„So geht sächsisch“? Notizen zur Bestattung von Khaled Idris Bahray

Ein Satz in einem Zeitungsartikel zur Bestattung des getöteten Asylbewerbers Khaled Idris Bahray stimmt mich sehr nachdenklich:

„Der 20-Jährige hatte in Dresden gewohnt, dort sei aber keine islamische Bestattung im Tuch möglich […]“

Daher fand die Beisetzung vergangenen Samstag in Berlin statt. Aus irgendeinem Grund fällt mir ein (fälschlicherweise Mahatma Gandhi zugeschriebenes) Sprichwort ein:

„The greatness of a nation and its moral progress can be judged by the way its animals are treated.“

Ich finde, Ähnliches lässt sich über unseren Umgang mit Toten sagen, der viel über den Wert verrät, welchen wir ihnen als Lebende beimaßen.

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Leserbrief an die Sächsische Zeitung vom Wochenende zum Thema Aufnahme von Flüchtlingen:

„[…] Die Straßen sehen aus wie Sau. […] Bevor man so etwas plant, sollte man wohl eher mal die wirklich wichtigen Sachen angehen.“

*

Warum ist eine Bestattung nach islamischem Ritus innerhalb Deutschlands mal möglich, mal nicht? Verstößt das nicht gegen den Grundsatz, dass niemand aufgrund seines Glaubens benachteiligt werden darf? Vielleicht nicht de iure, sicher aber de facto. Die Probleme im Umgang mit Fremden ziehen sich über deren Tod hinaus.

*

Die zunächst mysteriösen Todesumstände des Asylbewerbers scheinen ja mit der Festnahme seines Mitbewohners geklärt, auch wenn z. B. ein taz-Artikel weiterhin reißerisch titelt: „Verdacht gegen Verdacht“.

Mein Trauer für diesen Fremden bleibt von der neuen Faktenlage unberührt. Selbst wenn sich in Khaleds Blut „laut Obduktionsbericht ‚große Mengen‘ Drogenrückstände“  fanden, glaube ich nicht, dass sein Leben hier eine einzige große Party war. Nochmal die taz:

„‚Die sitzen wochenlang in der Wohnung und schlafen den ganzen Tag, ohne Kontakt zur Außenwelt.‘“ Etwa 200 Asylbewerber leben in Prohlis, 1,5 Betreuerstellen gibt es für sie, einer ist derzeit krank. Die Flüchtlinge, oft sehr jung, teils traumatisiert, sind sich selbst überlassen.“

Khaled hatte eine Mutter, die ihn zur Welt brachte, Hoffnungen für  ihn hatte, ihn durchs Leben gehen und glücklich werden sehen wollte.

Ein paar Seiten weiter seine Todesanzeige:

„Er suchte eine Zukunft und ein Leben in Freiheit.“

Der schlichte Satz berührt mich sehr. Das ist die Tragödie. Darum geht es für mich  im Kern, ungeachtet aller Umstände. Daher trauere ich mit Khaleds Familie, ungeachtet aller Umstände.

Die Unterzeichnenden sind AWO, Ausländerrat, Caritas und Flüchtlingsrat. In meinen Augen eine, wenn auch kleine, so doch wichtige Geste. In Dresden wird kein Grab an Khaled Idris Bahray erinnern.

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Gegen Gewalt an Kindern: Opfer-Telefon des Weißen Rings

Als ich vergangenes Jahr über meine Erfahrungen mit Gewalt gegen Kinder schrieb, war ich etwas ratlos, wem man dies am besten melden solle und fand, dass im Internet auf die Schnelle erstaunlich wenig konkrete Ratschläge und Hilfsstellen auffindbar waren.

Opfertelefon_WeißerRing

Das Opfer-Telefon des Weißen Rings.

Durch eine Plakataktion des Weißen Rings stieß ich nun auf deren Opfer-Telefon, dessen Nummer 116006 ich mir auf jeden Fall in meinem Telefon abspeichern werde.

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Nicht mehr alle Tassen im Schrank oder: Warum man hier auch weiterhin eher über schöne Gegenstände als hässliches Zeitgeschehen lesen wird

Nachdem meine kleine Familie und ich jüngst von Gastroenteritis gebeutelt wurden (so heftig, dass meine beiden Augen trotz Genesung auch Tage später blutunterlaufen sind), führte mich mein erster Auftrag auf wackligen Beinen in eine Ausstellung, über die ich gerne ein wenig ausführlicher berichten möchte, wenn sich die Chance ergibt.

