Eine der Hochzeiten, auf denen ich zuletzt Gast war, fand in einem für solche Zwecke bestens bekannten (wenngleich nicht tadellos beleumundeten) Dresdner Etablissement statt. Gemessen an der Zahl der Feiern, die dort übers Jahr stattfinden, sollte eigentlich alles routiniert seinen Gang gehen.
Das Essen: zu wenig, zu schlecht, zu geizig
Stattdessen: die Antipasti waren so knapp bemessen, dass die Platten leer waren (und es auch keinen Nachschub gab), ehe alle in der Warteschlange sich bedienen konnten. Die Hauptgerichte hatten allesamt Mensa-Niveau. Und das Dessert entpuppte sich als einlagiger (!) Tiramisu, der so wenig durchtränkt war, dass die Löffelbiskuits beim Hineinstechen knirschten. Der mangelnde Mascarpone wurde durch eine völlig überdimensionierte Kakobestäubung kaschiert, die dazu führte, dass man beim Hinunterschlucken kleine, braune Staubwölkchen hustete. Ach ja, und da die Klimaanlage nicht imstande war, die irren Temperaturen in dieser Julinacht zu bewältigen, saßen wir bald bei lauwarmem Weißwein da, weil man ihn aus Bequemlichkeit auf die Tische gestellt hatte, statt nachzugießen.
Das „Spielzimmer“: die Rumpelkammer
Für die zahlreichen Kinder hatte man vollmundig ein Spielzimmer in Aussicht gestellt, was sich als gefährlich vollgestellte, dustere Abstellkammer erwies. Beim Versuch, mit dem Kinderwagen den Raum zu betreten, musste ich persönlich ein schweres Bierfass beiseite wuchten, an dessen metallenen Stanzkanten ich mir die Finger blutig schnitt. Als ich mit tropfender Hand an die Theke ging und um erste Hilfe bat, war nicht einmal ein Pflaster ausfindig zu machen, von Worten des Mitgefühls oder der Entschuldigung ganz zu schweigen.
Ein bedauerlicher Ausrutscher?
Nun könnte man ja vorbringen: jeder hat mal einen schlechten Tag. Aber abgesehen davon, dass es sich bei einer Hochzeit zumindest für die Meisten um eine einmalige, unwiederbringliche Erfahrung handelt, für die ein Brautpaar viel Zeit, viel Geld und viele Nerven investiert, war dies beileibe kein Einzelfall.
Einige Jahre zuvor war ich dort schon einmal Gast einer Hochzeit gewesen. Damals war das Kartoffelgratin roh auf unseren Tellern gelandet. Und eine im selben Haus parallel feiernde Hochzeitsgesellschaft wurde just dann von einer trommelnden Sambatruppe beglückt, als unser Brautpaar seinen Hochzeitswalzer spielte. Der Veranstalter wies jede Verantwortung von sich.
Die Lokalität ist wirklich wunderschön, kann hinsichtlich Architektur und Natur punkten, und daher wird der Veranstalter auch weiterhin mit einer guten Auslastung rechnen können.
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Beruf als Berufung: Gäste verwöhnen
Traurig ist es dennoch, denn gestern waren wir auf einer Hochzeit, wo wir erleben durften, wie es sich anfühlt (und das Wort Gefühle muss man schon benutzen, weil einem richtig warm ums Herz wurde), wenn Menschen ihren Beruf zur Berufung machen, wenn ein Gastgeber sich das Wohlergehen seiner Gäste auf die Fahnen schreibt und das bis ins kleinste Detail spürbar wird.
Dauerregen ohne Dauerfrust
Auch dieses Etablissement, ca. eine halbe Stunde Autofahrt außerhalb Dresdens gelegen, kann eigentlich mit schöner Lage punkten. Doch dieser Aspekt fiel gestern den ganzen Tag weg, weil es von früh bis spät regnete. Mal ein sanftes Nieseln, mal ein Schütten wie aus Kübeln, waren die umliegenden Wiesen bald in Seen verwandelt. Dies bedeutete, dass die ca. 100 Hochzeitsgäste einen ganzen Tag lang im Festsaal, einer umgebauten Scheune, eingepfercht waren. Dennoch von Verdruss keine Spur.
