Ein Tag in Leipzig: ALESSI, Grassi, Bach

Grassi-Museum, Leipzig. Foto: JMK

Grassi-Museum, Leipzig. Foto: JMK

Wandersfrau, kommst du nach Leipzig, versäum‘ nicht im Grassi die Glaskunst!
Kunstvolle Formen, so schön, kannst im Museum dort seh’n.

Wenn man schon mittels eines Distichons eine Ausstellung ans Herz gelegt bekommt (in diesem Fall stammte der Hinweis von einem gewissen „Homer38“ aus meinem familiären Umfeld), sollte man sie nicht versäumen. So kam es, dass ich vor zwei Wochen einen Ausflug nach Leipzig machte, um im Grassi-Museum für angewandte Kunst die aktuelle Sonderausstellung Gefangenes Licht. Deutsche und internationale Glaskunst seit 1960 zu besuchen.

Selten sah ich eine Ausstellung, in der die ausgestellten Werke und der Ausstellungsraum eine so unerwartete, gelungene Wechselwirkung eingingen. Die durchweg zeitlos scheinenden Glasobjekte der letzten 50 Jahre fügten sich ganz selbstverständlich in die Vitrinen der dreieckigen Art-Déco-Pfeiler ein, deren blau-rot-goldene Farbigkeit das kostbare Leuchten der Objekte unterstrich. Mit Sicherheit ist die restaurierte Pfeilerhalle im Grassi einer der beeindruckendsten Ausstellungssäle Deutschlands.

Die Namen der Glaskünstler waren mir allesamt unbekannt; nennen möchte ich jene, deren Stücke mich besonders ansprachen. Gabriele Küstner haucht der alten Millefiori-Technik neues Leben ein; ihre geheimnisvoll dunkle Glasdose, deren Oberfläche wie aus Holz geschnitzt wirkte, gab zugleich das Erkennungsmotiv der Ausstellung ab.

Gabriele Küstner, Glasdose. Bild: Grassi-Museum, Leipzig.

Gabriele Küstner, Glasdose. Bild: Grassi-Museum, Leipzig.

Ähnlich der 2004 verstorbene Kyohei Fujita: zu seinen Lebzeiten schuf er Glasobjekte, die zugleich monolithisch und grazil wie lackierte Schmuckdöschen anmuten. Ihre geometrischen Grundformen sind mit organischen, mosaikartigen Mustern überzogen. Bei mir wecken sie Begehrlichkeiten: man möchte einfach ihr Leuchten, ihre Farbigkeit berühren. Wolfgang Schmids Ginkgo-Vase ist ein gelungener Hybrid: das florale Motiv in Tiefschnittgravur erinnerte an Jugendstildekor, die Form kontrastierte mit ihrer nüchternen Reduziertheit. Der Bulgare Ioan Nemtoi war mit großen Vasen in warmen, abstrakt nebeneinander gesetzten Farbtönen vertreten. Otto Schindhelms interessante Objekte repräsentieren die Thüringer Glaskunst, die sich mit dem Namen Lauscha verbindet.

Die Ausstellung war angenehm überschaubar gehalten, so daß noch genügend geistige Reserven für einen Spaziergang durch einen der Innenhöfe des Grassi in die gegenüberliegende Ausstellungshalle vorhanden waren. Statt der überbordenden Farbigkeit der Pfeilerhalle nun nüchternes Weiß und Silber Platz: die ALESSI Tea & Coffee, Piazza & Towers bot -zig international namhaften Künstlern die Gelegenheit, sich an einer etablierten, bürgerlichen Form – dem gemeinen Kaffeegedeck bzw. Teeservice, bestehend aus zwei Kannen, Zuckerdose, Milchkännchen – auszutoben und zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen zu gelangen, die von ultrareduziert-futuristisch (z. B. Zaha Hadid) bis postmodern-verspielt (z. B. Stanley Tigerman) ein weites Spektrum abdeckten. Eine Übersicht aller Ergebnisse findet sich auf der ALESSI-Homepage (sechs Seiten zum Durchklicken).

ALESSI Tea & Coffee. Bild: Grassi-Museum, Leipizig.

ALESSI Tea & Coffee. Bild: Grassi-Museum, Leipizig.

Eine zufällige Brücke zur Glaskunst schlug, in meinen Augen, zum einen Will Arets thermoplastisches Service, das wie mit Glas überfangen wirkte; zum anderen das großartig biomorphe Service von Greg Lynn, dessen regenbogenartig schillernde Titanoberfläche sich wie eine erblühende Blüte ausbreitete.

Apropos Service – wie spricht man es denn nun aus? Sicher nicht englisch: [’sø???v?s], etwa wie „der Service“ im Dienstleistungssektor. Doch so oft schon habe ich gehört, wie umgangssprachlich vom französischen [z??’vi?s] das „s“ am Ende unterschlagen wird, daß ich wider besseres Wissen verunsichert war. Nun weiß ich’s, ein für alle Mal: Betonung auf der zweiten Silbe, mit langem „i“ und stimmlosem „s“!

Von der Tisch- zur Esskultur: Das Museumscafé und -Bistro im Grassi hat einen neuen Betreiber: Michaelis. Das ansprechende Ambiente wurde beibehalten: aus der graphitgrauen Wandbemalung leuchtet die Reproduktion eines (wahrscheinlich) niederländischen Stilllebens hervor, das von einem schönen Orientteppich komplementiert wird.

Überzeugen konnte das Mittagsangebot, die sogenannte „Kunstpause“: für 7,90 € gab es ein Hauptgericht plus Nachspeise. Wir entschieden uns zum einen für Pangasiusfilet mit Wirsinggemüse und Kartoffeln. (Warum kommt etwas so Leckeres wie Wirsing nicht in meinem Kochrepertoire vor? Das muß sich ändern.) Zum andern für Parmesan-Ricotta-Ravioli mit Spargelragout und Mesclunsalat; hernach frische Erdbeeren. Es war köstlich!

Jedoch: Mesclun? Einmal mehr begeistert mich das Reisen mit Smartphone, denn schnell war geklärt, daß es sich um eine bunte Mischung junger Blattsalate handelt. Ich bin unentschieden, ob man das nicht anders hätte umschreiben können, bei aller Liebe zu Fremdwörtern gerade in der Kulinarik, die ja oft genug etwas über die Herkunftsgeschichte eines Gerichtes oder Nahrungsmittels verraten.

Langsam schlug die Müdigkeit durch: der Tag hatte ja früh begonnen, um nicht den musikalischen Gottesdienst zu versäumen, den das Vocal Concert Dresden e. V. sowie das Dresdner Instrumental Concert im Rahmen des Bachfest 2010 in der Nicolaikirche gestalteten. (Ich war beeindruckt von der zumindest teilweisen Zweisprachigkeit der Messe, die von der Vikarin auf Englisch vermittelt wurde.)

Zum Glück bilden die Grünanlagen des Grassi-Museums trotz dessen zentraler, innerstädtischer Lage eine Oase der Ruhe. In den Innenhöfen gibt es Bänke und Grasflächen, wo man sich unbehelligt vom (Kunst-)Genuss erholen kann.

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