„Quartiere“ am Dresdner Neumarkt – kritische Fragen zu einem Begriff

Fama mit Neumarkt Dresden. Foto: sky#walker (Henning Leweke), „Angel in the Mirror“ (via flickr)

Fama mit Neumarkt Dresden. Foto: sky#walker (Henning Leweke), „Angel in the Mirror“ (via flickr)

Angeregt durch die Fotografien eines unermüdlichen Chronisten des Dresdner Baugeschehens, möchte ich die Frage in die Runde werfen, warum die den Neumarkt umgebenden Areale „Quartiere“ genannt werden? Immerhin diskutieren wir hier über Architektur, weil sie die Qualität unserer Wahrnehmung von Stadt mitbestimmt. Aber auch die Sprache hat hierauf einen Einfluss. Hinsichtlich des Begriffs „Quartier“ ergeben sich für mich folgende Fragen:

1. Seit wann gibt es diese Bezeichnung für die Parzellierung am Dresdner Neumarkt? Ist sie historisch gewachsen, stammt also aus der Zeit der ursprünglichen, barocken Bebauung? Oder ist sie eine Schöpfung der Gegenwart (was ich vermute)?

2. Wie spricht der gemeine Dresdner das Wort aus? Französisch mit langem „e“ am Ende, wie das Pariser Quartier Latin? Oder deutsch, mit langem „i“ am Ende, wie die Lübecker Quartiere? Im Deutschen wird „Quartier“ doch eher als Bezeichnung für eine Unterkunft verwendet. Soll das also eine Reminiszenz an die vielen Hotels der Gegend sein, oder aber durchaus euphemistisch die Tatsache verschleiern, dass der wiedererstehende Dresdner Neumarkt wohl nicht die klassische Wohngegend werden wird?

3. Überdies hat das Wort „Quartier“ auch eine militärische Konnotation, ein Eindruck, der durch die Beifügung römischer Zahlen noch unterstrichen wird. Insgesamt eher unpersönlich, wie ich finde. Wer einquartiert wird, kann auch wieder ausquartiert werden. Welche Alternativen wären denkbar?

Über Antworten auf der Suche nach der Begriffsgeschichte würde ich mich freuen.

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7 Antworten auf „Quartiere“ am Dresdner Neumarkt – kritische Fragen zu einem Begriff

  1. randOM sagt:

    1. Ich VERMUTE, weiß es aber nicht, dass “Quartier” eine reine Marketing-Floskel ist, die eine gewisse “Wertigkeit” herbei reden soll (s. auch 2.)

    2. Ein klares “Ja”, was die Verschleierung betrifft. Aussprechen werden es, bis auf die Frankophilen, wohl alle deutsch, wobei bei der Benamsung höchstwahrscheinlich Paris als Vorbild gedient hat.

    3. Stimmt zwar, wäre ich aber nicht drauf gekommen. Die militärische Konnotation drängt sich mir eher nicht auf. Liegt wohl daran, dass ich nicht bei der “Fahne” war. Letztendlich wäre das wohl in der Albertstadt naheliegender.

    • Muyserin sagt:

      Ich habe meine erste Frage auch der Gesellschaft historischer Neumarkt gestellt. Bin gespannt, ob und wie man mir antworten wird.

      Die militärische Konnotation war sicher nicht beabsichtigt, im Gegenteil. Man kann ja über das augusteische Dresden viel Gutes sagen, aber als Heerführer scheint er nicht sonderlich kompetent gewesen zu sein. Gerade deswegen finde ich diese Konnotation so unfreiwillig komisch. (Ich war übrigens auch nicht bei der Fahne.)

  2. torsten sagt:

    Etymologisch gesehen ist ein Quartier ein Viertel und zwar zunächst durchaus im mathematischen Sinn. Das Stadtviertel wurde damit erst im 15/16.Jh gemeint.

    Der Grund aus dem der Neumarkt als Quartier bezeichnet wird, ist m.E. der selbe aus dem hässliche Häuser in denen man einkaufen kann, als Passage bezeichnet werden: Architekten und Stadtplaner sind sich über die geringen (städte-) baulichen Qualitäten bewusst, glauben aber, sich und den Rest der Menschheit durch schöne Worte blenden zu können.

    • stefanolix sagt:

      Hässliche Häuser, in denen man einkaufen kann, heißen in Dresden »Galerie« ;-)

      Es gibt in Leipzig übrigens auch schöne Passagen (und dort speziell auch die »Höfe«). Ich finde es bei jedem Besuch wieder lustig, dass meine medizinische Muckibude [der Begriff ist von Frau Kaltmamsell geprägt] in Leipzig ausgerechnet in »Specks Hof« beheimatet ist.

  3. stefanolix sagt:

    Im Grunde waren es ja vorher Grabungsfelder. Sie wollten dann erst »Baufeld« dazu sagen, aber »Quartier« klang besser ;-)

    Dann fällt mir noch ein, dass es den Begriff Quartiersmanagement gibt. Er bezieht sich zwar primär auf Stadtteile mit sozialen Problemen. Aber warum soll es nicht auch andere Arten des Quartiersmanagements geben?

    Ich war zwar zum Grundwehrdienst, aber »Quartier machen« kam bei uns wohl nicht vor. Doch, einmal: als wir in die Produktion abkommandiert wurden und monatelang im ehemaligen Tanzsaal eines Dorfgasthofs nächtigten.

    • Muyserin sagt:

      Konnte man nachts die Gespenster Polka tanzen sehen?

      • stefanolix sagt:

        Soldaten im Dorfgasthof — das war damals eine ungeahnte Freiheit. Ich war sonst in der Kaserne in Frankenberg stationiert und da wollte man nicht wirklich sein …

        Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was die Gespenster in Geringswalde getanzt haben. Ich habe mich an anderen Dingen erfreut ;-)

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