Alle Tassen im Schrank: Ausstellungsexponat im Deutschen Hygiene-Museum.

Alle Tassen im Schrank: Ausstellungsexponat im Deutschen Hygiene-Museum.

Hin und weg war ich jedenfalls von diesem Tassen-Stilleben im Rahmen der Schau. Niemand sah hin, als ich ins Regal griff, um den Unterboden der Tassen auf Herstellerangaben zu untersuchen, und ich bin mir fast sicher, niemand hätte bemerkt, wenn dort plötzlich zwei Tassen weniger stehen würden. Ich war in der Tat magisch angezogen von diesen Designs aus meiner Kindheit. Aber auch eine Elster wie ich verfügt über so etwas wie Berufsehre (man will ja am Ende nicht etwa als Repräsentant der Lügenpresse dastehen).

Apropos „nicht mehr alle Tassen im Schrank“: mich beschäftigt das Zeitgeschehen hier in Dresden immens, wenngleich widerwillig. Wenige Monate, nachdem ich „meinem“ Dresden so etwas wie eine Liebeserklärung machte, weiß ich nicht mehr, ob ich hier noch leben will, sollte der Kleingeist die Oberhand gewinnen. Aber diese endlosen (fruchtlosen?) Diskussionen in mein Journal zu hieven, welches doch ein Ort für gute Nachrichten sein will? Ich bringe es nicht über mich. Außerdem habe ich das Gefühl, mich auf Twitter zu diesem Thema effektiver vernetzen zu können. Wer mir folgen will: @Muyserin.

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Schwäbisches Soulfood: Kässpätzle mit Weißbier

Über die Weihnachtstage erlebte ich die schlimmste Erkältung, an die ich mich „meiner Lebtag“ erinnern kann. Bis auf Fieber nahm ich neben Halsschmerzen, dicken Mandeln, Husten vor allem einem Schnupfen, der seine eigene olympische Disziplin verdient hätte, alles mit. Dass darunter die Festtagsplanung litt, versteht sich von selbst. Die Bescherung wurde auf den Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages verlegt (so wie es die Briten tun), doch mein Mann und Söhnchen nahmen’s mit Gelassenheit, und irgendwie waren es trotz allem beschauliche Tage.

Derart zu Hausarrest verdammt, verfiel ich in einen wahren Kochrausch, wollte ich doch meine Lieben wenigstens in dieser Hinsicht verwöhnen. So kredenzte ich in den vergangenen Tagen Altbewährtes und Neuerprobtes.

Auf die heutige Premiere bin ich besonders stolz, denn jedes Familienmitglied trug zum Gelingen bei.

Für die Kässpätzle mit Weißbier hielt ich mich weitgehend an Gerhard Zislers zauberhaft altmodisches Kochbuch Köstliches aus der schwäbischen Küche, welches ich einst in einem Berliner Restaurant entdeckt hatte und mir sogleich zulegen musste.

Gerhard Zinsler, Köstliches aus der schwäbischen Küche. Komet, o. J.

Gerhard Zinsler, Köstliches aus der schwäbischen Küche. Komet, o. J.

Zinsler schreibt einleitend: „eine besondere Note bekommen diese Spätzle, wenn man Weißbier, d. h. Weizenbier mit in den Teig gibt und mit herzhaftem Bergkäse einen Auflauf daraus macht.“

Als Zwangsabstinente verfiel ich schon beim Lesen der Überschrift in einen (Freuden-)Rausch. Vom Alkohol bleibt aber allein ein mildwürziger Geschmack, der der ganzen Familie überaus mundete.

Für einen Auflauf, der locker vier Erwachsene sättigt, verrühre man 500 g Mehl, 6 Eier, 1/4 Liter Weißbier, 1 Prise Salz sowie Muskat zu einem glatten Teig. Eigentlich heißt es, Spätzleteig müsse „Blasen schlagen“. Ich hatte aber nicht mit einkalkuliert, dass das Bier beim Befüllen des Messbechers erheblich Schaum entwickeln würde, so dass ich letztlich wahrscheinlich deutlich mehr davon zum Teig kippte und dieser recht flüssig geriet. Sicherheitshalber bat ich meinen Mann, ihn mit den Knethaken des Handrührgeräts gründlich zu vermengen. Anschließend ließ ich ihn noch beinahe eine halbe Stunde ruhen, so dass er doch noch etwas dickflüssiger wurde.

