bin ich voll da, danach beginnt das normale Leben.

Aber lass mich noch einen Satz zum Frauenfußball sagen. Ich denke, es ist eine Frage der Zeit. Früher war Fußball gesellschaftlich ja schlecht angesehen. Da gingen die besseren Kreise nicht hin. Heute kommt auch Angela Merkel, und nicht nur, weil sie Kanzlerin ist, sondern weil sie sich auch auskennt. Das merkt man. Meine Nichte zum Beispiel ist 16 und ab und an mit ihren Freundinnen zum VFL. Mitten unter den Fans. Es gibt ein Lied von Ina Deter, da heißt es „Frauen kommen langsam, aber gewaltig“. Ich denke, das gilt auch für den Fußball.

Muyserin: Womit wir vielleicht mal die aktive Seite streifen sollten. Als Frauenfußball-Neuling hat es mir gut gefallen, auf dem Rasen Frauen bei athletischen Bewegungen zu beobachten, beim Kämpfen. Das war weder so inszeniert aggressiv wie Schlammcatchen noch so ätherisch-feminin wie Ballett, also angenehm klischeefrei, was den Einsatz der weiblichen Körper betraf. Wie siehst Du das?

Busche: Ich bin ja selbst nicht der körperbetonteste Mensch. Insofern spielt das für mich nicht so eine Rolle. Mir ist es auch relativ egal, ob die hübsch sind oder nicht. In den Fußballklamotten sehen eh alle gleich aus. Klar, Frauen haben andere Körper als Männer und deshalb machen sie andere Sachen anders. Für mich war wichtig, dass alle Mannschaften, die ich gesehen habe, technisch gut gespielt haben, dass die Spiele spannend waren.

Muyserin: Ich wollte auch gar nicht darauf anspielen, ob die Spielerinnen nun gängigen Schönheitsidealen entsprachen. Es geht mir mehr um die Art, wie Körper eingesetzt wurden. Einen Unterschied konnte ich ja feststellen: im Zweikampf gab es immer wieder diese Geste der hochgenommenen Arme – es wird eben da geschützt, wo man empfindlich ist. Das sind ja im Männerfußball diese immer (zumindest aus weiblicher Sicht) leicht ins Komische abdriftenden Schutzgesten beim Freischuss …

Busche: Du sprichst da doch einen spannenden Punkt an. Nämlich den Unterschied zwischen Frauen- und Männerfußball, der natürlich mit den unterschiedlichen Körpern zusammenhängt. Für Männer scheint es immer so, als ob Frauenfußball meist körperlos gespielt wird. Das irritiert auf den ersten Blick, weil es in der Männerwelt verpönt ist. Der Grund dafür liegt aber eben nicht im mangelnden Einsatz der Frauen. Sie spielen Fußball anders. Technischer zum Beispiel, weil oft ja auch die Kraft zum Grätschen fehlt.

Das aber durchaus der Körper eingesetzt wird, konnten wir beide in der Szene des Spiels USA gegen Schweiz sehen, als die Nummer 14 der USA [Meg Morris] die Nummer 19 der Schweiz [Rahel Kiwic] quasi abgeräumt hat.

Muyserin: Ja, ich erinnere mich an die Szene. Das war gleichzeitig komisch und gemein und hat ja gleich eine gelbe Karte nach sich gezogen, zumal es der Spielstand – ein 5:0 – gar nicht rechtfertigte. Da ging auch ein missbilligendes Raunen durch das Stadion. „Wuchtbrumme gegen Bambi“, wie wir in völliger political uncorrectness urteilten.

Busche: Du, bitte schön. Ich nicht, ich merkte nur an, sie habe Beine bis zum Lichtschalter, und du fandest das nicht komplett korrekt. Aber was ich sagen wollte. Männer und Frauen haben unterschiedliche Voraussetzungen aufgrund ihrer Konstitution und spielen deshalb anders. Ergo: Frauen- ist mit Männerfußball nur schwer vergleichbar.

Muyserin: Erklär mal genauer, was Du damit meintest, Frauenfußball sei technischer.

Busche: Na ja, Männerfußball ist oft Kampf. Es wird geschubst, getreten, geschlagen, umgestoßen, vieles geht mit Körperkraft. Bei Frauen ist das anders. Dort spielt die körperliche Kraft nicht die Rolle.

Was übrigens peinlich war und du ja auch bemerkt hast: Diese Mogelei bei den Zuschauern. Anstatt sich einzugestehen, dass die U-20-WM mit eher mäßig spannenden Mannschaften halt nicht die Massen mobilisiert, wird peinlich bei den Zuschauern gelogen. das muss nicht sein

Muyserin: Zum Hintergrund: am Ende der Veranstaltungen wurde eine Durchsage gemacht, es seien heute über 17.000 Zuschauer dagewesen.

Busche: Völlig absurd!

Muyserin: Wir sahen beide Spiele und fanden die Zahl angesichts des 32.000 fassenden Stadions übertrieben. Der riesige K-Block, der eine Schmalseite einnimmt, war ja vollkommen leer, und der Rest etwa halbvoll. Wie findest Du eigentlich die Einrichtung des K-Blocks? Was hat sich für Dich bei Dynamo-Heimspielen verändert, seit es ihn gibt?