Mittendrin und doch für sich: die ideale Spielecke
Es gab eine Spielecke, die simpel, aber effektiv war, weil sie sich im selben Saal wie die Eltern befand, und Kinder eben meistens dort sein wollen, wo die Erwachsenen feiern. Die Wirtin persönlich kam mit einem Arm voller Tummelkissen an (und ohne dass man sie gebeten hätte). Eine nette Geste, oder?
Außerdem wurde uns ein separater Raum zugewiesen, in dem Sessel und Bänke sowie ein Tisch standen, wo man sein Kind wickeln (eine dicke Decke als Unterlage fand sich ebenfalls), stillen, füttern oder einfach zur Ruhe bringen konnte.
Bunte Truppe, super Service!
Das Personal: eine bunt gemischte Truppe, von einer zarten Abiturientin bis zu einer gestandenen Latina, aber allesamt professionell. Wir saßen nie vor leeren Gläsern! Zu keinem Zeitpunkt wirkten sie gestresst, stets waren sie freundlich und allen Eltern-Sonderwünschen gegenüber offen. Sie waren sogar des öfteren zu Scherzen aufgelegt, was ich als Geste werte, dass jemand Spaß an seiner Arbeit hat.
Vom Kräutergarten direkt auf den Tisch
Kommen wir zum Essen. Das Antipasti-Buffet war hübsch angerichtet und mundete sehr, sehr fein. Ein paar Beispiele? Aromatischer Wildkräutersalat (aus dem eigenen Kräutergarten) mit Minze und Waldmeister sowie zwei interessanten, hausgemachten Dressings; knackiger Spargelsalat mit sonnengetrockneten Tomaten (wird definitiv nachgemacht); hauchzarter Vitello Tonnato, alles in kleinen Portionen präsentiert, die stets nachgefüllt wurden, ehe man sich’s versah.
Es gab zwar nur eine Suppe, aber eine mit vielen Geheimnissen: war das Kartoffelsuppe? Nein, Karotten-, ach i wo, Süßkartoffel-, mit Curry, nein Honig, Quatsch, Zimt! – jeder schien etwas anderes herauszuschmecken, aber alle schwärmten.
Als Hauptgericht entschied ich mich für Fisch mit Nudeln: der Lachs in Tomatensauce au point, die Spinattagliatelle al dente. Die Vegetariervariante bestand aus gebutterten Frühjahrskartoffeln, Gemüseallerlei mit sautierten Radieschen sowie Couscous und Spitzkohlgemüse. Alles punktgenau gegart und kreativ gewürzt.
(Zu den Desserts kann ich nichts sagen, da wir leider früher aufbrechen mussten.)
Routiniert und doch jedes Mal ein Ansporn
Das Etablissement geht übrigens in sein 18. Jahr, erfuhr ich von der charmanten Wirtin, die sich über meine Komplimente die Küche und den Service betreffend wie ein kleines Mädchen zu freuen schien. Von Ermüdungserscheinungen und liebloser Routine keine Spur.
Vielleicht ahnt ja der Eine oder die Andere unter meinen LeserInnen, um welche Lokalitäten es sich handelt. Die Empfehlenswerte gebe ich gerne öffentlich preis. (Nachtrag: hiermit geschehen mittels Link im Text.) Die Andere ausschließlich privat – schließlich solle es auf dem Journal ohne Ismus um „lauter gute Nachrichten“ gehen.
Wo gibt’s denn sowas? LeserInnentipps gefragt
Außerdem interessiert mich: Hochzeit, Taufe, Geburtstag – wo lässt sich hierzulande auch schön feiern? Was kann man empfehlen?
(Zumindest eine Empfehlung habe ich noch parat, diese möchte ich aber in anderem Zusammenhang erwähnen.)