Der Qualität der Spätzle tat die Konsistenz überhaupt keinen Abbruch: während ich mich ums Rotkraut (frei nach H. Davidis) kümmerte, schöpfte mein Mann Kelle um Kelle in den Einfüllschacht der sogenannten Spätzle-Hex, einer original schwäbischen Erfindung aus meiner Heimatstadt. Das Bubele drehte tapfer die Kurbel, die die Walze antrieb, welche den Teig in langen Fäden ins siedende Wasser beförderte. Eine Portion Spätzle nach der anderen wurde sodann mit der Schaumkelle aus dem Wasser gefischt, in eine Auflaufform gegeben und mit geriebenem Emmentaler und Greyerzer bestreut.

Anschließend noch alles für 10 Minuten unter den Grill, während ein paar Zwiebelringe in der Pfanne goldbraun schmälzten.

Kässpätzle mit Weißbier und Rotkraut – Swabian Soulfood.

Kässpätzle mit Weißbier und Rotkraut – Swabian Soulfood.

Ein Mittagessen wie ein Heimatfilm (minus verklemmter Sexualmoral und schlechtem Soundtrack – nur Technicolor konnte man damals anscheinend besser, als meine Kamera).

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Vierter Advent: Multikulti-Hechtzauber

Adventsgestrüpp, gesehen auf der Johann-Meyer-Straße, Hechtviertel, Dresden.

Adventsgestrüpp, gesehen auf der Johann-Meyer-Straße, Hechtviertel, Dresden.

Ein schöner, vierter Adventssonntag in familiam.

Ich darf ausschlafen. Irgendwann kommt das Bubele, ungewohnt zärtlich, zu mir ins Bett gekrochen, um zu „smusen“ und mir einen Morgenkaffee zu reichen. Einmal mehr schauen wir gemeinsam Wolfgang Slawskis witziges„Dresden-Wimmelbuch“ an (Besprechung auf DD4Kids). Das anschließende Bad muss ich mir mit einem Sporttaucher, einem Amphibien-Bagger und einem Tiefsee-Luffafisch teilen.

Gegen Mittag brechen wir zu dritt zum „Hechtzauber“ auf, dem Weihnachtsmarkt in der St. Pauli-Ruine. Das stimmungsvolle Plakat hatte mich neugierig gemacht. Unsere Hoffnung, etwas zu schnabulieren zu finden, wird nicht enttäuscht. Während das Bubele sich über eine Waffel mit Apfelmus freut, sehen wir fasziniert dabei zu, wie diese Menschen mittels eines Geräts, das an ein Sandkastenförmchen erinnert, in Sekundenschnelle eine Art Sushi To Go fabrizieren, also ein algenumhülltes Reisdreieck mit Ingwer-Rindfleisch in der Mitte, das sich Onigiri nennt (Umschreibung der DNN: „Butterstulle auf japanisch“). War mir ehrlich gesagt neu und ziemlich köstlich. Aufgrund der exquisiten Zutaten seine 2 Euro sicher wert, aber zwischen mir und meinem Mann eher etwas für den hohlen Zahn.

Außerdem ist’s in der gar nicht mehr ruinösen St-Pauli-Kirche recht kalt, so dass ich mich als Nächstes an einer orientalischen Linsensuppe wärme. Maram, die stets liebenswürdige Wirtin meines Lieblings-Palästinensers, wundert sich etwas über die wiederkehrende Frage der deutschen Weihnachtsmarkt-Besucher, ob ihre Gerichte auch ja nicht scharf seien – für sie könne es gar nicht scharf genug sein. Geht mir ja ähnlich, soange die Schärfe aromatisch ist.