Busche: Grundsätzlich sagt der Fan mit Verstand: „Sitzen ist für’n Arsch“, und der K-Block ist der einzige Stehblock im Stadion. Deshalb ist er gut. Dennoch kann man nicht hin, weil Dynamo extrem viele Schwachmaten-Fans hat, die sich dort versammeln. Für mich ist das deshalb Tabuzone. Das hat aber den positiven Effekt, das in den anderen Bereichen weniger Nervköppe sitzen, weshalb ich einen Besuch im Stadion durchaus empfehlen kann, nur eben weit weg von den Fans.

Muyserin: Und die vielen Maßnahmen, über die man in den Medien liest, haben daran nichts geändert?

Busche: Früher konnte man gar nicht hin, weil man ständig diesen Idioten begegnete. Heute kann man ihnen ausweichen. Es dringt nichts Rechtsradikales mehr aus dem Block. Die fahren die Juden jetzt quasi intern nach Auschwitz. Du kennst das Lied?

Muyserin: Nee. Weiß auch gar nicht, ob ich es kennen will.

Busche: Ja, so’n Hassgesang, 2006 in den Straßenbahnen zur WM gehört und in Dresden gerne gesungen. Die Faschos sind sicher alle noch da, aber eben leiser. Es wird von denen halt so gesungen. Ist scheußlich, logo. Aber nichts Ungewöhnliches in Block K und sicher keine Nur-Dresden-Erscheinung.

Muyserin: Zurück zur U-20-WM. Du fandest es peinlich, wie wenige da waren. Erklär mal.

Busche: Na ja, es handelt sich um eine WM im absoluten Nummer-Eins-Sport des Landes. Da spielen die Besten der Besten, auch wenn sie jünger sind. Außerdem wurden die Karten verschenkt und galten für zwei Spiele. Es kostet also 0,00 Euro. Und dennoch kommt kaum jemand. Und weißt du, warum? Weil es Frauen sind. Die A-Jugend-WM der Männer, also die bis 18 Jahre, wäre besser besucht.

Muyserin: Dessen bist Du Dir sicher?

Busche: Definitiv, habe einige A-Jugend-Endspiele um die Deutsche Meisterschaft gesehen, da kommen bedeutend mehr. Auch zum DFB-Pokalspiel der Frauen 2009 in Berlin sind 2000 Zuschauer gekommen, obwohl 80.000 Karten dafür hatten, weil danach das Männerspiel war.

Muyserin: Was müsste Deiner Meinung nach geschehen, verbandsseitig und auch in den Köpfen der Männer und Frauen, um den Frauenfußball als Sportart weiter zu etablieren?

Busche: Es tut sich was: Das DFB-Pokalspiel ist jetzt nicht mehr in Berlin bei den Männern, sondern eine eigene Veranstaltung. Das ist gut und war sehr erfolgreich. Auch im DFB scheint es doch mittlerweile mehr Interesse für Frauenfußball zu geben, sicher auch weil er so gut geworden ist. Dem Frauenfußball rate ich nur eines, ihr Spiel machen, ihre eigene Spielweise finden und sich so selbstbewusst dieses tolle Spiel erobern. Neben den Männern, als eigene Disziplin sozusagen.

Muyserin: Sehe ich genau so. Wirst Du morgen zum Spiel gehen? Was ist Dein Tipp?

Busche: Ich weiß noch nicht, ob ich gehe. Mexiko gegen Südkorea ist mäßig spannend. Kein Tipp: Es ist mir relativ egal, wer da gewinnt.

Muyserin: Und wer wird U-20-Weltmeister?

Busche: Die USA waren schon ziemlich gut, aber entgegen meiner sonstigem Gewohnheit halte ich beim Sport durchaus zu Deutschland. Die sollen es also werden.

Muyserin: Möchtest Du abschließend noch was sagen?

Busche: Es ist ein wenig schade, dass diese Stadt in puncto Frauenfußball so wenig zu bieten hat. Ich gehe da sehr gerne hin und schaue interessiert zu. Es macht Spaß und lohnt sich sehr. Wenn jemand also mal die Gelegenheit hat, nur zu.

Muyserin: Ja, ich habe auch Blut geleckt. Speziell Sydney Lerouxs Talent hat mich begeistert. Martin, ich danke Dir für das Gespräch.

Sein erstes Fußballspiel erlebte Martin Busche mit sechs Jahren – sein Vater hatte ihn ins Bochumer Ruhrstadion mitgenommen („Die Stangen am Drehkreuz waren höher als ich!“).
Ein lieber Gruß an dieser Stelle gilt auch meiner kompetenten Fußball-Fachfrau Katja, die mich zum Spiel begleitet hat und heute ihren verdienten Urlaub genießt.
Dank gebührt auch dem Blechkopp, der die Freikarten verschenkte.
Dieser Beitrag wurde unter Damenhygiene, Dresden, Le Weekend abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.