Das Schärfe allein nicht genügt, erweist sich für mich beim Chili-sin-Carne-Wrap vom Dicken Schmidt (oder war’s der Falsche Hase? Mein Gedächtnis lässt mich gerade im Stich). Wuppt weder mich noch meinen Mann. Begeistert hingegen sind wir von der eher abschreckend als Eiersalat betitelten Fladenbrotfüllung. Eiersalat ist nämlich eines der wenigen Dinge, dass in mir aktive Ekelgefühle zu erzeugen vermag, so dass ich mir nicht vorstellen kann, wie die vegane Variante besser sein soll, wo das „Rebranding“ beim Chili con Carne schon nicht so recht klappen wollte. Schmeckt aber sehr gut!

Nachgefragt, was drin ist, entspinnt sich an der Theke eine lustige Variante der Stillen Post. Zwei Damen mit Ahnung sind mit Zubereiten beschäftigt und wenden mir daher den Rücken zu; ihr Kollege hat weit weniger Ahnung, macht diesen aber durch Humor wett, indem er einfach in meine Richtung ruft, was ihm an Zutaten durchgegeben wird: „Sojannaise, Kichererbsen, Pudel.“ Alles klar. Und so vegan.

Zu guter Letzt kann  ich noch einen Menschen in Augenschein nehmen, den ich bisher nur über Facebook kannte. Servus, Magnus!

Anschließend seliger Mittagsschlaf, Rumgetüddel mit Weihnachtsmusik-Probehören und schließlich Abendbrot: Feldsalat mit glasierten Honigmaronen, dazu Brot mit Avocado-Mango-Chutney-Aufstrich. Und zu guter Letzt endlich mal wieder gebloggt.

Falls wir uns vorher nicht mehr lesen, sprechen oder sehen sollten: Frohe Weihnachten!

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Henriette Davidis: „Spinat auf sächsische Art“

Spinat auf sächsische Art

Man koche den Spinat in gesalzenem Wasser mit 1 Zwiebel ab und hacke ihn mit einigen von Haut und Gräten befreiten Sardellen ganz fein, lasse Mehl in gelbgemachter Butter bräunen, rühre soviel Fleischbrühe, wie nötig ist, hinzu, lasse den Spinat darin gut durchkochen und garniere die angerichtete Schüssel […] mit Eiern.

[~ Henriette Davidis, Mutters praktisches Kochbuch: Leibgerichte für jeden Tag.*
Neuausgabe: Hg. Roland Gööck, München: 1964.]

Gestern wollte ich auf die Schnelle ein Grundrezept für Rosenkohl finden und blätterte kurz durch meine Kochbücher. Hängen blieb ich bei obigem Rezept. Nix mit „Blubb!“: dieser Spinat zeichnet sich durch die Beigabe von Sardellen sowie eine Mehlschwitze (in meiner Art zu kochen kaum noch präsent) aus.

Ist unter meinen sächsischen Lesern jemand, dem diese Art der Zubereitung ein Begriff ist, vielleicht aus der Kindheit, oder gar heute?


*Mutters praktisches Kochbuch: Leibgerichte für jeden Tag basiert ausdrücklich auf der Erstausgabe von Davidis’ Praktischen Kochbuch von 1845, das einst das deutsche Kochbuch darstellte. Das Spinatrezept fand übrigens (ohne Nennung der Quelle) auch Eingang in Dagmar Schäfers Reisen durch die Küchen von Sachsen, das erstmals 2006 erschien.

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Kleckern UND Klotzen: ein Kind und vier Sterne

Anruf in der Tourist-Info einer sächsischen Stadt, die hauptsächlich vom Tourismus lebt:

„Guten Tag, wir möchten morgen mit unserem Dreijährigen Ihr örtliches Wildgehege erkunden und hinterher einkehren. Könnten Sie mir eine Gaststätte in der Nähe empfehlen, die kinderfreundlich und preiswert ist? Also nichts Überkandideltes, vor allem.“

„Also, bei uns sind eigentlich alle Lokale gut!“ (Brüller Nummer Eins – aktuell habe ich 19 Tabs offen, und das stellt schon meine Vorauswahl dar) – “Aber das Hotel Elbsymphonie, das hat vier Sterne, das kann ich Ihnen empfehlen.“

Ah ja. Da werden Sie geholfen. Danke.

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George Clooney, Amal – und ich

Aus Träumen aufzuwachen und angesichts ihres Endes eine Schwermut zu empfinden, das kenne ich vor allem aus meinen Jugendjahren.

Damals verschlang ich fantastische Literatur – die Initialzündung war wohl die Begegnung mit Tamora Pierce’ Jugendroman-Tetralogie Die schwarze Stadt, 1985, Im Bann der Göttin, 1986, Das zerbrochene Schwert, 1987, Das Juwel der Macht, 1988. Anschließend wagte ich mich an Gillian Bradshaws Trilogie über die Ritter der Tafelrunde (Falke des Lichts; Das Königreich des Sommers; Die Krone von Camelot). Schließlich, wenig überraschend, landete ich bei Marion Zimmer Bradleys Die Nebel von Avalon. (Angesichts meines damaligen Pensums kann ich kaum glauben, dass ich heutzutage fast gar keine Bücher mehr lese.) In Deutschland wird ja über das Fantasy-Genre gerne die Nase gerümpft, aber ich wünschte mich sehnsüchtig in jene andere Welten.

Womit wir wieder im Hier und Jetzt angelangt wären, dem heutigen Morgen.

Mir träumte, ich sei der perfekten Liebe begegnet. In der ersten Hälfte des Traumes war das noch ein eher gesichtsloser, abstrakter Mann; es stand das Gefühl absoluter Sehnsucht und beiderseitigen Begehrens im Vordergrund.

Nachdem kurz vor sechs die kleine Apfelsine in meinem Uterus mächtig auf meine Blase drückte und ich kurz aufs Klo gehuscht war, fiel ich, wieder im Bett, sogleich in den Traum zurück, nur dass es diesmal George Clooney war, der mich bezaubernd fand und mir den Hof machte. Das Schöne während dieses Stadiums meines Traumes war, dass mich überhaupt keine Zweifel plagten, ob ich gegen all die weibliche Hollywood-Konkurrenz anstinken könnte. Er wollte mich, und ich genoss seine Aufmerksamkeiten. Ich tanzte für ihn auf der Straße (ich war gertenschlank und definitiv nicht schwanger).

Die zweite Hälfte kippte dann leider: George hatte mir eine Mappe zugespielt, in der er seine Interessen auflistete: Oper und das britische Königshaus (LOL!), und infolgedessen versuchte ich ihn mit meinem angelesenen Tratsch über William und Kate zu beeindrucken. Schnell merkte ich, dass ich ihn zu nerven und er mir zu entgleiten begann. Der größte Fauxpas passierte mir, als ich ihm einen Geheimtipp in einer italienischen Stadt zeigen wollte und das Theater als „masterpiece of art deco architecture“ bezeichnete, obwohl es ganz klar ein klassizistischer Bau war. Ich litt Höllenqualen. Ich spürte die Größe unserer Liebe und wollte einfach nicht loslassen.

Dann wachte ich auf. Minutenlang war ich untröstlich, dass alles nur ein Traum gewesen war.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich „in echt“ wahrscheinlich viel lieber mit Amal, der schönsten und klügsten aller Frauen, verheiratet wäre.

Dieser Videoclip vereint meine zwei liebsten Themen: eine Powerfrau, die sich mit Kunstgeschichte auskennt. Fast so gut wie mein Traum letzte Nacht.

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Zwanzig Jahre Dresden – mein subjektiver Rückblick auf die Frage, „Was hat Dich in den Osten verschlagen?“

„Was willst Du denn da? Da gibt es doch nichts!?“. Das war, ungelogen, die Standardreaktion meiner Klassenkameraden, wann immer die Sprache auf meine künftige Studienplatzwahl kam. „Da“ – das war Ostdeutschland; in ihren Augen hätte es ebenso gut Sibirien sein können. Rückblickend glaube ich, unser gymnasialer Geschichts- und Geografieunterricht wäre ausbaufähig gewesen.

Am 3. Oktober 2014 jährte sich der Tag, an dem ich des Studiums wegen nach Dresden übersiedelte, zum 20. Mal. Mit ein paar zusammengewürfelten Kochutensilien bezog ich ein Wohnheims-Doppelzimmer im frisch sanierten Max-Kade-Haus in der Südvorstadt.

Wie oft bekam ich in jenen Jahren die Frage zu hören: „Was hat Dich in den Osten verschlagen?“. Ich begann, diese Formulierung zu hassen und die, welche sie gedankenlos gebrauchten, zu verachten. Bald sparte ich mir die Wahrheit (dass es eine bewusste Entscheidung für die Studienbedingungen vor Ort gewesen war) und antwortete stattdessen mit todernster Miene: „Genosse Stalins Arm reicht weit.“

The summer of 1994.

Mein erster Dresden-Besuch anno 1994: krank und mit Astronautennahrung.

„Da gibt es doch nichts!“? – Wie ein Foto meines ersten Dresden-Besuch anlässlich der Aufnahmeprüfung für das Fach Kunstgeschichte im vorausgegangenen Sommer zeigt, gab es zumindest bereits Fast Food. Noch während dieses Aufenthaltes entwickelte ich hohes Fieber und konnte die Stadt kaum in Augenschein nehmen.

So blieb gerade mal Zeit für die Frauenkirchenruine, von der aus ich und mein damaliger Freund uns in völliger Planlosigkeit zur Elbe durchfragen (!) mussten, sowie einen nächtlichen Spaziergang entlang des gegenüberliegenden Ufers. Halb peinlich berührt, halb staunend wurden wir Zeuge, wie ein Pärchen auf einer der Bänke entlang der Elbe im Mondschein kopulierte, und wahrscheinlich war es dieses Gefühl – „Boa ey, Großstadt!“ –, das meinen Entschluss, hierher auszuwandern, unterfütterte.

Außer dem obigen Foto existieren von der damaligen Erkundigungsreise zwei weitere Aufnahmen: An der Yenidze waren wir wohl zufällig vorbeigefahren, und ich hoffte, sie dereinst in alter Pracht bewundern zu können:

Auf dem nächsten Bild erkenne ich mich an einem Ort, den ich bis heute nicht sicher identifizieren kann. Irgendwo Nähe August-Bebel-Straße? (Ein Facebook-Follower wusste des Rätsels Lösung: „Das Straßenfoto zeigt im Hintergrund die Mauern des Heinz-Steyer-Stadions, also gleich bei der Yenidze.“ – Danke, Alexander!)

Meine Dresden-Kenntnisse sollten sich im ersten Jahr nicht sonderlich vertiefen, denn mein damaliger Freund, mit dem ich seit der 11. Klasse „ging“, studierte am Bodensee, und so lernte ich im ersten Studienjahr dank des neu eingeführten Schönes-Wochenende-Tickets vor allem die Bahnhöfe auf der Strecke Dresden – Konstanz kennen: Chemnitz, Reichenbach, Plauen. Die Ostdeutschen mochten von diesen Bahnhöfen in die Freiheit aufgebrochen sein; ein halbes Jahrzehnt nach der Wende schien die DDR an ebenjenen Bahnhöfen noch immer enttäuscht auf die Rückkehr ihrer Bürger zu warten. Geruch, Service, Angebot: Nirgendwo blieb in meiner Wahrnehmung das DDR-Feeling virulenter, als während meiner stundenlangen Zwangsaufenthalte in diesen Bahnhofshallen.

Meine Neugierde auf Dresden wurde eigentlich erst in einem Proseminar geweckt, für welches das Institut für Kunstgeschichte Angestellte des Amt für Kultur und Denkmalschutz als Dozenten einlud. Es ist peinlich, wie lange ich da bereits in Dresden gelebt hatte, ohne auch nur eine ungefähre Vorstellung von der Stadt zu besitzen. Noch heute kann es geschehen, dass ich Plätze wieder entdecke, die ich vor fast zwei Jahrzehnten im Rahmen dieser Lehrveranstaltung kennengelernt und prompt wieder vergessen hatte.

Nun wohne ich also zwanzig Jahre hier, habe nacheinander die Südvorstadt und Strehlen, die Prager Straße, Karstadt, den Weißen Hirsch, das Preußische Viertel, IKEA Chemnitz, die Äußere Neustadt, das Hechtviertel, IKEA Dresden, Pieschen und zuletzt die Innere Neustadt kennengelernt. (Wie man sich in Striesen zurechtfinden soll, ist mir bis heute verborgen geblieben.)

Bin ich eine Dresdnerin? Natürlich bin ich hier gemeldet. Mein Sohn ist Dresdner. Mein Mann ist nicht hierzulande geboren, aber in dieser Stadt, unter den Fittichen des Kreuzchores, aufgewachsen. Ich wohne hier. Mein Leben spielt sich hier ab. Ein Rest Fremdheit ist geblieben. Ich mache daraus keinen Hehl. Ich finde, das ist gut so. Fremdsein heißt immer auch, die Dinge mit anderen Augen betrachten zu können.

Trotzdem und gerade deswegen hoffe ich, dass dieses kleine, zuletzt seltener gepflegte Journal den einen oder anderen Beitrag bereit hält, der meine Wertschätzung, meine Begeisterung und auch meine Liebe für diese Stadt, für ihre Menschen, Orte und Eigenarten zum Ausdruck bringt.

Ach ja: wenn alles gut geht, werde ich „’Rei’g’schmeckte“ im nächsten Frühjahr der Stadt Dresden einen weiteren gebürtigen Dresdner unterjubeln. Ätsch und freu!

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Taillierte Sakkos und andere Playlisten auf Radio David Byrne

Bewusstes Musikhören ist durch die Elternschaft sehr in den Hintergrund gerückt; ich schaffe es kaum noch, die CD-Veröffentlichungen neuer oder mir lieb gewordener Künstler zu verfolgen. Gerade deshalb sind die regelmäßig wechselnden Playlisten, in denen Musikveteran David Byrne alles verwurschtet, was ihm bei seinen zahlreichen Touren unterkommt, eine unerschöpfliche Fundgrube für mich. Egal ob Weltmusik von Samba bis Tango, ob Indie, Gospel, oder einfach unter herrlich ironischen Titeln wie „Background Music for Thanksgiving Hell“  Zusammengeworfenes – David Byrne scheint sich nimmersatt durch die Musikwelt zu hören, und seine Auswahl verrät seine enzyklopädischen Kenntnisse sowie sein gutes Ohr.

Unter der klugen Überschrift Custom Jackets, Now and Then (maßgeschneiderte Sakkos, damals und heute), die wohl auf die fantasievollen, taillierten Damensakkos anspielt, mit denen die Country-Frauen zugleich Weiblichkeit signalisieren, während sie innerhalb dieses Genres mühelos „ihren Mann stehen“, beschreibt Byrne seine aktuelle Playlist so:

„Here’s a selection of women—who have been tainted or touched by country music—making wonderful songs and recordings. Mostly, I hear the influence of country music from before country acts went all pop and rock—now everyone swapped places, just a little. Some of these folks do come from Nashville, but many others have nothing to do with Music City USA whatsoever…but it seems to me they must have absorbed just a little of that influence somewhere along the line, in the blood or in the air.

David Byrne
NYC“*

Melancholisch, ohne ins Depressive zu verfallen sowie beschwingt, ohne Sehnsucht nach dem Sommer zu wecken, höre ich den gut dreistündigen Stream mit ca. 55 Songs beinahe in Endlosschleife. Eine Empfehlung! Die Playlisten vergangener Monate kann man sich übrigens weiterhin ansehen – sie werden nur nicht mehr gestreamed.

So kann ich ziemlich genau rekonstruieren, dass ich „Radio David Byrne“ wohl vor fünf Jahren entdeckt haben muss, denn an den damaligen „Soundtrack for a European Tour“ erinnere ich mich sehr gut. Viele der dort aufgeführten Künstler (Antony & The Johnsons, Hercules and Love Affair, Fever Ray, Bon Iver) kannte ich noch gar nicht; heute zählen sie zu meinen Lieblingen.


*Dies ist eine Auswahl von Frauen, die alle mit Country-Musik in Berührung gekommen sind und wunderbare Songs und Aufnahmen geschaffen haben. Ich höre im Wesentlichen den Einfluss des Country aus jener Zeit, ehe viele Country-Musiker sich Pop und Rock zuwandten – heutzutage scheinen alle in gewisser Hinsicht die Plätze getauscht zu haben. Manche dieser Leute kommen aus Nashville, aber Viele haben mit der „Music City USA“ (wie Nashville auch genannt wird) überhaupt nichts zu tun … Mir scheint jedoch, dass Viele irgendwo auf ihrem Weg die Einflüsse dieser Stadt in sich aufgesogen haben, sei es über die Luft oder übers Blut. [Meine Übersetzung.]
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